Berlinale-Rückblick (1)

von Matthias Damm (Theaterleiter)

Die Berlinale 2021 ist vorbei – zumindest das „Industry Event“, bei dem die Fachwelt die Filme des Wettbewerb und der anderen Sektionen sehen durfte. Im Juni folgt dann noch ein Festival vor Ort in Berlin fürs Publikum.

Berlinale – das heißt normalerweise: Anstehen für Karten am zugigen Potsdamer Platz in klirrender Kälte. Hin- und Herhetzen zwischen Zoo, Alexanderplatz, Friedrichstadtpalast und Potsdamer Platz, um den Terminplan, der bei der Planung noch irgendwie machbar aussah, einzuhalten. Fast Food an den Food Trucks oder Dönerläden der Stadt. Die abstruse Hässlichkeit der gescheiterten Stadtplanung der Arkaden am Potsdamer Platz mit ihren (auch vor Corona) leeren Geschäften. Mehr Zeit in der S-Bahn als im Kino. Wenig Schlaf. Aber auch: Kino International, Zoo-Palast, Friedrichstadtpalast – Filme auf gigantischen Leinwänden und in den schönsten Sälen der Stadt. Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen und Zufallsbekanntschaften. Small Talk und harte Verhandlungen im Vorübergehen. Reaktionen des Publikums auf Filme – eines Publikums, das in Berlin immer zum großen Teil aus Nicht-Fachleuten besteht – echte Kinofans, für die ein Festivalbesuch kein Arbeitstermin, sondern ein Ereignis ist. Wegdämmern bei Filmen, die gerade nicht passen oder die so richtig schlecht sind – und Begeisterung darüber, wenn man im ganzen professionellen „Sichten“ von Filmen von einigen davon berührt oder mitgerissen wird.

Funktioniert das auch bei einer Berlinale, bei der aus der Leinwand des International plötzlich ein Laptop-Bildschirm wird? Natürlich funktioniert es irgendwie – gute Filme bleiben gute Filme. Aber es fehlt so wahnsinnig viel und man möchte nicht länger vor dem Schreibtisch sitzen, sondern ins Kino.

Nun ist es enorm praktisch, wenn man einen leeren Kinosaal zur Verfügung hat, in dem man den Laptop anstecken und den Film dann doch auf einer echten Kinoleinwand sehen konnte – für einige Mitglieder der Casa-Programmgruppe fand ein Teil der Berlinale dann glücklicherweise doch im Kinosaal statt, ohne Festival außenrum und in einem Kino ohne Publikum. Das macht Lust auf die Wiedereröffnung, Lust darauf, die tollen Filme, die wir sehen konnten, in unser Kino zu holen und mit unseren Gästen zu sehen, zu feiern, zu hassen oder einfach nicht zu verstehen. Bald ist es so weit – bleibt stark!

Und welche Filme gab es zu sehen? Es waren überschaubar wenige im Vergleich zu einer regulären Berlinale, um die 100 wohl in den verschiedenen Sektionen, nur 15 im Wettbewerb. Wie großartig (und wie schön wäre es, wenn das so bliebe!) – eine Berlinale, bei der man danach das Gefühl hat, dass man fast alles überblicken konnte, dass man das meiste von dem gesehen hat, was man sehen wollte und bei der doch genug Überraschungen und Zufallstreffer blieben.

Ein Höhepunkt natürlich: Der absolut verdiente Festival-Gewinner Bad Luck Banging or Loony Porn von Radu Jude. Der einzige Film in meiner Auswahl, der Corona direkt thematisiert – und die einzige Art der Thematisierung, die ich sehen möchte. Ein wildes, versponnenes, rohes und geniales Artefakt – das in Berlin vor Ort sicher für schöne Szenen gesorgt hätte, denn natürlich muss man zu Beginn der Geschichte über das Tribunal gegen eine Lehrerin, von der ein Porno-Filmchen im Internet auftaucht und für größtmögliche Empörung sorgt ebendieses Filmchen auch sehen – in volle Länge, Drastik und fragwürdiger Ästhetik gleich zu Beginn des Films. Die Szene wiederholt sich später, wenn die empörte Elternschaft im Hof der Elite-Schule wider die Angeklagte zu Gericht sitzt und die Empörtesten ganz nach an das herumgereichte Tablet heranrücken, um auch genau sehen zu können, was da Empörendes zu sehen ist. Radu Judes Zielrichtung ist klar – jede Gruppe der rumänischen Gesellschaft kriegt hier ihr Fett weg, das Militär, die Kirche, die moralisch Kaputten und die, die mit ihren Autos der Stadt Bukarest die Luft zum Atmen nehmen. Im Mittelteil des Films wird ein Lexikon eingeschoben, das so absurd-witzig wie grotesk ist. Die rumänische Gesellschaft hat sich ihren Radu Jude offenbar redlich verdient – und man wünscht sich auch für Deutschland Filmemacherinnen und Filmemacher, die mit so viel Energie und so wenig Respekt zu Werke gehen. (Bewertung auf einer Skala mit maximal 5 Sternen: ⭐⭐⭐⭐⭐

