Casa-Blog

Der Casablanca-Blog

Das Casablanca ist anders als andere Kinos. Das weiß unser Publikum – und in diesem Blog wollen wir ab und zu Einblick in die Hintergründe geben!

Berlinale-Rückblick (3)

von Rainer Mesch (Programmgruppe & CasaAkademie)

Liebe, Beziehung, die Suche nach Glück – das sind universelle Themen des Kinos und sie stehen in vielfältigen Variationen und Spielarten auch immer wieder im Mittelpunkt von Festivalfilmen. Und selbst wenn man glaubt, das alles schon einmal gesehen zu haben, gibt es Filme, die durch ihre Geschichte, ihre Figuren, ihre Erzählweise aufs Neue berühren. So erging es unserer Programmgruppe z.B. bei der Sichtung der für den Saarbrückener Max-Ophüls-Preis nominierten Filme mit ‚Die Sonne brennt‘ (siehe den dortigen Blog-Eintrag).

Im Berlinale-Wettbewerb wurde dieses Thema durch Maria Schraders unterhaltsame Sci-Fi-Rom-Com (welch herrliche Abkürzung für eine romantische Komödie, die in der Zukunft spielt) ‚Ich bin Dein Mensch‘ repräsentiert, welche auf unterschiedliche Resonanz stiess. Während ein Teil der Kritiker (einschließlich unseres Theaterleiters, siehe seinen Beitrag hierzu) enttäuscht war, fanden ihn andere Cineasten (und ein Teil unserer Programmgruppe) durchaus sehenswert. Maren Eggert bekam für ihre Darstellerleistung einer Single-Frau, die eine Beziehung mit einem (schon ziemlich perfekt aussehenden und sprechenden) Roboter-Mann ausprobiert, sogar den Silbernen Bären.

‚Ballad of a White Cow‘

So sehr man diesen Preis einer deutschen Darstellerin auch gönnen mag, verdient hätte ihn eine andere: die iranische Regisseurin und Schauspielerin Maryam Moghaddam, die in dem zusammen mit ihrer Kollegin Behtash Sanaeeha inszenierten Wettbewerbsbeitrag ‚Ballad of a White Cow‘ (Ghasideyeh gave sefid) auch die Hauptrolle übernahm. Für mich persönlich der mutigste und stärkste Film des Festivals. Auch er handelt vordergründig von einer sich anbahnenden Beziehung: Das Leben einer Iranerin gerät aus den Fugen, als sie erfährt, dass ihr Ehemann zu Unrecht des Verbrechens angeklagt wurde, für das er hingerichtet worden ist. Die Bürokratie entschuldigt sich für den Justizirrtum und stellt eine finanzielle Entschädigung in Aussicht, die aber auf sich warten lässt. Als das Geld knapp wird und sie aus ihrer Wohnung muss, erscheint ein Fremder, der sie großzügig finanziell unterstützt und ihr eine neue Bleibe vermittelt. Spät, sehr spät, als sie sich schon in ihm verliebt hat, erfährt diese Frau die wahre Identität des neuen Freundes. Es ist ein Richter, der für den Tod ihres Mannes mitverantwortlich ist und durch seine Hilfe die Schuld zu sühnen versucht.
Eigentliches Hintergrund-Thema des Films ist die Verurteilung zur Todesstrafe, die nur in China häufiger vollstreckt wird als im Iran. ‚Ballad of a White Cow‘ greift das dortige politische System direkter an als etwa die Filme früherer Berlinale-Preisträger wie Mohammad Rasoulof oder Jafar Panahi, die beide unter Hausarrest gestellt und mit einem Arbeitsverbot belegt wurden. Hier hat das Justiz-System offensichtlich versagt und „entschuldigt“ sein Vorgehen damit, dass es wohl letztlich doch Allahs Wille gewesen sei, das ein Mensch unschuldig habe sterben müssen. Einen weiteren Tabubruch stellt eine kleine unscheinbare Szene dar, in der sich die Frau abends vor dem Spiegel die Lippen schminkt.
Als westlicher Zuschauer nicht der Erwähnung wert. Man weiß, sie wird nun in sein Zimmer gehen und sie werden wohl miteinander schlafen. Diese Vorstellung hat allerdings offenbar iranische Behörden auf dem Plan gerufen, die sich veranlasst sahen, gegen die vorgebliche Diffamierung ihres Landes durch diesen Film bei der Berlinale-Leitung Protest einzulegen.
Schade, dass dort nicht mutig genug war, abermals ein politisches Zeichen zu setzen und diesem Film mit der Auszeichnung eines Preises international Reputation zu verschaffen.
Lag es daran, dass mit ‚Doch das Böse gibt es nicht‘ von Mohammad Rasoulof im Vorjahr ein iranischer Film über das gleiche Thema (Todesstrafe) den Goldenen Bären gewann und dieser Regisseur dieses Jahr (per Zoom zugeschaltet) mit in der Berlinale-Jury war? Ich wünsche ‚Ballad of a White Cow‘ jedenfalls einen Verleih und ein zahlreiches Publikum. ⭐⭐⭐⭐⭐

‚Die Welt wird eine andere sein‘

ist der neue Film von Anne Zohra Berrached, jener Regisseurin, die vor fünf Jahren mit ’24 Wochen‘ im Berlinale-Wettbewerb vertreten war, diesmal zu sehen in einer Nebenreihe. Nach diesem eher intimen Kammerspiel präsentiert sie diesmal großes Gefühls-Kino mit politischem Hintergrund. Der Film ist in fünf in aufeinander folgende Kapitel eingeteilt und diese fünf Jahre des Zusammenseins eines jungen Paares strukturieren den Film. Er erzählt von einer türkischstämmigen Studentin der Naturwissenschaften, die sich in einem charismatischen jungen Mann verliebt, der aus dem Libanon kommt. Da trotz gemeinsamen Religionshintergrunds für ihre Herkunftsfamilie eine Beziehung mit einem Araber nicht in Frage kommt, verheimlicht sie diese zunächst und wagt aber schließlich die Eigenständigkeit. Anlässlich ihrer Heirat schwört sie ihm nicht nur ewige Treue, sondern auch, seine Geheimnisse niemals zu verraten. Schnell wird klar, dass er sich heimlich mit fremden Freunden trifft und tatsächlich auch seine Geheimnisse hat, die mit religiöser Radikalität verbunden sind. Sie ahnt nicht, dass die Welt eine andere geworden sein wird, als sie das ganze Ausmaß dessen erkennt, worin er verstrickt war.
Mit ‚Die Welt wird eine andere sein‘ (der u.U. unter dem internationalen und durchaus passenden Titel ‚Copilot‘ ins Kino kommen wird) beweist die Regisseurin einmal mehr ihren besonderen Blick für das Private im Politischen und eine große Sensibilität im Umgang mit ihren Darsteller*innen. Wie in unserem CasaAkademie-Seminar zu „Frauen auf dem Regiestuhl“ näher ausgeführt, erzählt sie ihre Geschichten stets aus weiblicher Perspektive und vermag selbst einem Tatort (‚Der Fall Holdt‘) einem feministischen Stempel aufzudrücken. Auch hier steht eine junge Frau im Mittelpunkt des Geschehens, zerrissen zwischen den Gefühlen von leidenschaftlicher Liebe, permanenter Irritation, Pflichtgefühl und Verrat. Immer wieder wird sie ihrem Partner neu vertrauen und auch der Zuschauer ist geneigt, dem durchaus sympathisch gezeichneten jungen Mann zu verzeihen. Die politische Brisanz des Themas, die wir an dieser Stelle nicht „spoilern“ möchten, steht im Hintergrund.
Genau das ist natürlich die Achilles-Ferse dieses handwerklich gekonnt gemachten und spannenden Films, dessen Handlung – so wird im Vorspann angedeutet – durchaus von realen Ereignissen inspiriert sein könnte. Insofern bedarf der Film einer Einordnung, die über das Thema weiblicher Beziehungsabhängigkeit hinausgeht. Er wirft viele Fragen auf, regt zu Diskussionen an, die wohl am besten unter Anwesenheit der Regisseurin zu führen sind. ⭐⭐⭐⭐

‚Glück‘

… heißt schlicht und ergreifend der neue Film der jungen Regisseurin Henrika Kulla, die nach ihrem hochgelobten Debutfilm ‚Jibril‘ nun mit ihrem zweiten Film in die Berlinale Nebensektion Panorama zurückkehrt. ‚Glück‘ erzählt die Geschichte der beiden Sexarbeiterinnen Maria und Sascha, die sich im Job kennen und lieben lernen.
Maria ist ein junge Italienerin und neu in dem Gewerbe, Sachsa einige Jahre älter und sehr routiniert. Mit Leichtigkeit und Präzision wird ein Arbeitsplatz portraitiert, der oftmals verklärt dargestellt wird. In diesem Film ist das Bordell ein wohnlich und fast schon familiär wirkender Ort, wo Frauen mit nüchterner Alltäglichkeit und Routine ihren (Blow- und sonstigen) Jobs nachgehen. Die Sexarbeit ist für sie schlicht nur ein Weg, Geld zu verdienen.
Henrika Kull hat über mehrere Jahre in unterschiedlichen Bordellen ausgiebig recherchiert und ihren Angaben zufolge auch schon mal der „Hausdame“ (welche schöner Begriff!) „assistiert“ (was auch immer das heißen mag). Sie hat so viele Prostituierte kennengelernt, die sich schließlich auf das Experiment eingelassen haben, mit und bei ihnen einen Film zu drehen. Während diese Frauen sich in ihrem gewohnten Umfeld selbst spielen, hat sie die Hauptrollen mit zwei professionellen Schauspielerinnen mit großer Ausstrahlung besetzt: der unglaublich präsenten bisher unbekannten Katharina Behrens und Adam Hoya, laut Verleihangaben ein „italienischer Künstler, der seit 1992 mindestens ein halbes Dutzend unterschiedlicher Namen für sich gewählt und über viele Jahre selbst von der Sexarbeit gelebt“ hat.
Dennoch ist ‚Glück‘ vorrangig kein Film über das dargestellte Milieu, sondern ein Liebesfilm zweier Frauen, der sich eben an einem ungewöhnlichen und dort nicht gerade erwartbaren Ort zuträgt. Auch spielt es keine Rolle, welche Auswirkungen diese Liebe an diesem „Arbeitsplatz“ hat, ob und wie sie auf das Zusammensein mit den anderen Frauen verändert.
Das Glück droht nicht, wie man vermuten könnte, am dortigen Milieu zu zerbrechen. Es kippt, als Sachsa versucht, das Leben mit ihrer neuen Liebe mit ihren Wurzeln in der brandenburgischen Provinz und ihrem dort lebenden 11jährigen Sohn zu verbinden.
‚Glück‘ ist vor allem ein Liebesfilm über zwei Frauen, die nicht – oder nicht mehr – an die Liebe glauben und dann plötzlich Angst vor ihrem eigenen Wagemut haben.
Ästhetisch ist dies ein Film voller authentischer kraftvoller Bilder, bei der die Kamera immer ganz nahe an den beiden Protagonistinnen ist. Trotzdem wird er es bei einem Kinoeinsatz schwer haben und es steht zu befürchten, das er angesichts seines heiklen Themas in naher Zukunft als kleines Fernsehspiel in der Spätmitternachtsschiene des mitproduzierenden ZDF landet. Wir werden uns jedenfalls darum bemühen, ihn im Casablanca zu zeigen. ⭐⭐⭐⭐

Eine kleine Schlussbemerkung: Bei der Sichtung von Beziehungsfilmen auf der Berlinale ist mir aufgefallen, dass hier zwar höchst ungewöhnliche Konstellationen abgehandelt werden, aber alle letztlich am klassischen Modell der Zweierbeziehung festhalten. Fallen dem aktuellen Kino hierzu keine Alternativen, keine Utopien mehr ein ? Ich wünsche mir jedenfalls mal wieder Filme über eine polyamore Liebe wie bei ‚Jules und Jim‘ und ‚Warum nicht!‘. Da waren uns die Filme der 60er und 70er Jahre bei ihrer Suche nach Glück mit ihren Ideen doch etwas voraus. Aber zumindest im Kino sollte doch alles möglich sein, oder?

19. März 2021


Berlinale-Rückblick (2)

von Yulia Krylova (Casa-Programmgruppe)

Filme können dabei helfen, um den gegenwärtigen globalen Geschehnissen und Sorgen für wenigstens 90 Minuten zu entkommen. Während diese Strategie in den Lockdowns mithilfe von älteren Filmen möglich war, wurden schrittweise auch die neusten Berlinale Filme logistisch und thematisch von der Corona-Krise eingeholt. Dies hat sich vor allem nicht nur durch die verringerte Zahl an Schauspieler*innen und Statist*innen und der bevorzugten Wahl von leeren Drehorten gezeigt, sondern auch auf die jeweiligen Inhalte, die zwangsweise Parallelen zur Pandemie herstellten, ausgewirkt.

Mit Petite Maman von Céline Sciamma wird die 8-jährige Protagonistin mit der Einsamkeit durch ihre Situation als Einzelkind konfrontiert. Hervorgerufen durch den Tod ihrer Oma und dem damit verbundenen Rückzug der Mutter, sticht diese Suche nach Gesellschaft noch deutlicher hervor. Durch ihre kindliche Imagination versucht die Protagonistin, dem Alleinsein zu entkommen und die Sehnsucht nach ihrer Mutter zu verarbeiten. Die Kamera begleitet sie dabei nicht nur durch minimalistische Räume, sondern auch mit weiten Aufnahmen durch den Wald. Eine unschuldige und rührende Verarbeitung einer Mutter-Tochter Beziehung. ⭐⭐⭐⭐⭐

Ein weiterer familiärer Bund wird in dem kanadisch-libanesischen Film Memory Box von Joana Hadjithomas und Khalil Joreige auf die Probe gestellt. Ausgelöst durch ein Paket, dessen Inhalt aus Fotografien, Sprachaufzeichnungen und Texten der Mutter aus ihrer Jugend im Libanon während des Bürgerkriegs besteht, kurz bevor diese nach Kanada ausgewandert ist, wird die Frage nach Heimat, Grenzüberschreitungen und der Verarbeitung von Traumata aufgeworfen. Während die Tochter sich sehr schnell in dem nostalgischen Inhalt verliert, das Tempo der Mutter zögerlich bleibt und die Oma den neugefundenen Schatz am liebsten im Keller lassen möchte, wird die Vergangenheit und der damit verbundene Schmerz aufgearbeitet. Eine Reise durch die Zeit und um die Welt, die sehr spezifisch und dennoch auf so vielen Ebenen universell erscheint. ⭐⭐⭐⭐⭐

Wheel of Fortune and Fantasy von Ryusuke Hamaguchi stellt drei separate Kurzgeschichten vor: eine Dreiecksbeziehung, welche die eigene Welt doch kleiner als erwartet erscheinen lässt, ein geplanter und dennoch unberechenbarer Sabotageversuch und ein gegenseitiges Missverständnis, welches in einer abgeänderten Gegenwart spielt, die als invertierte Version der Corona-Pandemie assoziiert werden könnte. Alle geprägt durch ein Zwischenspiel von Zufällen, Initiativen und den jeweiligen Konsequenzen, dahin führend zu einem Konglomerat von Verlusten, Reue und neuen Hoffnungen – angeleitet durch emotionsstarke Konversationen. ⭐⭐⭐⭐⭐

So sehr mich die Verarbeitung und stellenweise abstrakte Inszenierung der aktuellen globalen Lage angenehm überrascht hat, hoffe ich dennoch, dass diese für uns alle ermüdende Situation bald ihr Ende finden wird und somit auch, mit einer Verzögerung einhergehend, Covid-freie Filme wieder produziert und (vorzugsweise endlich wieder in unserem Casablanca) konsumiert werden können.

15. März 2021


Berlinale-Rückblick (1)

von Matthias Damm (Theaterleiter)

Die Berlinale 2021 ist vorbei – zumindest das „Industry Event“, bei dem die Fachwelt die Filme des Wettbewerb und der anderen Sektionen sehen durfte. Im Juni folgt dann noch ein Festival vor Ort in Berlin fürs Publikum.

Berlinale – das heißt normalerweise: Anstehen für Karten am zugigen Potsdamer Platz in klirrender Kälte. Hin- und Herhetzen zwischen Zoo, Alexanderplatz, Friedrichstadtpalast und Potsdamer Platz, um den Terminplan, der bei der Planung noch irgendwie machbar aussah, einzuhalten. Fast Food an den Food Trucks oder Dönerläden der Stadt. Die abstruse Hässlichkeit der gescheiterten Stadtplanung der Arkaden am Potsdamer Platz mit ihren (auch vor Corona) leeren Geschäften. Mehr Zeit in der S-Bahn als im Kino. Wenig Schlaf. Aber auch: Kino International, Zoo-Palast, Friedrichstadtpalast – Filme auf gigantischen Leinwänden und in den schönsten Sälen der Stadt. Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen und Zufallsbekanntschaften. Small Talk und harte Verhandlungen im Vorübergehen. Reaktionen des Publikums auf Filme – eines Publikums, das in Berlin immer zum großen Teil aus Nicht-Fachleuten besteht – echte Kinofans, für die ein Festivalbesuch kein Arbeitstermin, sondern ein Ereignis ist. Wegdämmern bei Filmen, die gerade nicht passen oder die so richtig schlecht sind – und Begeisterung darüber, wenn man im ganzen professionellen „Sichten“ von Filmen von einigen davon berührt oder mitgerissen wird.

Funktioniert das auch bei einer Berlinale, bei der aus der Leinwand des International plötzlich ein Laptop-Bildschirm wird? Natürlich funktioniert es irgendwie – gute Filme bleiben gute Filme. Aber es fehlt so wahnsinnig viel und man möchte nicht länger vor dem Schreibtisch sitzen, sondern ins Kino.

Nun ist es enorm praktisch, wenn man einen leeren Kinosaal zur Verfügung hat, in dem man den Laptop anstecken und den Film dann doch auf einer echten Kinoleinwand sehen konnte – für einige Mitglieder der Casa-Programmgruppe fand ein Teil der Berlinale dann glücklicherweise doch im Kinosaal statt, ohne Festival außenrum und in einem Kino ohne Publikum. Das macht Lust auf die Wiedereröffnung, Lust darauf, die tollen Filme, die wir sehen konnten, in unser Kino zu holen und mit unseren Gästen zu sehen, zu feiern, zu hassen oder einfach nicht zu verstehen. Bald ist es so weit – bleibt stark!

Und welche Filme gab es zu sehen? Es waren überschaubar wenige im Vergleich zu einer regulären Berlinale, um die 100 wohl in den verschiedenen Sektionen, nur 15 im Wettbewerb. Wie großartig (und wie schön wäre es, wenn das so bliebe!) – eine Berlinale, bei der man danach das Gefühl hat, dass man fast alles überblicken konnte, dass man das meiste von dem gesehen hat, was man sehen wollte und bei der doch genug Überraschungen und Zufallstreffer blieben.

Ein Höhepunkt natürlich: Der absolut verdiente Festival-Gewinner Bad Luck Banging or Loony Porn von Radu Jude. Der einzige Film in meiner Auswahl, der Corona direkt thematisiert – und die einzige Art der Thematisierung, die ich sehen möchte. Ein wildes, versponnenes, rohes und geniales Artefakt – das in Berlin vor Ort sicher für schöne Szenen gesorgt hätte, denn natürlich muss man zu Beginn der Geschichte über das Tribunal gegen eine Lehrerin, von der ein Porno-Filmchen im Internet auftaucht und für größtmögliche Empörung sorgt ebendieses Filmchen auch sehen – in volle Länge, Drastik und fragwürdiger Ästhetik gleich zu Beginn des Films. Die Szene wiederholt sich später, wenn die empörte Elternschaft im Hof der Elite-Schule wider die Angeklagte zu Gericht sitzt und die Empörtesten ganz nach an das herumgereichte Tablet heranrücken, um auch genau sehen zu können, was da Empörendes zu sehen ist. Radu Judes Zielrichtung ist klar – jede Gruppe der rumänischen Gesellschaft kriegt hier ihr Fett weg, das Militär, die Kirche, die moralisch Kaputten und die, die mit ihren Autos der Stadt Bukarest die Luft zum Atmen nehmen. Im Mittelteil des Films wird ein Lexikon eingeschoben, das so absurd-witzig wie grotesk ist. Die rumänische Gesellschaft hat sich ihren Radu Jude offenbar redlich verdient – und man wünscht sich auch für Deutschland Filmemacherinnen und Filmemacher, die mit so viel Energie und so wenig Respekt zu Werke gehen. (Bewertung auf einer Skala mit maximal 5 Sternen: ⭐⭐⭐⭐⭐

In gewisser Hinsicht der Gegenentwurf dazu ist Maria Schraders vieldiskutierter Ich bin Dein Mensch. Hier wird genau geplant (was nichts Schlechtes ist) und eine der wichtigsten Fragen der aktuellen Zeit angegangen, die nach der Roboter-Ethik – wo sind die Grenzen dessen, was künstliche Intelligenz darf, vor allem wenn sie im Gewand eines Menschen daherkommt, eines Androiden? Taugen Androiden als Partner für Menschen aus Fleisch und Blut? Haben sie Rechte? Pflichten? Und natürlich die alte Frage von Philip K. Dick „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ (die Titel des Romans ist, der dem Klassiker ‚Bade Runner‘ zugrundeliegt. Und hier liegt das Problem mit diesem Film: All diese Fragen wurden in Filmen bereits hundert Mal beantwortet – und Schraders Werk fügt dem keinen interessanten Aspekt hinzu. Dabei ist das Setting betörend: Androide Roboter, die als Partner-Ersatz für echte Menschen dienen sollen, haben es zur Marktreife gebracht und sollen getestet werden, wofür offenbar auch eine Expertin für Keilschrift befähigt ist, die nun für drei Wochen einen Androiden an der Seite hat. Was hätte man nur aus dieser Idee machen können – aber obwohl der überaus hübsche Robotermensch genau den Ansprüchen der zu Beglückenden entsprechend modelliert wurde, räumt erst mal die Bücherwand um, mischt sich in ihre Forschung ein und steht stundenlang im Regen rum. Hier passt leider nichts zusammen – sollen wir wirklich glauben, dass es offenkundig KIs gibt, die sich in Sekunden einen Überblick über den Forschungsstand eines abseitigen Fachgebiets verschaffen und mal eben Jahre der Forschung entwerten können, diese aber nur in experimentellen Escort-Robotern verbaut werden? Muss wirklich jede lustige Frage beantwortet werden, die sich ein fünfjähriger ausdenken würde, wenn er gefragt wird, was menschenähnliche Roboter wohl alles lustiges anstellen würden? Richtig ärgerlich wird es dann, wenn die Frage nach der technischen Ausstattung des Beglückers im Intimbereich erörtert wird: Alles vorhanden, muss aber durch ausdauerndes Rumgeknutsche aktiviert werden. Kein Roboter für eine Nacht also, künstlichen Sex gibts hier nur wenn vorher künstliche Intimität geliefert wird. Das weibliche Modell scheint anders zu funktionieren, wie man später im Film von einem hochzufriedenen Kunden erfährt, für die männliche Variante muss die Benutzerin schön züchtig Vorspiel machen – da wurde ein entscheidender Teil des Drehbuchs wohl direkt aus den 50ern zugeliefert. Das alles sieht keineswegs schlecht aus, sondern liefert gefällige Fernsehfilm-Ästhetik (was für den Berlinale-Wettbewerb etwas wenig ist) – bleibt aber leider immer auf dem Niveau einer gefälligen Feelgood-Komödie. Schade – das konnte Frau Schrader in „Unorthodox“ besser. ⭐⭐

Dass deutsche Filme (die überaus stark im Programm der Berlinale vertreten waren) mehr können, zeigen andere Beispiele:

Das klappt als Fingerübung, wie Daniel Brühls Regie-Debüt Nebenan, nach einem Buch von Daniel Kehlmann, in dem Brühl vermutlich sich selbst spielt, als Berliner Schauspiel-Yuppie und Gentrifizierungs-Vorantreiber mit Altbauwohnung und Hang zur staubigen Ästhetik einer Berliner Eckkneipe. Schauspieler als Regisseure sind nicht immer eine gute Kombination – aber dass Brühl nicht nur seinen Lebensstil zur Disposition stellt, sondern sich auch von seinem Spielpartner, dem wie immer großartigen Peter Kurth an die Wand spielen lässt. Vermutlich ist auch das ein Corona-Film, mit winziger Besetzung und nur einem Schauplatz – und doch ein vielschichtiger und ungemein lustiger Film. ⭐⭐⭐⭐⭐

Eigenwillig-großartig auch Tim Fehlbaum Tides, der als Special lief. Fehlbaum hat vor einigen Jahren für wenig Geld den tollen Endzeit-Film ‚Hell‘ gemacht. Geld war jetzt offenbar nicht das Problem – die Constantin Produktion (mit Roland Emmerich als Zugpferd) fährt ganz große Optik auf. Der Plot ist post-apokalyptisch: Die Erde wurde vom Klimawandel zerstört und ist zur Wasserwelt geworden. Die Bevölkerung ist geflohen, muss nun aber vom Planeten Kepler zurückkehren – und prüft, ob der Planet sich so weit erholt hat, dass das möglich wird. Bewohnt wird die zerstörte Erde von Überlebenden, die in alten Industrieanlagen und Schiffen hausen. Vermutlich sollte man die innere Logik so eines Films nicht im Detail beleuchten – aber Fehlbaum gelingt es nicht nur, seine Geschichte voranzutreiben, er schafft auch Bilder, die es so beeindruckend-dreckig selten in einem deutschen Film gab. Offenbar wurde wenig mit digitalen Effekten gearbeitet sondern tatsächlich im Wattenmeer gedreht. Schwer zu sagen, ob nicht doch ‚Hell‘ der bessere (weil authentischere) Film ist, aber beeindruckend ist Tides allemal. ⭐⭐⭐⭐

