Kinotour: Die Schatten der Wüste
Der neue Film von Franziska Schönenberger („Amma und Appa“). Zum Start kommt das deutsch-indische Filmemacher-Paar Franziska Schönenberger und Jayakrishnan Subramanian ins Casa!

Junge Männer in der Fremde. Sie arbeiten mit oder ohne Vertrag und hoffen auf finanziellen Erfolg. Sie arbeiten in einem reichen Land und sie werden schlecht bezahlt. Manche schicken Geld nach Hause, manche nicht. Manche sehen ihre Familien ein-, zweimal im Jahr, manche noch seltener und manche nie wieder. Sie überleben einen Konflikt nicht, sie sterben bei einem Arbeitsunfall – oder sie begehen Selbstmord, um nicht den zuhause gebliebenen Familien die eigene Erfolglosigkeit eingestehen zu müssen. Einer von ihnen ist Baskaran. Er kommt aus Indien und arbeitet in Dubai. Dort stirbt er.

Manches davon ist uns auch in Europa nicht fremd. Wir wissen, dass Ausbeutung nie ein lokales Phänomen ist – aber wir wissen wenig, wie diese mörderische Abhängigkeit in einem anderen Teil der Welt aussieht.

Der Film „Die Schatten der Wüste“ zeigt uns nur Fragmente vom Ort der Ausbeutung. Viel wichtiger ist der Ort der Überlebenden, die Heimat. Sundari, die Hauptperson, wirkt im Film vertraut, fast familiär. Sie ist die junge Witwe Baskarans, der angeblich Selbstmord begangen hat, und sie ist die Cousine von Jay, einem der beiden Filmemacher. Der Blick auf den Ort des Geschehens ist weder distanziert noch abenteuerlich. Er ist Teil von Jays Heimat.

„We both left our home at the same time, Baskaran went to Dubai as a construction worker, I went to Germany to become a filmmaker.“ Franziska, die zweite Filmemacherin, kommt aus Deutschland. Beide, Jay und sie, gehen zu den Dreharbeiten nach Indien. Er in die Heimat, sie in die Fremde. Diese beiden Perspektiven machen den Film ungewöhnlich. Sie machen ihn reich.

Es gibt Regeln, Gesetze und Verabredungen zur Arbeit des Autors, auch im Bereich des dokumentarischen Erzählens. Spannend wird es dann, wenn Regeln gebrochen und Grenzen überschritten werden.

„Die Schatten der Wüste“ beginnt wie eine große Inszenierung. Wir sehen den stummen Blick des Erzählers am Telefon. Wir sehen Krähen in der Wüste. Dann die Zeichnung vom Gesicht des toten Mannes. Die Zeichnung brennt – aber sie verbrennt nicht. Im Gegenteil: Die Flammen machen das Gesicht erst kenntlich.

Das ist das Wesentliche (nicht nur) beim Dokumentarfilm: Er berichtet oder erzählt – aber er erklärt nicht. Ihn interessiert nicht die Vollständigkeit. Er belässt es bei Fragmenten und fordert uns, die Zuschauer, heraus, diese Fragmente zu verbinden und mit unseren eigenen Erfahrungen abzugleichen. Und wenn alles gut geht, dann sind wir schlauer geworden, oder tatendurstiger, oder wütender. Im besten Falle alles zusammen…




Donnerstag, 10. Januar
19:00

Casablanca

D 2018 | R: Franziska Schönenberger / Jayakrishnan Subramanian | 86 Min. | ab 12 | OmU

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