Filmtipps

Persönliche Filmtipps aus dem Casa-Team

Die meisten Texte, die Sie auf unserer Seite zu unseren Veranstaltungen und Filmen finden, stammen aus den Presseheften der Filmverleiher.

Sie beschreiben den Inhalt der Filme, weisen auf Preise und Auszeichnungen hin und liefern Informationen zu den Hintergründen und Inhalten.

Aber das reicht uns nicht: Wir wollen unserem Publikum künftig einen Einblick geben in unsere Programmarbeit – warum zeigen wir diesen Film? Warum machen wir diese Veranstaltung? Oft ist der Grund, dass jemand aus unserem Team einen Film auf einem Festival oder einer Verleih-Veranstaltung gesehen hat, dass er ein Fan eines Schauspielers, einer Regisseurin ist oder an einer Thematik besonders interessiert. Sehr oft sind nicht die Filme, die das meiste Publikum versprechen die, die wir auswählen. Und manche Filme sind auch bei uns im Team umstritten.

Für die Filme und Veranstaltungen, die uns aus irgendeinem Grund besonders wichtig sind, gibt es an dieser Stelle persönliche Empfehlungen aus unserem Team – und vielleicht auch mal Pro und Contra!

Stan & Ollie

Filmtipp von Fiona (Casa Programmgruppe)

„Comedy is a serious business“; „Die Komik ist ein ernstes Geschäft“.  Diese Idee – angeblich ursprünglich vom großen amerikanischen Humorist W.C. Fields formuliert – steckt hinter dem neuen biografischen Film Stan and Ollie von Jon S. Baird.

Stan and Ollie, Laurel and Hardy, Dick und Doof: wahrscheinlich das Bekannteste, wohl auch das erfolgreichste Comedy-Duo des Kinos.  Aber, wie so oft bei den interessanteren ‚Biopics‘, ist der Film deutlich weniger an der Blütezeit des Teams interessant, als vielmehr an den Durststrecken.  Obwohl wir kurz nach Hollywood der 1930er Jahre blicken, als die beiden an den Hal-Roach-Studios Meisterwerke wie Way Out West [Zwei ritten nach Texas] produzierte, ist der Hauptspielort Großbritannien der frühen 1950er Jahre, eine weitaus tristere und vermutlich deutlich kühlere Umgebung.  Grundlage der Erzählung ist die Tournee, die das in die Jahre gekommene, gesundheitlich angeschlagene Paar durch zweitklassige Theater in britischen Provinzstädten unternahm.

Dabei soll aber auf keinen Fall den Eindruck erwecket werden, dass der Film nicht komisch sei.  Im Gegenteil: er ist durch und durch vom humoristischen Geist seiner Inspiration geprägt.  Wir dürfen nicht nur einige Film- und Bühnengags vor und hinter den Kulissen miterleben, sondern die Einsätze im echten Leben.  Bei Laurel und Hardy floss die Komik so sehr durchs Blut, dass es anscheinend für die beiden oft keine Grenze mehr zwischen Auftritte und „real life“ gegeben hat.  Aber: wo hört der Mann auf, wo fängt das Komiker-Persona an?  Und was passiert mit jeder einzelnen Hälfte eines Double-Acts ohne sein Gegenüber?

Dass das echte Leben des Duos so glaubwürdig dargestellt wird ist der genialen Besetzung zu verdanken.  Es ist manchmal unheimlich, wie sehr Steve Coogan und John C. Reilly es schaffen, ihre Vorbilder zu verkörpern, nicht alleine in der Mimik und die Gestik, sondern vor allem in der Stimmung.  Ihre Ehefrauen, gespielt von Nina Arianda und Shirley Henderson, sind natürlich nicht so bekannt, aber ich möchte gerne glauben, dass die Originale den gleichen Witz und Mumm besaßen als ihre Nachahmungen.

Stan and Ollie gelingt es eine geniale Brücke zwischen Humor und Pathos zu schlagen und ich kann den Film nur wärmstens empfehlen – selbst für Menschen die Laurel und Hardy bisher nicht kannten.  Und wer zu dieser Gruppe gehört: what have you been doing with your life?  Comedy is a serious business!

4. Mai 2019


Der Fall Sarah und Saleem

Filmtipp von Black (Casa-Programmgruppe)

Mit „Der Fall Sarah & Saleem“ habe ich mit Sicherheit den ersten Film auf meiner persönlichen Top 10 Liste meiner Lieblingsfilme 2019.