Christian Schwochow zeigte (ebenfalls als Special) Je Suis Karl, der in gewisser Hinsicht komplementär zu ‚Und morgen die ganze Welt‘ von Julia von Heinz ist. Es geht um politische Gewalt, um Terrorismus: In Berlin findet ein Bombenattentat auf ein Wohnhaus statt, das schnell von den Medien als islamistischer Anschlag interpretiert wird. Tatsächlich: Ein Joe Job einer rechten Terrorgruppe, Teil des Plans in Richtung der Machtergreifung und organisiert von einer Bewegung, für die der Terror ein Mittel ist, die sich sonst aber modern gibt, mit professionell organisierten Jugendcamps und Zurechtweisung derer, die die Parolen von gestern verwenden – man ist jung und hip, man ist pro-europäisch, man beschwört Zusammenhalt und kämpft gleichzeitig gegen die, die als Gefahr von außen gebrandmarkt werden. Vielleicht dreht Schwochow die Schraube am Schluss eine Umdrehung zu weit – aber sein Film ist groß und vermutlich näher an der Realität als manche/r sich vorstellen will. ⭐⭐⭐⭐⭐

Und dann ist da Dominik Graf, der dieses Mal keine Serie und keinen Fernsehfilm gedreht hat, sondern eine drei Stunden dauernde Verfilmung von Erich Kästerns Fabian oder Der Gang vor die Hunde. Drei Stunden lang ist Tom Schilling in jedem Bild und säuft, liebt und vögelt sich durchs Berlin der 20er Jahre. Der Film beginnt mit einer wilden Exposition und wirkt zunächst wie „Babylon Berlin“ auf Speed, entwickelt dann aber in eigenwillig-altmodischer analoger 4:3-Ästhetik ein aus der Zeit gefallenes Kunstwerk, das ganz viel erzählt über die Zeit, in der Deutschland in die Brüche ging aber auch vieles entstand (vor allem: Das Kino!) ⭐⭐⭐⭐⭐

Viele gute deutsche Filme also? In der Tat – erstaunlich viele gute. Und sie sind immer gut, wenn sie sich trauen, nicht wie deutsche Filme auszusehen. Natürlich gibts auch auf der Berlinale andere, wie Die Saat von Mia Maariel Meyer, der in der „Perspektive deutsches Kino“ läuft. Armes deutsches Kino, wenn das seine Perspektive ist! „Mit unaufhaltsam steigendem Druck beschreibt Regisseurin Mia Maariel Meyer in ihrem zweiten Spielfilm eine durch Kapitalismus entmenschlichte Welt, in der der Kampf für Gerechtigkeit und Integrität zur Zerreißprobe wird.“ steht im Pressetext. Ja, das tut sie – aber sie tut es ohne jeden Zwischenton, ohne jede Überraschung, ohne jegliche Figurenentwicklung. Hier ist in jeder Szene klar, wer gut ist und wer böse – und für den Fall, dass es jemand nicht versteht, muss die Ausstattung und die Maske ran, die den Finsterlingen düstere Augenringe und schmierige Gel-Haare schminken. Ein Film, der dezidiert fürs Kino produziert wurde und der viel Fördergeld versenkt hat – und der doch nicht mehr ist als ein Wiedergänger aus der deutschen Fernsehspiel-Hölle, der tut, als müsse man bei einem Kinofilm sicherstellen, dass man jederzeit nebenbei bügeln oder Bier holen können muss, ohne den Anschluss zu verlieren. ⭐

(wird fortgesetzt)

13. März 2021


Kino leuchtet. Für Dich.

GrafikDas Casablanca ist bei der bundesweiten Aktion dabei!
Am Sonntag, 28. Februar beleuchten wir ab 19 Uhr unsere Fassade. Kommt in die Südstadt (natürlich immer schön mit Abstand) und macht Fotos, die Ihr dann in den sozialen Medien teilt: Unter dem Hashtag #kinoliebe wollen wir ein Zeichen setzen, damit die Kulturorte nicht vergessen werden.

Für die Kinos sind es harte Zeiten. Im vergangenen Jahr durften sie nur in 7 Monaten öffnen, teilweise mit deutlichen Einschränkungen. Die Besucherzahlen brachen um bis zu 70 Prozent ein.
Auch wenn diverse Hilfsprogramme dafür sorgen, dass die meisten der Filmtheater überleben werden, wandelt sich gleichzeitig der Markt: Streaming-Anbieter gewinnen an Bedeutung, andere Teile der Branche wie Produktionsfirmen, Verleiher und Dienstleister geraten durch die Krise massiv unter Druck.

Die aktuellen Corona-Inzidenzzahlen geben wenig Anlass für Hoffnung auf eine baldige Normalisierung.
Daher veranstalten am kommenden Sonntag, 28. Februar Kinos in ganz Deutschland einen Aktionstag, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen und strahlen ihre Gebäude an: „Kino leuchtet. Für Dich.“
Die Idee: Die Kinos sollen sichtbar sein – und auch wenn ihre Fans aktuell nicht in die Säle dürfen, können sie doch Bilder der Gebäude machen und mit dem Hashtag #kinoliebe in den sozialen Medien teilen.

Ab 19 Uhr wird die Fassade des Casablanca hell erleuchtet. Mitarbeiter/innen und Ehrenamtliche des Vereins werden vor Ort sein, natürlich unter Einhaltung der Abstandsregeln.
Auch andere Kinos in Nürnberg und der Region beteiligen sich, so das Mobile Kino Nürnberg und die Kinos der Familie Weber.

Am Vorabend der für die Fachwelt virtuell stattfindenen Berlinale lenken die Kinos damit den Blick auf die immer noch geschlossenen Kulturorte und appellieren an die Politik nach vier Monaten eine transparente, evidenzbasierte und verlässliche Wiedereröffnungsperspektive zu erhalten. Bei der nächsten Bund-Länder-Konferenz am kommenden Mittwoch muss es darum gehen, dass Kinos als Kultureinrichtungen einen vernünftigen Platz in einem Stufenplan bekommen. Aktuelle Studien wie z.B. der TU Berlin zeigen, dass Kinos mit erprobten Hygienekonzepten sehr sichere Orte sind.

Und die Rückmeldungen der Kinogäste zeigen täglich, dass Kino mehr ist als ein Freizeitvergnügen: Für viele Menschen ist das gemeinsame Sehen von Filmen an einem öffentlichen Ort weit mehr als das – eine Passion, ein Ort zum Abschalten, für viele sogar ein Lebensinhalt.

„Die Filmtheater wollen ihren Beitrag zur Bewältigung der Pandemie leisten”, erklärt der Vorsitzende der AG Kino/Gilde Christian Bräuer. “Gemeinsam Kultur zu erleben, ohne sich zu nahe zu kommen, ist ein solcher Beitrag. Wir sind bereit unsere Türen zu öffnen und das kulturelle Leben in der Nachbarschaft mit tollen Filmen und vielfältigen Programmen wieder zu bereichern. Die Politik hat es jetzt in der Hand, gemeinsam mit den Kulturorten mit einer weitsichtigen Öffnungsstrategie ein Zeichen der Hoffnung zu setzen.”

Beim Aktionstag geht es auch darum, den zahllosen Unterstützerinnen und Unterstützern zu danken, die dafür sorgen, dass das Casablanca aktuell nicht ums Überleben kämpfen muss.
Der Verein Casa e.V., der das Kino betreibt, hat in den Krisenmonaten mehr neue Mitglieder gewonnen als jemals zuvor – ihre Zahl ist auf fast 1400 angewachsen.
Zahlreiche Spenden und Gutscheinverkäufe sichern neben den erheblichen staatlichen Hilfen und großzügigen Mietreduzierungen das Bestehen des Kinos.
Der Vorsitzende des Vereins, Gerhard „Black“ Schwarz, stellt fest: „Die Solidarität unserer Freunde und Mitglieder ist unglaublich. Das Kino ist 125 Jahre geworden, das Casablanca wird im Herbst 45, unser Kino mit Courage wird 12 Jahre alt – und ich bin zuversichtlich, dass noch viele folgen werden.“

Hinter den Kulissen nutzt das Team des Casablanca die Schließungszeit für Renovierungen und Verbesserungen.
„Sobald es wieder möglich ist, sind wir zurück – auch wenn die Kino-Welt sich bis dahin ändern wird. Noch mehr als früher wird es notwendig sein, nicht nur Filme zu zeigen, sondern ein kleines Haus wie das Casablanca zu einem besonderen Ort mit einzigartiger Atmosphäre zu machen“, so Theaterleiter Matthias Damm.

