Fritzi – Eine Wendewundergeschichte

Filmtipp von Matthias (Casa-Theaterleiter)

30 Jahre ist die Friedliche Revolution des Herbst 1989 her – und 30 Jahre hat es gedauert, dass ein Film über die Ereignisse in der untergehenden DDR ins Kino kommt.

Es ist ein Familienfilm geworden, eine gezeichnete Geschichte über die Erlebnisse eines 11jährigen Mädchens in Leipzig, basierend auf dem Kinderbuch „Fritzi war dabei“ – und das ist wunderbar so. „Fritzi“ ist der perfekte Film, um an die Geschichte des Jahre 1989 zu erinnern, denn er macht alles richtig: Er erzählt zuerst die Geschichte einer Freundschaft zwischen Fritzi und ihrer Freundin Sophie, die gemeinsam mitten in Leipzig eine wunderbare Kindheit verbringen – und die jäh auseinandergerissen wird, als Sophie mit ihrer Familie nicht aus dem Ungarn-Urlaub zurückkehrt. Sophies Hund Sputnik bleibt bei Fritzi und Fritzis Versuche, Sputnik zu seiner Besitzerin zurückzubringen, bilden das Grundgerüst der Geschichte.

Der dramaturgische Kniff, die Geschichte des Großen im Kleinen zu erzählen, funktioniert – im Vorbeigehen erzählt die „Wendewundergeschichte“ vom Leben in der DDR, von einer glücklichen Kindheit, die stets unter dem Einfluss von ideologischer Bevormundung, Konformitätsdruck, Stasi-Spitzeleien und vielen anderen Einschränkungen stand. „Fritzi“ hat nicht zum Ziel, die Ereignisse der Revolution minutiös nachzuerzählen – der Film, der das tut, wird sicher noch gedreht werden. Aber es gelingt ihm etwas viel wertvolleres: Der Film behandelt letztlich die entscheidende Frage, die auch nach 30 Jahren im Raum steht: Wie gestaltete sich das Leben im frostigen Klima der untergehenden DDR? Warum gingen Menschen im Herbst 1989 in die Nikolaikirche und später dann auf die Straße? Warum wurden aus den 20, die sich 1983 bei den ersten Friedensgebeten getroffen hatten später 20.000 und am 9. Oktober 1989 dann 70.000? Was motivierte sie, angesichts der steten Angst vor Beeinträchtigungen oder Verhaftung, dennoch auf der Straße ihr Recht einzufordern? Wie gelang es, dass der übermächtige Überwachungsapparat letztlich machtlos war? Und wie konnte das alles friedlich, ohne einen einzigen Schuss vonstatten gehen?

Dass das funktioniert, und zwar sowohl für Kinder als auch für ein erwachsenes Publikum, ist eine Meisterleistung der Filmemacher/innen: Fritzi funktioniert einerseits als ein Film, mit dem sich Kinder identifizieren können, indem er die Eigenheiten des Lebens in der Diktatur und in der Revolution auf die Lebenswelt seiner 11jährigen Protagonistin herunterbricht. Er funktioniert aber auch als Geschichtsstunde für die Erwachsenen, indem er die Ereignisse über die wenigen Elemente der Revolution verortet, die es ins kollektive Gedächtnis geschafft haben.

Dass der Film nebenbei meisterhaft animiert ist und enorm detailliert und liebevoll das Leipzig des Jahres 1989 auf die Leinwand bringt, kommt dann noch dazu … – ein Triumph für das in Deutschland fast unbekannte Genre des ernsthaften Animationsfilms.

Ich durfte „Fritzi“ gemeinsam mit meiner 9jährigen Tochter bei der Weltpremiere am 7. Oktober in der Nikolaikirche sehen – ein einzigartiges Erlebnis an diesem einzigartigen Ort deutscher Geschichte. Vermutlich haben zeitgleich draußen die demonstriert, die das Motto der Revolution „Wir sind das Volk“ mit ihren rassistischen, rückwärtsgewandten Umtrieben in den Dreck ziehen. Auch der Film, der aufzeigt, wie die positive Energie der Revolution von 1989 so verpuffen konnte, muss wohl noch gemacht werden – bis dahin sollen alle „Fritzi“ sehen – sicher werden einige Lust bekommen, die Orte der Revolution zu besichtigen (am besten übrigens bei einer Stadtführung, die die „Runde Ecke“ jede Woche organisiert).

„Offen für alle“ seht seit 1983 auf dem berühmten Fahrradständer vor der Nikolaikirche – wie schön, dass dieser Satz 30 Jahre nach der Revolution seinen eigenen Film bekommt.

Alle Spielzeiten des Filmes finden sich hier. Wir organisieren jederzeit (auch wenn der Film nicht mehr im regulären Programm läuft) Sondervorführungen für Schulklassen und andere Gruppen!

Hier Impressionen von der Premiere in Leipzig: