Studiengang ‚Literarisches Schreiben‘ zu Gast im Casablanca

Erinnern Sie sich noch an die Zeit bevor COVID-19 unseren Alltag fest im Griff hatte, das Casablanca (und alle anderen Kinos weltweit) zur vorübergehenden Schließung zwang und Mund-Nasen-Schutzmasken noch nicht zum alltäglichen Standardrepertoire gehörten? Es ist noch gar nicht so lange her: Anfang Februar kam eine Gruppe Studierender der Faber-Castell Akademie zu uns ins Kino und führte ein Interview für einen Probeartikel im Bereich „Kulturjournalismus“. Peter Ketenidis, einen der angehenden Journalist*innen, hat uns seinen daraus entstandenen Artikel dankenswerterweise zur Veröffentlichung an dieser Stelle zur Verfügung gestellt und ruft so die Erinnerung an eine Zeit vor COVID-19 wach:

Jenseits ihrer bekannten Sehenswürdigkeiten haben Großstädte immer auch ganz eigene, eher verborgene, magische Orte. Jeder Reiseführer fahndet nach ihnen, doch worin ihr besonderer Reiz liegt, dass können oft nur die mit dem gleichen Lokalkolorit benennen.

Das Casablanca in Nürnberg ist ganz sicher so ein Ort. Die Älteren werden sich daran erinnern, als es noch ein ganz „normales“ Kino war, zu einer Zeit in der noch kein Handy während der Vorführung klingelte. Als dann die Multiplex Kinos kamen, wurde es stiller rund um den verglasten Hinterhof mit seinen liebenswerten Jugendstilanleihen.

Das war uns Anlass genug einmal nachzusehen, was denn aus dieser Nürnberger Institution geworden ist. Und so standen wir also in dem besagten Hinterhof, der ganz wie früher gleichermaßen als eine Art Vorzimmer für die angrenzende Kneipe, wie auch für die Kinokasse dient.

Sentimentale Gefühle wurden schnell verscheucht, als Frau Laura Oehme erschien und zu einem Rundgang durch das Kino einlud. Sie führt den Titel einer Programmkoordinatorin, doch es wurde schnell klar, dass die Zuständigkeiten eine größere Bandbreite haben in einem Verein, der gerade einmal zwei hauptamtliche Mitglieder hat. Ein Verein ist nämlich das Casablanca unterdessen geworden und zwar einer mit immerhin 1.100 (!) Mitgliedern. Das erfahren wir unter sehr beengten Platzverhältnissen, im Vorführraum nämlich, der mittlerweile auch hier mehr einem Serverraum gleicht. Raumfüllend steht ein 19 Zoll Schrank mit 42 Höheneinheiten darin und auch das Surren der Computer gleicht eher dem eines Rechenzentrums. Moderne Filme werden heute als Festplatte angeliefert lässt uns Frau Oehme wissen, beinahe mit einem tröstenden Unterton verweist sie aber auf das alte Vorführgerät im Eck, dass soviel mehr unseren Vorstellungen eines Kinoprojektors entspricht. Sogar die alten 35mm Filmrollen liegen noch herum und in ganz besonderen Fällen kommen sie auch noch zum Einsatz.

Dann klettern wir wieder aus diesem Zimmerchen, Frau Oehme macht noch auf das Tablet vor der Tür aufmerksam, es ermöglicht dem Vorführer etwa bei einer Podiumsdiskussion, oder bei Wortbeiträgen, die es hier auch vermehrt gibt, einen Film punktgenau zu starten. Überhaupt hat der größte Saal des Hauses mit seinen 90 Sitzplätzen gerade eine technische Runderneuerung hinter sich. Die Schönheitsreparaturen stehen noch an, sagt Frau Oehme und bittet uns diskret zum Ausgang, denn die nächste Vorstellung beginnt in wenigen Minuten.