Um das sicherzustellen, wurden und werden aktuell zahlreiche kleine und größere Verbesserungen durchgeführt.
So wurden in allen Sälen Klimaanlagen eingebaut, um auch im Sommer einen angenehmen Filmgenuss zu ermöglichen.
Alle Türen zu den Sälen werden durch Schallschutztüren ausgetauscht und auch ein Teil der Kinotechnik wird erneuert.
Eine mobile Bühne erweitert das Spektrum an Veranstaltungen, neue Mikrofontechnik verbessert die Qualität bei Filmgesprächen und Diskussionen.

Dazu kommen zahlreiche Verbesserungen im Foyer und Außenbereich: Der alte Kassentresen wurde restauriert. Im Außenbereich lädt ein eleganter Bar-Tresen auf ein Getränk nach dem Film ein, dazu kommen neue Tische und Stühle – alles in warmer Holz-Optik. Zahlreiche Details wurden verschönert, oft mit tatkräftiger Hilfe der Minijobber/innen des Casablanca, die damit die Möglichkeit haben, die teilweise Weiterbezahlung aufzustocken, die der Verein ihnen freiwillig anbietet.

Ermöglicht werden diese Investitionen durch das „Zukunftsprogramm Kino“ der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM), das allen Kinos offen steht, die mit Programmpreisen auf Bundes- oder Landesebene ausgezeichnet wurden. Die Förderquote wurde während der Corona-Pandemie von 40 auf 80 Prozent der Investitionen angehoben. Insgesamt investiert das Casablanca 2020 und 2021 einen sechsstelligen Betrag, wobei der Eigenanteil aufgebracht werden konnte, ohne aktuelle Unterstützungen oder Spenden verwenden zu müssen.

„Wir haben lange für eine Unterstützung der Bundesregierung zur Verbesserung der kleinen Kinos gekämpft, die mit ihrem aufwändig kuratierten Programm Vielfalt bieten“, so Theaterleiter Matthias Damm. „Auch wenn es ein schwacher Trost ist: Immerhin können wir die Schließung des Casablanca dafür nutzen, es so schön und komfortabel zu machen wie noch nie. Ich bin mir sicher, dass wir nach dem Ende der Pandemie an das Jahr 2019 anschließen können, das bisher unser Rekordjahr war.“

Und so sah unsere Fassade aus – vielen Dank an die Kolleg/innen vom Mobilen Kino für die Lichttechnik!

25. Februar 2021


FFMOP 2021: Unsere Favoriten aus Saarbrücken

Das Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken steht zu Unrecht im Schatten der bekannteren deutschen Festivals in Berlin, Hof und München. Aus Pandemie-Gründen konnte das diesjährige Festival nur online stattfinden, was aber den Vorteil hatte, dass gleich drei Mitarbeiter*innen des Casablancas die dortigen Filme sichten konnten. Sie stellen hier ihre Festivalfavoriten vor.


Das Filmfestival Max Ophüls Preis (kurz FFMOP) wurde 1980 gegründet und versteht sich als Forum für den gesamten deutschsprachigen Nachwuchsfilm, d.h. hier werden auch Filme aus Österreich und der Schweiz (ggf. mit Untertiteln) gezeigt. Es findet jährlich Ende Januar statt.
In den Sparten Spielfilm, Dokumentarfilm, mittellanger Film und Kurzfilm werden zahlreiche Preise vergeben. Ebenso gibt es einen Publikumspreis, Darstellerpreise und einen Ehrenpreis, der dieses Jahr an Wim Wenders ging. Zahlreiche Regisseur*innen und Schauspieler*innen wurden in Saarbrücken „entdeckt“ und sind mit ihren dort prämierten Debutfilmen einem größeren Publikum bekannt geworden.
Saarbrücken ist wie Hof ein Festival „zum Anfassen“. Die Besucherzahlen sind in den letzten Jahren, insbesondere durch die Beliebtheit bei der Saarbrücker Bevölkerung, enorm angewachsen. Selbst an Wochentagen sind in vielen Nachmittagsvorstellungen die großen Kinosäle voll belegt. Die junge Filmemacher*innen brennen darauf, mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen – was normalerweise durch die räumliche Nähe auch problemlos möglich ist. Dieses Jahr gab es zu jedem Wettbewerbsfilm ein aufgezeichnetes Filmgespräch und vereinzelt auch interaktive Diskussionen mit dem Publikum.

Die Favoriten unseres CasaAkademie-Leiters Rainer Mesch

Borga
Von York-Fabian Raabe
‚Borga’ war neben ‚Fuchs im Bau’ der Hauptgewinner des diesjährigen Festivals und wurde in den Kategorien Bester Spielfilm, Publikumspreis, Preis für den gesellschaftlich relevanten Film und Preis der ökumenischen Jury ausgezeichnet. Sein charismatischer Hauptdarsteller Eugene Boateng erhielt einen Sonderpreis. Borga sind Ghanaer, die es im Ausland zu vermeintlichen Wohlstand gebracht haben und wieder in ihr Heimatdorf zurückkehren. Der Film erzählt erstmals eine Geschichte aus afrikanischer Perspektive und handelt von zwei Brüdern, die einen unterschiedlichen Lebensweg gehen. Er ist erzählerisch dicht, schreckt nicht vor unschönen Wahrheiten zurück, bleibt jedoch hoffnungsvoll. Ein Film für die große Leinwand. Infolge des Preisregens können wir uns sicher auf einen Kinostart freuen, sobald dies wieder möglich ist.

Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen
Von Nadine Heinze und Marc Dietschreit
Das Thema „osteuropäische Pflegekraft betreut rund um die Uhr dementen deutschen Senior“ in einen unterhaltsamen, aber nicht oberflächlichen Publikumsfilm zu verwandeln, ist keine leichte Aufgabe. Noch dazu, wenn der alte Herr die Pflegerin für seine verstorbene Ehefrau hält und diese das Spiel mitspielt. Dieser Film schlägt nicht nur von der Handlung her unerwartete Kapriolen, sondern besticht in seiner Mischung aus Tragikomödie, Familiendrama, Sozialrealismus und – ja auch einem Schuss filmischen Märchens. Günther Maria Halmer und Emilia Schüle nehmen mit ihren Figuren für sich ein und auch die Nebenrollen sind gut besetzt. Ein Kinoverleih steht bereits fest.

Wir Alle. Das Dorf.
Von Antonia Traulsen und Claire Roggan
Diese sehr sehenswerte Langzeit-Doku ist eigentlich eine Fernsehproduktion des NDR, würde aber hervorragend in unsere Agenda-Filmreihe passen. Mitten im Wendland will eine Gruppe gesellschaftlich engagierter Menschen ein eigenes Dorf gründen, in dem junge Familien, Senioren, aber auch Geflüchtete leben sollen. Der Film portraitiert einige von ihnen auf Augenhöhe, erzählt von Rückschlägen und Fortschritten, vom Widerstand der Anwohner und von Reflektionsprozessen der Dorfgründer. Ein sympathisches Sozialexperiment, von dem man gerne wüsste, wie es grundsätzlich und mit den gezeigten Protagonist*innen weitergeht. Er bietet wichtige gesellschaftliche und persönliche Denkanstösse, die über das gezeigte Projekt hinausgehen. Ihm wäre ein mutiger Kino-Verleih zu wünschen, wir wären dabei.

Die Favoriten unserer Programmkoordinatorin Laura Oehme

Der österreichische Film ‚Fuchs im Bau’ basiert auf den tatsächlichen Erfahrungen eines Gefängnislehrers mit unkonventionellen Unterrichtsmethoden. Im Film, für den Arman T. Riahi u.a. mit dem Preis für Beste Regie und dem Fritz-Raff-Drehbuchpreis ausgezeichnet wurde, soll Hannes Fuchs (Aleksandar Petrović) die eigenwillige Pädagogin Elisabeth Berger (Maria Hofstätter) in einer Wiener Gefängnisschule ablösen. Doch diese hat andere Pläne und die Ereignisse um einer der Schülerinnen überschlagen sich. Das Klassenzimmer ist zu einem Raum in dem die straffällig gewordenen Jugendlichen „frei“ sein können und ebenso soziale Tabuthemen verhandelt werden – und das „ohne angestrengte Suspense, aber voller gefährlicher Stillen“ (aus der Begründung der Jury).

‚Dear Future Children’ von Franz Böhm ist ein absolut sehenswerter Dokumentarfilm, der drei junge Aktivistinnen aus drei Kontinenten und mit drei unterschiedlichen Anliegen vorstellt: Rayen aus Chile (soziale Gerechtigkeit), Hilda aus Uganda (Klimawandel) und “Pepper” aus Hongkong (Demokratiebewegung). Der Film ergründet eindrucksvoll warum die jungen Frauen entgegen aller Hoffnungslosigkeit bereit sind weitreichende persönliche Risiken in Kauf zu nehmen und gewann dafür in Saarbrücken den Publikumspreis in der Kategorie Dokumentarfilm.