Der palästinensische Filmemacher Muayad Alayan erzählt eine sehr menschliche Geschichte. Alle Beteiligten landen in einem moralischen Dilemma und sind gezwungen Entscheidungen zu treffen, mit extremen Auswirkungen auf das Eigene und das Leben anderer.

Die Israelin Sarah aus West-Jerusalem betreibt ein Cafe und hat ein Verhältnis mit ihrem Lieferanten Saleem, einem Palästinenser aus Ost-Jerusalem. Es ist eine reine sexuelle Beziehung, die regelmäßig im Lieferwagen vollzogen wird. Aber einmal begleitet Sarah, Saleem auf eine Ausfahrtour nach Bethlehem und das wird ihre „Normalität“ völlig verändern.

Ein harmloser Zwischenfall in einer Bar lässt die Situation eskalieren und ab da wird bewusst, dass Jerusalem keine normale Stadt ist. Ab jetzt wird alles politisch.

Alle vier Charakteren Sarah und ihr beim Militär arbeitender Ehemann und Saleem und seine schwangere Ehefrau werden nicht mehr in der Lage sein das Ganze zu regeln.

Die Rollen sind perfekt besetzt. Die Bilder und Szenarien wirken real. Es ist kein Hollywood-Kino, es ist eine intensiv erzählte Geschichte die einen mitnimmt und auch nach dem Kinobesuch noch beschäftigt.

„Der Fall Sarah & Saleem“ ist echtes, vielschichtiges Arthoueskino.

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25. März 2019


Vom Lokführer, der die Liebe suchte

Filmtipp von Rainer (Casa-Programmgruppe)

Sie sind der Meinung, dass heutzutage in den Filmen viel zu viel gequatscht wird und sind der ewigen Beziehungsdialoge rauf und runter leid ? Sie meinen, dass sich ein wirklich guter Film sich lieber auf seine ästhetischen Qualitäten besinnen sollte, auf seine Bild- und Zeichensprache, auf Musik und Ton? Sie möchten mal wieder einen deutschen Film sehen, der sich darauf besinnt ?

Dann sind Sie bei Veit Helmer richtig. Der verdient mal wirklich den Namen Ausnahme-Regisseur, denn bei seinen Filmen steht nicht die eigentliche Geschichte im Vordergrund, sondern deren visuelle Umsetzung – und die geht auch völlig ohne Dialoge ! Das hat Veit Helmer bereits bei seinem hochgelobten Debutfilm „Tuvalu“ bewiesen, für den er vor einigen Jahren den bayerischen Filmpreis für Regie und den Publikumspreis beim Max-Ophüls-Festival bekam. Der Film war durchaus ein Wagnis, denn Kino-Zuschauer sind es nun mal  nicht gewöhnt, dass nur über Mimik und Körpersprache kommuniziert wird. Aber wer ihn gesehen hat, wird ihn in Erinnerung behalten.

Und freut sich nun auf den „Lokführer“, in dem gerade mal zwei Worte gesprochen werden. Mehr ist auch nicht nötig, um diese Geschichte zu verstehen. Sie spielt in einem Randbezirk von Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Ein alternder Lokführer, der tagein, tagaus auf einer Kleinspurbahn durch enge Wohnsiedlungen unterwegs ist, steht im Mittelpunkt. Der findet eines Tages einen auf seiner Wegstrecke liegenden BH, der offenbar von einer kurzfristig abgehängten Wäscheleine gefallen ist. Der Film erzählt davon, dass er den er seiner rechtmäßigen Besitzerin zurück geben will. Kein Wunder, dass bei dieser Geschichte ein paar Komplikationen vorprogrammiert sind.  Aber der Film wird nie schlüpfrig, hält sich auch in „pikanten“ Situationen diskret zurück.

Helmers Filmkunst besteht darin, durch das Spiel seiner Darsteller, durch Geräusche und Musik dem Film so viel Leben einzuhauchen, dass der Zuschauer nach einiger Zeit gar nicht mehr merkt, dass ihm etwas fehlen könnte (nämlich die Dialoge). Und diese Leistung ist nicht hoch genug einzuschätzen, denn in einer Zeit, in der insbesondere amerikanische Mainstreamfilme mit hohen Schnittfrequenzen um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlen, ist dieser Film ein „altmodisches“ Unikat. Er entfaltet seine Poesie quasi nebenbei, lässt den Zuschauer Zeit und Ruhe, das etwas verschroben wirkende  Figurenarsenal kennen zu lernen, bietet leisen Situations-Witz statt vordergründiger Schenkelklopfer.