In gewisser Hinsicht der Gegenentwurf dazu ist Maria Schraders vieldiskutierter Ich bin Dein Mensch. Hier wird genau geplant (was nichts Schlechtes ist) und eine der wichtigsten Fragen der aktuellen Zeit angegangen, die nach der Roboter-Ethik – wo sind die Grenzen dessen, was künstliche Intelligenz darf, vor allem wenn sie im Gewand eines Menschen daherkommt, eines Androiden? Taugen Androiden als Partner für Menschen aus Fleisch und Blut? Haben sie Rechte? Pflichten? Und natürlich die alte Frage von Philip K. Dick „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ (die Titel des Romans ist, der dem Klassiker ‚Bade Runner‘ zugrundeliegt. Und hier liegt das Problem mit diesem Film: All diese Fragen wurden in Filmen bereits hundert Mal beantwortet – und Schraders Werk fügt dem keinen interessanten Aspekt hinzu. Dabei ist das Setting betörend: Androide Roboter, die als Partner-Ersatz für echte Menschen dienen sollen, haben es zur Marktreife gebracht und sollen getestet werden, wofür offenbar auch eine Expertin für Keilschrift befähigt ist, die nun für drei Wochen einen Androiden an der Seite hat. Was hätte man nur aus dieser Idee machen können – aber obwohl der überaus hübsche Robotermensch genau den Ansprüchen der zu Beglückenden entsprechend modelliert wurde, räumt erst mal die Bücherwand um, mischt sich in ihre Forschung ein und steht stundenlang im Regen rum. Hier passt leider nichts zusammen – sollen wir wirklich glauben, dass es offenkundig KIs gibt, die sich in Sekunden einen Überblick über den Forschungsstand eines abseitigen Fachgebiets verschaffen und mal eben Jahre der Forschung entwerten können, diese aber nur in experimentellen Escort-Robotern verbaut werden? Muss wirklich jede lustige Frage beantwortet werden, die sich ein fünfjähriger ausdenken würde, wenn er gefragt wird, was menschenähnliche Roboter wohl alles lustiges anstellen würden? Richtig ärgerlich wird es dann, wenn die Frage nach der technischen Ausstattung des Beglückers im Intimbereich erörtert wird: Alles vorhanden, muss aber durch ausdauerndes Rumgeknutsche aktiviert werden. Kein Roboter für eine Nacht also, künstlichen Sex gibts hier nur wenn vorher künstliche Intimität geliefert wird. Das weibliche Modell scheint anders zu funktionieren, wie man später im Film von einem hochzufriedenen Kunden erfährt, für die männliche Variante muss die Benutzerin schön züchtig Vorspiel machen – da wurde ein entscheidender Teil des Drehbuchs wohl direkt aus den 50ern zugeliefert. Das alles sieht keineswegs schlecht aus, sondern liefert gefällige Fernsehfilm-Ästhetik (was für den Berlinale-Wettbewerb etwas wenig ist) – bleibt aber leider immer auf dem Niveau einer gefälligen Feelgood-Komödie. Schade – das konnte Frau Schrader in „Unorthodox“ besser. ⭐⭐

Dass deutsche Filme (die überaus stark im Programm der Berlinale vertreten waren) mehr können, zeigen andere Beispiele:

Das klappt als Fingerübung, wie Daniel Brühls Regie-Debüt Nebenan, nach einem Buch von Daniel Kehlmann, in dem Brühl vermutlich sich selbst spielt, als Berliner Schauspiel-Yuppie und Gentrifizierungs-Vorantreiber mit Altbauwohnung und Hang zur staubigen Ästhetik einer Berliner Eckkneipe. Schauspieler als Regisseure sind nicht immer eine gute Kombination – aber dass Brühl nicht nur seinen Lebensstil zur Disposition stellt, sondern sich auch von seinem Spielpartner, dem wie immer großartigen Peter Kurth an die Wand spielen lässt. Vermutlich ist auch das ein Corona-Film, mit winziger Besetzung und nur einem Schauplatz – und doch ein vielschichtiger und ungemein lustiger Film. ⭐⭐⭐⭐⭐

Eigenwillig-großartig auch Tim Fehlbaum Tides, der als Special lief. Fehlbaum hat vor einigen Jahren für wenig Geld den tollen Endzeit-Film ‚Hell‘ gemacht. Geld war jetzt offenbar nicht das Problem – die Constantin Produktion (mit Roland Emmerich als Zugpferd) fährt ganz große Optik auf. Der Plot ist post-apokalyptisch: Die Erde wurde vom Klimawandel zerstört und ist zur Wasserwelt geworden. Die Bevölkerung ist geflohen, muss nun aber vom Planeten Kepler zurückkehren – und prüft, ob der Planet sich so weit erholt hat, dass das möglich wird. Bewohnt wird die zerstörte Erde von Überlebenden, die in alten Industrieanlagen und Schiffen hausen. Vermutlich sollte man die innere Logik so eines Films nicht im Detail beleuchten – aber Fehlbaum gelingt es nicht nur, seine Geschichte voranzutreiben, er schafft auch Bilder, die es so beeindruckend-dreckig selten in einem deutschen Film gab. Offenbar wurde wenig mit digitalen Effekten gearbeitet sondern tatsächlich im Wattenmeer gedreht. Schwer zu sagen, ob nicht doch ‚Hell‘ der bessere (weil authentischere) Film ist, aber beeindruckend ist Tides allemal. ⭐⭐⭐⭐

Christian Schwochow zeigte (ebenfalls als Special) Je Suis Karl, der in gewisser Hinsicht komplementär zu ‚Und morgen die ganze Welt‘ von Julia von Heinz ist. Es geht um politische Gewalt, um Terrorismus: In Berlin findet ein Bombenattentat auf ein Wohnhaus statt, das schnell von den Medien als islamistischer Anschlag interpretiert wird. Tatsächlich: Ein Joe Job einer rechten Terrorgruppe, Teil des Plans in Richtung der Machtergreifung und organisiert von einer Bewegung, für die der Terror ein Mittel ist, die sich sonst aber modern gibt, mit professionell organisierten Jugendcamps und Zurechtweisung derer, die die Parolen von gestern verwenden – man ist jung und hip, man ist pro-europäisch, man beschwört Zusammenhalt und kämpft gleichzeitig gegen die, die als Gefahr von außen gebrandmarkt werden. Vielleicht dreht Schwochow die Schraube am Schluss eine Umdrehung zu weit – aber sein Film ist groß und vermutlich näher an der Realität als manche/r sich vorstellen will. ⭐⭐⭐⭐⭐

Und dann ist da Dominik Graf, der dieses Mal keine Serie und keinen Fernsehfilm gedreht hat, sondern eine drei Stunden dauernde Verfilmung von Erich Kästerns Fabian oder Der Gang vor die Hunde. Drei Stunden lang ist Tom Schilling in jedem Bild und säuft, liebt und vögelt sich durchs Berlin der 20er Jahre. Der Film beginnt mit einer wilden Exposition und wirkt zunächst wie „Babylon Berlin“ auf Speed, entwickelt dann aber in eigenwillig-altmodischer analoger 4:3-Ästhetik ein aus der Zeit gefallenes Kunstwerk, das ganz viel erzählt über die Zeit, in der Deutschland in die Brüche ging aber auch vieles entstand (vor allem: Das Kino!) ⭐⭐⭐⭐⭐

Viele gute deutsche Filme also? In der Tat – erstaunlich viele gute. Und sie sind immer gut, wenn sie sich trauen, nicht wie deutsche Filme auszusehen. Natürlich gibts auch auf der Berlinale andere, wie Die Saat von Mia Maariel Meyer, der in der „Perspektive deutsches Kino“ läuft. Armes deutsches Kino, wenn das seine Perspektive ist! „Mit unaufhaltsam steigendem Druck beschreibt Regisseurin Mia Maariel Meyer in ihrem zweiten Spielfilm eine durch Kapitalismus entmenschlichte Welt, in der der Kampf für Gerechtigkeit und Integrität zur Zerreißprobe wird.“ steht im Pressetext. Ja, das tut sie – aber sie tut es ohne jeden Zwischenton, ohne jede Überraschung, ohne jegliche Figurenentwicklung. Hier ist in jeder Szene klar, wer gut ist und wer böse – und für den Fall, dass es jemand nicht versteht, muss die Ausstattung und die Maske ran, die den Finsterlingen düstere Augenringe und schmierige Gel-Haare schminken. Ein Film, der dezidiert fürs Kino produziert wurde und der viel Fördergeld versenkt hat – und der doch nicht mehr ist als ein Wiedergänger aus der deutschen Fernsehspiel-Hölle, der tut, als müsse man bei einem Kinofilm sicherstellen, dass man jederzeit nebenbei bügeln oder Bier holen können muss, ohne den Anschluss zu verlieren. ⭐

(wird fortgesetzt)