Bei ‚The Case You’ handelt es sich um das eindrückliche Langfilmdebüt von Alison Kuhn, welches den wahren Fall eines groben Machtmissbrauchs in der Film- und Fernsehbranche aus Sicht der Betroffenen beleuchtet. Fünf Frauen berichten von einer traumatisierenden Casting-Erfahrung; die reduzierten filmischen Mittel (Theatersaal als Drehort; minimalistischer Soundtrack; kleines Film-Team) unterstreichen die individuelle aber auch universelle Tragweite derartiger Übergriffe im Kontext der aktuellen MeToo-Debatte. Der Film wurde in Saarbrücken mit dem Preis für Beste Musik in einem Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Die Favoriten unseres Theaterleiters Matthias Damm

Der Eröffnungsfilm ‚A Black Jesus‘ ist ein Glücksfall von einem Dokumentarfilm. Eine gute Idee, gute Protagonisten und gute Umsetzung – da nimmt man dem Film auch nicht krumm, dass sicher im Detail einiges mehr inszeniert ist als behauptet wird. Die Idee: Im Dorf Siculiana auf Sizilien wird eine schwarze Jesus-Statue verehrt – die Prozession zu Ostern, bei der die Statue von Männern aus dem Dorf durch die Straßen getragen wird, ist der Höhepunkt des Jahres. Regisseur Lucas Lucchesi stammt aus Siculiana – und hat auch miterlebt, wie die beschauliche Welt seines Dorfes zum Schauplatz der Weltpolitik wird, seit an den Stränden Flüchtlinge aus Nordafrika ankommen und das Dorf zum Opfer der italienischen Flüchtlingspolitik wird, die offenkundig nicht helfen will, sondern die Unterbringung der Flüchtlinge im damit völlig überforderten Dorf nutzt, um die Lage zuzuspitzen. Lucchesi erzählt die Geschichte des schwarzen (also: aus schwarzem Holz geschnitzten) Jesus und gleichzeitig die der schwarzen (und streng gläubigen) Flüchtlinge, deren Traum es wird, zum Teil des Rituals zu werden und den schwarzen Jesus tragen zu dürfen. Der Traum wird wahr – und es kommt zu Begegnungen zwischen Flüchtlingen, Wohlwollenden im Dorf (wie dem engagierten Italienisch-Lehrer und dem für die Prozession verantwortlichen Priester) und den weniger wohlwollenden Überforderten. Der schwarze Jesus löst keines der Probleme – aber Lucchesis Film zeigt meisterhaft ihre Komplexität, heruntergebrochen auf die einfachen Mechanismen eines, seines Dorfes.

Filmemachen ist Experimentieren, Ausprobieren, Visualisieren von Ideen. Man merkt einem Film an, wenn er von Tatendrang und Schaffenswillen getrieben ist und nicht von den Vorgaben der Förderer und Fernseh-Redaktionen. Wie großartig das gelingen kann, hat für mich schon lange kein Film mehr so gut gezeigt wie ‚Die Sonne brennt‘ von Joséphine Demerliac, die damit ihr Spielfilmdebüt vorlegt. Ihre Protagonistin ist Zou (die im Abspann nur so heißt, tatsächlich aber die Regisseurin selbst ist), eine junge Frau aus Frankreich, die sich durch einen heißen Sommer in Berlin treiben lässt, in komplizierten Gefühlen zwei Männern gegenüber steht und den Unbillen der Generation Praktikum ausgesetzt ist. Viel Handlung gibt es nicht in diesem nur 75 Minuten kurzen Film, aber eine Abfolge aus Szenen, die alle echt wirken, mit großartigen Dialogen und toller Musik. Ein Film, der das Gefühl erzeugt, dass man seiner Protagonistin ganz nah gekommen ist.

Wer hätte das gedacht – Väter erkennt man offenbar vor allem an ihrem Niesen. Das ist nicht die wichtigste Erkenntnis aus ‚Väter Unser‘ von Sophie Linnenbaum, aber sie illustriert, was dieser Film kann: Sechs sehr unterschiedliche Menschen (offenbar aus einer großen Zahl von Personen ausgewählt, die in umfangreichen Vorrecherchen befragt wurden) erzählen Geschichten über ihre Väter. Formell denkbar unspektakulär umgesetzt sitzen sie vor schwarzen Hintergründen und erzählen ihre bewegenden, bedrückenden, witzigen oder traurigen Geschichten. Sophie Linnenbaum (die übrigens aus Nürnberg stammt) schafft es, ohne es jemals in Worte fassen zu müssen ein Bild dessen zu entwerfen, was Väter sein können, sollten und müssen. Ein Film, der Gedanken in Gang bringt – dem eigenen Vater gegenüber und auch über die eigene Rolle als Vater.

11. Februar 2021


Kampf um die Tonspur

Unser November-Flyer war fertig geplant, gelayoutet und auch schon gedruckt. Das darin enthaltene Programm ist nun leider hinfällig, aber unser Publikum soll doch wenigstens in den Genuss des redaktionellen Beitrags über verschiedene Sprachfassungen im Kino kommen. Viel Spaß!


BildDer berühmteste Übersetzungsfehler der Filmgeschichte ist vermutlich der legendäre Satz aus ‚Casablanca‘: Humphrey Bogarts lockerer Trinkspruch ‚Here‘s looking at you, kid‘ wurde zum anzüglichen ‚Ich schau Dir in die Augen, Kleines!‘. Die Fassung des Films, die bis in die 70er Jahre in Deutschland zu sehen war, war gar komplett entstellt – weil man den Nachkriegs-Deutschen den politischen Gehalt des
Films nicht zumuten wollte, wurde aus dem Widerstandskämpfer Victor László der Atomphysiker Victor Larsen und der politische Plot zu einer Agenten-Scharade.

Natürlich kann man den Synchronfassungen aktueller Filme so etwas nicht vorwerfen – aber dennoch: Jede Synchronisation verändert einen Film. Die originalen Stimmen der Schauspielerinnen und Schauspieler fehlen, oft geht auch viel Atmosphärisches verloren, Anspielungen und Witze funktionieren nicht mehr und vielen kleinen Verleihern fehlt schlicht das Geld, hochwertige Synchronfassungen zu finanzieren.

Für Cineasten gibts daher keine Alternative zu Originalfassungen, sie hören Dialoge in fremden Sprachen und lesen Untertitel – und die Zahl derer, die dem Original den Vorzug geben steigt in dem Maße, in dem die jüngeren Kinogänger*innen mit Medien wie BluRays und Streaming-Diensten aufwachsen, die immer die bequeme Wahl der Sprachfassung ermöglichen. Andere fühlen sich von den Untertiteln abgelenkt
und ziehen die ‚bequemere‘ Synchronfassung vor.

Für die Kinos macht die Digitalisierung die Sache heute denkbar einfach: Fast immer gibt es die freie Auswahl der verschiedenen Fassungen. Daher gilt im Casablanca immer die Devise: Alle Filme kommen auch im Original (ggf. mit Untertiteln) auf die Leinwand. Manchmal nur in einzelnen Vorstellungen, manchmal auch täglich – viele kleinere Produktionen werden auch überhaupt nicht synchronisiert. Oft
ist es so auch viel leichter, Filme großer Verleiher zeigen zu dürfen. Und manchmal entscheiden wir uns auch für das Original ohne Untertitel – zumindest wenn die Originalsprache Englisch ist.

Dass wir mit jeder dieser Entscheidungen einen Teil des Publikums enttäuschen, einem anderen aber eine Freude bereiten, ist uns klar – wir bitten um Verständnis für die jeweils andere Position. Und Angst muss man vor dem „OmU“-Kennzeichen im Programm nicht haben!

13. November 2020


Gastbeitrag: Black Lives Matter – Medien als Spiegel unserer Gesellschaft

Vielen Dank an die Black Community Foundation NBG, die diesen Gastbeitrag zu unserem Monatsflyer im August beigesteuert hat. Wir freuen uns Vertreter*innen des Kollektivs am 20. August als Moderator*innen des Kurzfilmprogramms ‚Black Life‘ im Casa begrüßen zu dürfen!

Wir sind das Kollektiv „Black Community Foundation NBG“, das durch die Organisation der Black-Lives-Matter-Demos in Franken entstanden ist und nun eine intersektionale Organisation aufbaut. Wir finden, dass es für alle an der Zeit ist, aktiv gegen Rassismus vorzugehen.