Wir folgen ihr auf die Straße hinaus und ums Eck in Richtung Kopernikusplatz, wo der Verein Büroräume angemietet hat. Auch dieses Wort ist vielleicht etwas zu sehr an die Geschäftswelt angelehnt. Es finden sich darin die Requisiten so ziemlich aller Tätigkeiten menschlicher Kommunikation. Auf den Tischen steht noch der Namenszug „Peter Wohlleben“, dessen Film über das geheime Leben der Bäume gerade gezeigt und wird und der auch persönlich zu anschließender Diskussion vor Ort war. Im Eck steht ein Flipchart, mit der Aufschrift „CASA 2020“ und harrt wohl schon seit geraumer Zeit weiterer Planungen.

Frau Oehme ist nun aber ganz in ihrem Element! Von den Schwierigkeiten der Anfänge vor etwa 11 Jahren spricht sie und wie eine Gruppe von Menschen zusammenfand, die absolut keine Ahnung von einem geregelten Kinobetrieb hatte, sich aber einig darin war, dass das Casablanca nicht sterben darf. Unmerklich beschleunigt sich ihr Vortrag dabei, bis man Mühe hat mit den Notizen hinterherzukommen.

Die Hürden der Anfänge sind nun so vollständig überwunden, dass für den Abend der 50.000. Besucher innerhalb eines Jahres erwartet wird, ein Umstand, der vielleicht zu einer besonderen Würdigung führt, so genau hatte man das gegen 17.00 Uhr noch nicht geplant. Man kann es bis in diese kleinen Details hinein wahrnehmen: es sind Kino-Enthusiasten, die dem Casablanca zu neuem Leben verholfen haben, keine Betriebswirtschaftler. Dazu gehören ebenso die zahlreichen ehrenamtlichen Mitglieder des Kassenteams, wie die vielen stillen, aber zahlenden Mitglieder.

Ihr erstes und wichtigstes Ziel, das Casablanca am Leben zu erhalten ist ihnen unbestreitbar gelungen, so allgemach bildete sich dabei aber auch ein Profil heraus, dass den Betrieb so unverwechselbar machte wie sein Intereuer: es wird viel Wert darauf gelegt nach den Filmen immer wieder Raum für Diskussionen, Besprechungen, weiterführende Hintergrundinformationen zu bieten. Das ist wohltuenden anders, als anonyme Posts in den sozialen Medien.

Nachdem uns das Flipchart keine Details zur Jahresplanung verraten hat, fragten wir gegen Ende Frau Oehme ganz direkt, mit welchen Vorhaben sie in das neue Jahr startet. Und das schien eine Frage so ganz nach ihrem Geschmack zu sein: wir hörten eine unsortierte Fülle von großen und kleinen Dingen, Kooperationen mit anderen Kino- und Kulturvereinen, vom Thema Nachhaltigkeit und den ganz pragmatischen Anforderungen dafür. Weitere Fahrradständer vor dem Kino zum Beispiel und den ausschließlichen Einsatz von LED-Lampen. Und ganz zum Schluss den Punkt mit der höchsten Priorität: Das Casablanca muss überleben!

Wer neugierig geworden ist auf dieses besondere Kinoformat, dem empfehlen wir einen Besuch am kommenden Samstag, den 8. Februar, da wird der Film „Butenland“ gezeigt. Mit vor Ort werden dann der Regisseur Marc Pierschel und die Protagonisten Jan Gerdes und Karin Mück sein.

Peter Ketenidis

Monatsflyer Februar 2020

Damals ahnten wir noch nicht, dass wir rund einen Monat später den Kinobetrieb für drei Monate aussetzen müssen und das Casablanca zum ersten Mal seit seiner Wiedereröffnung im Jahr 2009 wieder um seine Existenz bangen muss. Dank unseren zahlreichen Mitgliedern, mehr als 150 neuen (!) Mitgliedern, zahlreichen Spendenden und Gutschein-Käufer*innen sowie unseren sehr solidarischen Vermieter*innen haben wir es vorerst durch die Krise geschafft. Dafür können und wollen wir uns nicht oft genug bedanken! Daher auch an dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön an alle Unterstützer*innen des Casablanca!

LO