Sie glauben, dass der deutsche Film nicht innovativ sein kann ? Lassen Sie sich eines besseren belehren…

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9. März 2019


Hi, A.I.

Filmtipp von Rainer (Casa-Programmgruppe)

Künstliche Intelligenz ist derzeit eines der spannendsten Themen unserer Zeit. Wenn es nach der Industrie geht, sollen künftig  selbst fahrende Autos und digital vernetzte Haushalte so selbstverständlich sein wie heute smartphones. Aktuell schon verbreitet ist die technische Hilfskraft „Alexa“, die Sprachbefehle umsetzt und dabei menschliche Handgriffe bei entsprechend vernetzten Geräten ersetzt. Aber die technische Entwicklung geht viel weiter. Künftig sollen Roboter nicht mehr technische „Handlanger“ der menschlichen Spezies sein, sondern deren – Gesprächspartner.

Und was uns die Regisseurin Isa Willinger in ihrem Dokumentarfilm hier an Beispielen zeigt, lässt den Science-Fiction-Film „Her“, der eine Liebesbeziehung zwischen einem Menschen und einem künstlichen Wesen schildert, als gar nicht mehr so abwegig erscheinen. Dazu passt eine kürzliche Meldung aus Japan, wo ein Mann bei einer feierlichen Zeremonie tatsächlich ein digitales Wesen „geheiratet“ hat. Wie uns „Hi, A.I.“ zeigt, sind gerade in Japan kleine Roboter keineswegs exotisch. Sie werden in durchaus beachtlichen Mengen preiswert hergestellt und wie z.B. im Film dazu eingesetzt, älteren vereinsamten Menschen als Kommunikationsmedium zu dienen. Man sieht in ihnen tatsächlich „Familienmitglieder“ und behandelt sie wie ein zum Haushalt gehörendes Kind.

In USA geht man noch einige Schritte weiter und hat menschenähnlich aussehende Androiden entwickelt, mit denen man sich auf hohen kulturellen Niveau unterhalten und auf Reisen gehen kann. Eine ganze Woche ist im Film ein einzelgängerischer Amerikaner mit seiner sexy gestylten Roboterpuppe unterwegs – und keiner der Passanten, den er begegnet, scheint sich daran zu stören.

Im Gegenteil: „Harmony“ ist für ihn die perfekte Partnerin, mit der er auch schwierige biografische Erlebnisse „besprechen“ kann – und die ihn „versteht“. Sie ist nämlich so programmiert, dass sie „empathisch“ auf geäußerte Gefühle und verändertes Sprechverhalten des Gegenübers reagieren kann. Sie kann mit ihm darüber reflektieren, dass er ein Mensch ist und sie „nur“ ein künstlich geschaffenes Wesen. Betrachtet man die Empathie-“Fähigkeit“ mancher Mitmenschen, ist sie einigen von ihnen in manchen Dingen allerdings durchaus voraus…

„Hi, A. I.“ nimmt uns mit auf eine Reise in die Welt von morgen. Eine Welt, in der vielleicht nicht nur Pflege-Roboter zum Standard gehören, sondern auch Roboter-“Menschen“, mit denen wir kommunizieren, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. „Hi, A.I.“ erzählt davon sehr sensibel und ohne wertenden Kommentar. Er hat nicht nur den diesjährigen Dokumentarfilmpreis beim Max-Ophüls- Festival bekommen und wurde in dieser Sparte für den deutschen Filmpreis nominiert, er gehört für mich schon jetzt zu den herausragenden Doku-Filmen dieses Jahres.

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Leave No Trace

Filmtipp von Fiona, Casablanca-Programmgruppe

Szenenbild

Bei der Veröffentlichung in Deutschland im September 2018 ging Leave No Trace leider etwas unter.  Dabei haben mehrere Kritiker den Film inzwischen zu ihren Favoriten des Jahres gekürt, wie der Brite Mark Kermode: „…ein Werk von überwältigender, unauffälliger Stärke, das mir einfach den Atem beraubt hat…. Ein makelloser, zutiefst ergreifender Film“.