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Silent Demo am 6.6.20 (Foto: Darun Hamid)

Kolonialrassistische Denk- und Handlungsmuster verwurzelten sich seit Jahrhunderten in Deutschland und prägen heute noch unsere Selbst- und Fremdwahrnehmung von Gesellschaften und Kulturen. Das spiegeln auch heutige Medien, insbesondere der Film, wider.
Ein wiederkehrendes Motiv ist der „White Savior Complex“: Ein weißer Gutmensch rettet die hilflosen, rassifizier- ten Anderen und gewinnt den Kampf gegen Rassismus, der als Kampf guter Weißer gegen schlechte Weiße dargestellt wird.
Zum Beispiel rettet im Film ‚The Help‘ eine weiße Protagonistin schwarze Menschen, die sich selbst nicht helfen können, da sie schwächer und minderwertiger als die Protagonistin sind. Solche Filme stellen sich nicht aktiv aktuellem oder historischem Rassismus. Stattdessen wird eine Geschichte erzählt, die weiße Menschen als Held*in- nen darstellt, obwohl diese Zuschauer*innen oder sogar Täter*innen der Unterdrückung waren.
Nicht umsonst hat Ablene Cooper – eine der schwarzen Frauen von denen die Verfilmung des Buches ‚The Help‘ handelt – die Autorin des Buches für falsches und beleidigendes Storytelling verklagt.
Die Verharmlosung von Rassismus durch weiße Ret- ter*innen ist realitätsfern und verhindert selbstkritisches Denken. Auch wenn die Intention vieler Filmemacher*innen und Filmeschauer*innen vermeintlich positiv ist. Filme wie ‚The Help‘, ‚Green Book‘, ‚Gran Turino‘, ‚Hidden Figures‘ und ‚La La Land‘ sind nur einige Beispiele für den „White Savior Complex“ im zeitgenössischen Film. Anti-rassistische Filme sind hingegen ‚BlacKkKlansman‘, ‚Moonlight‘, ‚Selma‘, ‚Get Out‘, ‚13th‘, ‚Just Mercy’ uvm.

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Silent Demo am 6.6.20 (Foto: Darun Hamid)

Niemand wird als Rassist*in geboren. Anti-rassistisches Denken ist ein lebenslanger Prozess, der für eine bessere Zukunft, in der jeder Mensch frei ist, essenziell ist.
Wir sind das Kollektiv „Black Community Foundation NBG“, das durch die Organisation der Black-Live-Matter- Demos in Franken entstanden ist und nun eine intersektio- nale Organisation aufbaut. Wir finden, dass es für alle an der Zeit ist aktiv gegen Rassismus vorzugehen.

Für mehr anti-rassistisches Wissen schaut hier vorbei:
dailyblacktivism.carrd.com | www.nein-zu-rassismus-nbg.de | instagram: @bcf.nuernberg | facebook: Nein zu Rassismus – Nürnberg

 

7. August 2020


Studiengang ‚Literarisches Schreiben‘ zu Gast im Casablanca

Erinnern Sie sich noch an die Zeit bevor COVID-19 unseren Alltag fest im Griff hatte, das Casablanca (und alle anderen Kinos weltweit) zur vorübergehenden Schließung zwang und Mund-Nasen-Schutzmasken noch nicht zum alltäglichen Standardrepertoire gehörten? Es ist noch gar nicht so lange her: Anfang Februar kam eine Gruppe Studierender der Faber-Castell Akademie zu uns ins Kino und führte ein Interview für einen Probeartikel im Bereich „Kulturjournalismus“. Peter Ketenidis, einen der angehenden Journalist*innen, hat uns seinen daraus entstandenen Artikel dankenswerterweise zur Veröffentlichung an dieser Stelle zur Verfügung gestellt und ruft so die Erinnerung an eine Zeit vor COVID-19 wach:

Jenseits ihrer bekannten Sehenswürdigkeiten haben Großstädte immer auch ganz eigene, eher verborgene, magische Orte. Jeder Reiseführer fahndet nach ihnen, doch worin ihr besonderer Reiz liegt, dass können oft nur die mit dem gleichen Lokalkolorit benennen.

Das Casablanca in Nürnberg ist ganz sicher so ein Ort. Die Älteren werden sich daran erinnern, als es noch ein ganz „normales“ Kino war, zu einer Zeit in der noch kein Handy während der Vorführung klingelte. Als dann die Multiplex Kinos kamen, wurde es stiller rund um den verglasten Hinterhof mit seinen liebenswerten Jugendstilanleihen.

Das war uns Anlass genug einmal nachzusehen, was denn aus dieser Nürnberger Institution geworden ist. Und so standen wir also in dem besagten Hinterhof, der ganz wie früher gleichermaßen als eine Art Vorzimmer für die angrenzende Kneipe, wie auch für die Kinokasse dient.

Sentimentale Gefühle wurden schnell verscheucht, als Frau Laura Oehme erschien und zu einem Rundgang durch das Kino einlud. Sie führt den Titel einer Programmkoordinatorin, doch es wurde schnell klar, dass die Zuständigkeiten eine größere Bandbreite haben in einem Verein, der gerade einmal zwei hauptamtliche Mitglieder hat. Ein Verein ist nämlich das Casablanca unterdessen geworden und zwar einer mit immerhin 1.100 (!) Mitgliedern. Das erfahren wir unter sehr beengten Platzverhältnissen, im Vorführraum nämlich, der mittlerweile auch hier mehr einem Serverraum gleicht. Raumfüllend steht ein 19 Zoll Schrank mit 42 Höheneinheiten darin und auch das Surren der Computer gleicht eher dem eines Rechenzentrums. Moderne Filme werden heute als Festplatte angeliefert lässt uns Frau Oehme wissen, beinahe mit einem tröstenden Unterton verweist sie aber auf das alte Vorführgerät im Eck, dass soviel mehr unseren Vorstellungen eines Kinoprojektors entspricht. Sogar die alten 35mm Filmrollen liegen noch herum und in ganz besonderen Fällen kommen sie auch noch zum Einsatz.

Dann klettern wir wieder aus diesem Zimmerchen, Frau Oehme macht noch auf das Tablet vor der Tür aufmerksam, es ermöglicht dem Vorführer etwa bei einer Podiumsdiskussion, oder bei Wortbeiträgen, die es hier auch vermehrt gibt, einen Film punktgenau zu starten. Überhaupt hat der größte Saal des Hauses mit seinen 90 Sitzplätzen gerade eine technische Runderneuerung hinter sich. Die Schönheitsreparaturen stehen noch an, sagt Frau Oehme und bittet uns diskret zum Ausgang, denn die nächste Vorstellung beginnt in wenigen Minuten.

Wir folgen ihr auf die Straße hinaus und ums Eck in Richtung Kopernikusplatz, wo der Verein Büroräume angemietet hat. Auch dieses Wort ist vielleicht etwas zu sehr an die Geschäftswelt angelehnt. Es finden sich darin die Requisiten so ziemlich aller Tätigkeiten menschlicher Kommunikation. Auf den Tischen steht noch der Namenszug „Peter Wohlleben“, dessen Film über das geheime Leben der Bäume gerade gezeigt und wird und der auch persönlich zu anschließender Diskussion vor Ort war. Im Eck steht ein Flipchart, mit der Aufschrift „CASA 2020“ und harrt wohl schon seit geraumer Zeit weiterer Planungen.

Frau Oehme ist nun aber ganz in ihrem Element! Von den Schwierigkeiten der Anfänge vor etwa 11 Jahren spricht sie und wie eine Gruppe von Menschen zusammenfand, die absolut keine Ahnung von einem geregelten Kinobetrieb hatte, sich aber einig darin war, dass das Casablanca nicht sterben darf. Unmerklich beschleunigt sich ihr Vortrag dabei, bis man Mühe hat mit den Notizen hinterherzukommen.

Die Hürden der Anfänge sind nun so vollständig überwunden, dass für den Abend der 50.000. Besucher innerhalb eines Jahres erwartet wird, ein Umstand, der vielleicht zu einer besonderen Würdigung führt, so genau hatte man das gegen 17.00 Uhr noch nicht geplant. Man kann es bis in diese kleinen Details hinein wahrnehmen: es sind Kino-Enthusiasten, die dem Casablanca zu neuem Leben verholfen haben, keine Betriebswirtschaftler. Dazu gehören ebenso die zahlreichen ehrenamtlichen Mitglieder des Kassenteams, wie die vielen stillen, aber zahlenden Mitglieder.

Ihr erstes und wichtigstes Ziel, das Casablanca am Leben zu erhalten ist ihnen unbestreitbar gelungen, so allgemach bildete sich dabei aber auch ein Profil heraus, dass den Betrieb so unverwechselbar machte wie sein Intereuer: es wird viel Wert darauf gelegt nach den Filmen immer wieder Raum für Diskussionen, Besprechungen, weiterführende Hintergrundinformationen zu bieten. Das ist wohltuenden anders, als anonyme Posts in den sozialen Medien.

