Filmtipp-Archiv

Persönliche Filmtipps aus dem Casa-Team

Auf dieser Seite finden Sie das Archiv aller Filmtipps aus der Vergangenheit!

TV- und Mediatheken-Tipps vom 1. bis 7. April 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!


Ein letzter Tango

von German Kral, Deutschland/Argentinien 2015
Donnerstag, 1. April 2021, 1:10 Uhr (d.h. Freitag), Arte – bis 30.4. in der Arte-Mediathek

Ein Doku-Film, ein Musik-Film, ein Beziehungs-Film, ein sehenswertes Kleinod…

„Sie liebten sich, sich stritten sich, konnten sich gegenseitig nicht mehr ertragen und tanzten doch mehr als 50 Jahre lang gemeinsam: María Nieves (81) und Juan Carlos Copes (84) zählen zu den berühmtesten Tanzpaaren weltweit. Anhand ihrer Liebes- und Lebensgeschichte erzählt der Dokumentarfilm, wie der argentinische Tango den Weg auf die Weltbühne fand, wobei er weniger als gefühlvoller Tanz denn als getanztes Gefühl präsentiert wird. Junge Tänzer erarbeiten musicalartige Tango-Szenen zu Schlüsselmomenten aus Nieves’ und Copes’ Vergangenheit, die sich harmonisch-erhellend in das Porträt zweier einnehmender Persönlichkeiten einfügen.“


Was uns nicht umbringt

von Sandra Nettelbeck, Deutschland 2018
Freitag, 2. April 2021, 21:15 Uhr, ZDF

Mit hochkarätigen Schauspieler*innen besetzte deutsche Tragikomödie.

„Bei einem passionierten, insgeheim aber von den Problemen seiner Patienten manchmal auch überforderten Therapeuten laufen die Fäden eines breitgefächerten Personenreigens zusammen, aus denen das Auf und Ab im Leben der Hamburger Großstädter zum mal melancholisch dunklen, insgesamt aber eher heller gefärbten Netz gewoben ist. Der geschmeidige Ensemblefilm lotet als eine Art Kaleidoskop aus Trauer, Wut, Hoffnung und Zuversicht die Kraft gemeinsamen Redens aus, durch die sich manche Perspektive verrücken lässt. Glänzend besetzt und hervorragend gespielt.“


Boyhood

von Richard Linklater, USA 2014
Freitag, 2. April 2021, 1.10 Uhr (d.h. Samstag), ZDF

Diese mehrfach preisgekrönte (u.a. Silberner Bär der Berlinale) fiktive filmische Langzeitstudie ist sowohl gelungenes Experiment als auch filmisches Unikat.

„In zwölf Drehjahren mit denselben Schauspielern realisierte Richard Linklater einen Spielfilm über Kindheit und Jugend eines Jungen, der mit seiner Schwester und Mutter in Texas aufwächst. Von der Einschulung bis zum College sowie in vielen Gesprächen und Alltagssituationen entfaltet sich die fesselnde Reduktion auf das „gemeine Leben“, höchstens torpediert von den Erfahrungen eines Scheidungskindes. Mit hervorragend geschriebenen und gespielten Familienfiguren greifen der dokumentarische Gestus und der fiktive Inhalt in der Langzeitinszenierung virtuos ineinander und zeigen selten zu beobachtende Bilder des Heranwachsens.“


All is Lost

von J.C. Chandor, USA 2013
Freitag, 2. April 2021, 23:35 Uhr, 3Sat

Eines der besten Robert-Redford-Alterswerke.

„Ein alter Mann segelt mit seiner Yacht im Indischen Ozean. Wer er ist und wohin er will, erfährt man nicht. Stattdessen setzt der in seinen sparsamen Mitteln ganz auf Mann und Boot konzentrierte Film auf die wachsende Identifikation des Publikums mit dem von Naturgewalten heimgesuchten Segler. Ein minimalistischer Film, dessen Freude am dramatischen Detail mehr und mehr existenzieller Kontemplation weicht und damit durchaus allegorische Bezüge zulässt.“


Mörderland

von Alberto Rodriguez, Spanien 2014
Samstag, 3. April 2021, 20:15 Uhr, Tele 5 – bis 10.4. in der Tele 5-Mediathek

Düsterer, mit 10 Goyas ausgezeichneter, Sozialkrimi aus Spanien.

„Zwei Polizisten aus Madrid werden im Spätsommer 1980 in die andalusische Marschlandregion des Fluss Guadalquivir geschickt, um den Mord an zwei Mädchen aufzuklären. Sie geraten in einen Sumpf aus Ignoranz und organisiertem Verbrechen, erkennen aber auch, dass sie selbst mit sich und ihrer Vergangenheit nicht im Reinen sind. Der spannende Polizei-Thriller entwirft ein stimmig-morbides Sittenbild der 1980er-Jahre, vermittelt seine wortkarge Geschichte aber vor allem durch eine atemberaubende Bild- und Tonsprache, die die Handlung in audiovisuelle Stimmungen übersetzt.“


Rocketman

von Dexter Fletcher, USA/Großbritannien 2019
Montag, 5. April 2021, 20:15 Uhr, Pro7

Elton Johns Weg zum Weltstar als magisch-realistisches Musical.