Winter’s Bone, der vorherige Film der Regisseurin Debra Granik, sorgte 2011 für viel Aufmerksamkeit, bekam Oscar-Nominierungen, und machte die Schauspielerin Jennifer Lawrence zum Star.  Angesichts des Milieus des Films, der zurückhaltenden Darstellung und die Thematisierung von Problemen der amerikanischen Unterschicht wäre dies vielleicht überraschend, wenn nicht die Qualität der schauspielerischen Leistung und des Filmemachers so überragend gewesen wären.

Ähnlich bei Leave No Trace.  Der neue Film erzählt die Geschichte eines Kriegsveterans und seiner Tochter, die sich eine Existenz am Rande der amerikanischen Gesellschaft erkämpft haben – und was passiert, wenn dieses Leben bedroht wird.  Wie Winter’s Bone macht auch dieser Film eine junge Frau zum Star: Thomasin Harcourt-McKenzie, die Tochter Tom spielt, wurde bereits mehrfach für ihre Rolle ausgezeichnet.  Der „starke, großartige“ Ben Foster verkörpert Vater Will.

Wir freuen uns, einen der besten Filme des Jahres 2018 noch kurz vor Schluss ins Casablanca zu holen.

Alle weiteren Infos und Spielzeiten hier!

22. Dezember 2018


Sandstern

Filmtipp von Lisa Koch, Mit-Organisatorin von „Psychoanalyse und Film“

Im Film Sandstern von Yilmaz Arslan werden wir in die Erlebniswelt eines 12jährigen Jungen geführt, der von der türkischen Mittelmeerküste in eine deutsche Kleinstadt kommt. Er muss seine geliebte Großmutter und die Umgebung seiner Kindheit verlassen und wird hinein geworfen in eine fremde Welt mit ihm unvertrauten, wenig empathischen Eltern. Er kann sich in der fremden Sprache nicht verständigen und fühlt von anderen Kindern ausgeschlossen und isoliert. In berührenden Bildern, mit wenigen Worten bringt uns der Regisseur die vielfältigen Gefühle des jungen Helden nahe, ohne sich in melodramatischer Stimmung zu verlieren. Eingeleitet und immer wieder durchsetzt von märchenhaften Erzählelementen bekommen die schicksalshaft traurigen Momente wie auch überraschend fröhliche Begegnungen in Oktays Leben umso mehr Realität. Arslan zeigt uns mit seinem Film, dass Mut und Kraft auf Menschlichkeit und Verständnis treffen können und sich damit neue Wege eröffnen. Ein optimistischer Film, auch zum Thema coming of age. Sehr sehenswert.

Der Film ist aktuell in unserem Programm. Alle Spielzeiten und weitere Infos hier!

1. Dezember 2018


Wackersdorf

Filmtipp von Matthias (Theaterleiter)

Zugegeben: Es fiele mir schwer, über ‚Wackersdorf‘ Negatives zu schreiben. Der Regisseur Oliver Haffner und der Produzent Ingo Fliess sind alte Freunde des Casa – Olivers erster Spielfilm „Mein Leben im Off“ lief 2010 bei uns, und er war einer der ersten Gäste überhaupt, die wir bei uns begrüßen konnten. Wir haben auch seinen zweiten Film ‚Ein Geschenk der Götter“ gespielt und sofort alles in Bewegung gesetzt, um ‚Wackersdorf‘ ins Casa zu holen.

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17. September 2018


Styx

Filmtipp von Rainer (Casa-Programmgruppe)

„Styx“ ist noch einmal am 9. Dezember in der CasaMatinée zu sehen – in Anwesenheit des Regisseurs Wolfgang Fischer, der für den Film den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis erhält!

Das seit mehreren Jahren kontrovers diskutierte Problem der Asylgewährung in einem spannenden und berührenden Spielfilm verarbeiten – das geht nicht, oder? Während man im deutschen Kino sich hierzu politisch offenbar nicht  zu positionieren wagt, hat der österreichische Regisseur Wolfgang Fischer bei diesem Thema keine Berührungsängste. Und er lässt seine Geschichte erst einmal mit Mitteln des perfekt inszenierten Spannungskinos beginnen, bevor sich seinem eigentlichen Thema zuwendet: Eine nach Erholung strebende Ärztin gerät während ihres alleine organisierten Segeltörns im südlichen Spanien in einem schweren Sturm.

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30. Juli 2018