Nachdem uns das Flipchart keine Details zur Jahresplanung verraten hat, fragten wir gegen Ende Frau Oehme ganz direkt, mit welchen Vorhaben sie in das neue Jahr startet. Und das schien eine Frage so ganz nach ihrem Geschmack zu sein: wir hörten eine unsortierte Fülle von großen und kleinen Dingen, Kooperationen mit anderen Kino- und Kulturvereinen, vom Thema Nachhaltigkeit und den ganz pragmatischen Anforderungen dafür. Weitere Fahrradständer vor dem Kino zum Beispiel und den ausschließlichen Einsatz von LED-Lampen. Und ganz zum Schluss den Punkt mit der höchsten Priorität: Das Casablanca muss überleben!

Wer neugierig geworden ist auf dieses besondere Kinoformat, dem empfehlen wir einen Besuch am kommenden Samstag, den 8. Februar, da wird der Film „Butenland“ gezeigt. Mit vor Ort werden dann der Regisseur Marc Pierschel und die Protagonisten Jan Gerdes und Karin Mück sein.

Peter Ketenidis

Monatsflyer Februar 2020

Damals ahnten wir noch nicht, dass wir rund einen Monat später den Kinobetrieb für drei Monate aussetzen müssen und das Casablanca zum ersten Mal seit seiner Wiedereröffnung im Jahr 2009 wieder um seine Existenz bangen muss. Dank unseren zahlreichen Mitgliedern, mehr als 150 neuen (!) Mitgliedern, zahlreichen Spendenden und Gutschein-Käufer*innen sowie unseren sehr solidarischen Vermieter*innen haben wir es vorerst durch die Krise geschafft. Dafür können und wollen wir uns nicht oft genug bedanken! Daher auch an dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön an alle Unterstützer*innen des Casablanca!

LO

6. Juli 2020


Der Neustart: Ab 17. Juni geht’s weiter!

Hier endlich die langersehnte Nachricht: Am 17. Juni werden wir die Türen des Casablanca wieder für unser Publikum öffnen.

Noch kennen wir nicht die finalen Regeln, die für den Kinobetrieb gelten werden. Natürlich werden wir alle Vorgaben einhalten und haben uns auf alle Eventualitäten vorbereitet – ein ausführliches Hygienekonzept wird rechtzeitig veröffentlicht. Da die Vorgaben auch auf den Modus von Karten-Vorverkauf und Reservierung Einfluss haben, starten wir das Ticketing für alle Vorstellungen erst am Montag, 15. Juni.

Update:
Die bayerischen Vorgaben für ein Kino-Hygienekonzept wurden am Montag Abend endlich veröffentlicht – also erst nachdem der Kinobetrieb bereits wieder erlaubt war. Es ist hier abzurufen.

Wir arbeiten gerade mit Hochdruck an der Erarbeitung eines fürs Casablanca betreffenden Konzepts, das alle Vorgaben einhalten wird. Folgendes vorab, da es für die Kinogäste besonders relevant ist:

  • Wir werden zunächst alle drei Kinosäle für einen täglichen Betrieb öffnen, nicht aber die Kinokneipe. Diese verkauft zunächst nur Getränke und Snacks zur Mitnahme ins Kino. Update: Voraussichtlich ab dem 2. Juli öffnet auch die Kneipe wieder, allerdings mit einem deutlich veränderten Betriebskonzept. Weitere Informationen folgen!
  • Wir verkaufen ausschließlich platzgenaue Tickets. Bitte nutzen Sie wann immer möglich die Möglichkeit zur Online-Buchung. Dabei werden die notwendigen Abstände automatisch eingehalten – bitte seien Sie so fair und buchen insbesondere in den kleinen Sälen zunächst Plätze am Rand, um eine möglichst große Besucherzahl zu ermöglichen.
  • Es dürfen nach den gerade gelockerten Bestimmungen maximal 10 Personen als Gruppe teilnehmen, ohne untereinander Abstände einhalten zu müssen – unabhängig davon, ob sie in einem Haushalt wohnen. Bitte kaufen Sie Tickets für eine Gruppe gemeinsam!
  • Aus technischen Gründen ist derzeit keine Online-Reservierung möglich. Sie können weiterhin reservieren (insbesondere um während der Schließung gekaufte Gutscheine und Guthabenkarten einlösen zu können). Bitte machen Sie das aktuell per E-Mail oder telefonisch, wobei wir aktuell keinen Anrufbeantworter nutzen. Unsere Kasse ist während der Öffnungszeiten erreichbar: 0911-454824
  • Es besteht beim Aufenthalt im Haus Maskenpflicht. Die Maske darf aber zum Konsum von Getränken und Snacks abgenommen werden. Update: Ab 1. Juli entfällt die Maskenpflicht am Sitzplatz. Beim Bewegen im Haus besteht sie aber weiterhin!
  • Manche Abläufe mussten wir etwas anpassen. Insbesondere gibt es im Haus Einbahnstraßenregelungen – die kleinen Kinosäle dürfen nur durch die Notausgänge verlassen werden. Bitte helfen Sie mit, durch Einhalten eines Abstand von mindestens 1,5 Metern das Risiko zu minimieren.

Am 17.6. findet um 20:00 Uhr eine Sondervorstellung des Films Queen & Slim statt – wir haben uns bewusst für diesen Film entschieden, der in Zeiten von Rassismus und Polizeigewalt der Film der Stunde ist – „Kino mit Courage“ eben. In den kommenden Wochen folgt dann die neue Staffel der Reihe „Black Lives in America„.

Ab dem 18. Juni gehts dann mit einem einigermaßen regulären Programm los – die vielen Filme, die in den letzten Wochen auf Sie gewartet haben, finden Sie auf unserer Startseite. Immerhin: Es gab wohl noch nie einen Kino-Sommer, der so voll mit absolut großartigen Filmen war wie dieser!

Wir wurden in den letzten Wochen oft gefragt, ob das Casablanca die Krise überstehen wird. Zur Beruhigung: Es wird – was nicht zuletzt an der speziellen Struktur liegt, die ein von einem Verein betriebenes Kino mit vielen Unterstützerinnen und Unterstützern hat. An alle, die uns in den letzten drei Monaten mit Spenden, neuen Mitgliedschaften, durch ihre Mitarbeit, durch Gutscheinkäufe oder auch durch aufmunternde Worte durch die Krise getragen haben: Herzlichen Dank!

Wenn Sie sich im Detail dafür interessieren, was in den letzten Wochen passiert ist und wie die Zukunft aussieht, finden Sie alle Informationen in diesem Text, den wir vor einigen Tagen schon als Newsletter verteilt haben:

Newsletter 2020-05-29

Die Krise ist natürlich nicht vorbei – das Kinomachen mit so großen Einschränkungen wird in den nächsten Monaten eine große Herausforderung sein. Aber im Moment herrscht Aufbruchsstimmung: Wir hoffen, dass Sie sich genau sehr auf Ihr Kino freuen wie wir!

11. Juni 2020


Wann macht das Casablanca wieder auf? (Update 26. Mai)

Die am häufigsten gestellte Frage der letzten Tage: Wann gehts wieder los mit dem Kino?

Die Antwort: Wir wissen es (noch) nicht. Aber es wird bald so weit sein …

Bisher ist für Bayern der Betrieb von Kinos generell untersagt (mit Ausnahme von Open-Air-Veranstaltungen und Autokinos, die genehmigt werden können). Ab dem 15.6. dürfen Kinos, Theater und ähnliche Orte wieder öffnen.

Das ist ein Montag – wir diskutieren gerade unser Konzept, aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass ab der Spielwoche ab 18. Juni das Casablanca wieder geöffnet sein wird!

Bauarbeiten im Casablanca-HofIm Moment bereiten wir das Kino intensiv auf einen Neustart vor – einerseits mit vielen Bau- und Verschönerungsmaßnahmen, die teilweise ohnehin geplant waren, teilweise spontan gestartet wurden, um die Schließzeit zu überbrücken. Im Moment ist das Casa eine Baustelle – in einigen Wochen wird es schöner sein als je zuvor.

Andererseits arbeiten wir an Konzepten und Abläufen, mit denen wir die Einschränkungen und Vorgaben werden einhalten können, die bei einem Neustart gefordert werden.

Insbesondere arbeiten wir auch an Ideen, wie wir das weiter machen können, was das Programm des Casablanca ausmacht – nicht nur Filme abzuspielen (das wird wohl in Kürze wieder möglich sein, wenn auch vermutlich mit weniger Platzkapazität und anderen Einschränkungen als gewohnt), sondern auch Veranstaltungen, Reihen, Kooperationen und vieles mehr. Hier wird es keine generelle Lösung geben – manches wird erst mal nicht stattfinden können, anderes wird anders sein als gewohnt, einiges sicher auch schon bald wieder fast wie gewohnt starten.

Darüber, wann genau es wieder losgeht und mit welchem Programm, informieren wir so früh wie möglich – wenn Sie sofort informiert werden wollen, folgen Sie uns einfach in über unsere Social Media-Kanäle oder abonnieren unseren Newsletter!

26. Mai 2020