„Beim Treffen einer Selbsthilfegruppe bekennt der Rockmusiker Elton John seine jahrelange Abhängigkeit von Drogen und Sex und rekapituliert sein bisheriges Leben: Aus der freudlosen Kindheit und den ersten Kontakten mit klassischer Musik erwächst über die Begegnung mit dem Songschreiber Bernie Taupin und eine Reihe von Charthits der kometenhafte Aufstieg zum Superstar mit extravagantem Outfit. Rauschende Musical-Biografie über den flamboyanten homosexuellen Rockmusiker mit prächtigen Kostümen und vielen Evergreens, in der Elton Johns Lebensstationen in stilisierte Auftritte aufgelöst werden.“


Fish Tank

von Andrea Arnold, Großbritannien 2019
Mittwoch, 7. April 2021, 20.15 Uhr, Arte – bis 13.4. in der Arte-Mediathek

Ein elektrisierendes britisches Sozialdrama um eine rebellierende Jugendliche.

„Ein souverän inszeniertes Drama über das Ringen einer Heranwachsenden zwischen frühreifer Lolita und hilfsbedürftigem Kind. Eine herausfordernde Coming-of-Age-Studie, die von der enormen Präsenz der Hauptdarstellerin lebt und die aufgelassenen Industriebrachen um die Themse-Mündung zum seelischen Spiegel macht.“

30. März 2021


TV- und Mediatheken-Tipps vom 25. bis 31. März 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!


Atlas

von David Nawrath, Deutschland 2018
Donnerstag, 25. März 2021, 23:40 Uhr, ARD – bis 31.3. in der Arte-Mediathek

Stimmiges deutsches Vater-Sohn-Drama vor Gentrifizierungshintergrund.

„Ein älterer Möbelpacker, der bei einer Zwangsräumungsfirma arbeitet, trifft nach Jahrzehnten seinen Sohn wieder. Ohne sich ihm zu erkennen zu geben, will er ihn vor den kriminellen Praktiken seiner Firma bewahren, doch gelingt es ihm nicht, den Sohn davon abzuhalten, im Kampf um seine Wohnung seinerseits immer mehr Gewalt ins Auge zu fassen. Das lebensechte und konzentriert entwickelte Drama lotet die Tragik seiner Vater-Sohn-Entfremdung mit psychologischem Feingefühl aus und profitiert von brillanten Darstellern. Vielschichtig und mit Sympathie gelingt auch die Zeichnung eines randständigen sozialen Milieus, ohne dessen deprimierende Seiten zu dramatisieren.“


Marie Curie und das blaue Licht

von Marie Noëlle, Polen/Deutschland/Frankreich 2016
Freitag, 26. März 2021, 20:15 Uhr, Arte – bis 1.4. in der Arte-Mediathek


Django Unchained

von Quentin Tarantino, USA 2012
Freitag, 26. März 2021, 20:15 Uhr, Pro7

Pulp-Maestreo Quentin Tarantino goes Spahettiwestern – Oscar für Christoph Waltz.

„Ein schwarzer Sklave wird von einem weißen Kopfgeldjäger freigekauft. Aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft entwickeln sich allmählich ein Schüler-Lehrer-Verhältnis sowie eine Freundschaft. Zusammen wollen sie die Braut des ehemaligen Sklaven, die einem sadistischen Herrn gehört, befreien und Rache nehmen. Rückgreifend auf das Western-Genre, speziell den Italowestern, komponiert Quentin Tarantino eine zitat- und beziehungsreiche Ballade über den Kampf gegen Rassismus und mit Bigotterie verbrämte Grausamkeit, wobei sich exaltierte Gewaltspitzen mit anspielungsreichen Dialogen, rasante Actionszenen mit elegischen Passagen abwechseln.“


Wackersdorf

von Oliver Haffner, Deutschland 2018
Sonntag, 28. März 2021, 0:05 Uhr (d.h. Montag), ARD – bis 4.4. in der ARD-Mediathek

Bestbesuchter deutscher Film 2018 in unserem Kino, ausführlich in der CasaAkademie-Veranstaltung „Rückblick deutscher Film 2018“ gewürdigt.

„Anfang der 1980er-Jahre plant die Bayerische Staatsregierung eine atomare Wiederaufbereitungsanlage in der Oberpfalz. Doch der Landrat von Schwandorf schließt sich nach anfänglicher Begeisterung den Atomgegnern an und setzt sich an die Spitze des ländlichen Widerstandes. Der vielschichtige Film widmet dem oberpfälzer Volkshelden ein differenziertes Porträt, das durch leise Komik, eine sorgsame Ausstattung und wunderbare Schauspieler besticht. Als Beispiel für eine streitbare Zivilgesellschaft, in der sich Engagement, Idealismus und Haltung auszahlen, ist das nuancierte Zeitbild über die 1980er-Jahre auch an die Gegenwart adressiert.“


König Banash und seine Tochter

von Agnes Lisa Wegner, Deutschland/Ghana 2021
Montag, 29. März 2021, 0:00 Uhr (d.h. Dienstag), ZDF

Dokumentarfilmpreisträger der Hofer Filmtage 2021.

„Céphas Bansah betreibt in Ludwigshafen seit Jahrzehnten eine kleine Kfz-Werkstatt. Zugleich ist er König für 200.000 Menschen in seiner Heimat Ghana, initiiert und finanziert dort Hilfsprojekte. Mit seiner Tochter Katharina, einer Künstlerin und Feministin, die die Thronfolge übernehmen soll, geht er wieder einmal auf die Reise zu seinem Volk. Eine geradlinige, freundliche Reportage über die Suche von Vater und Tochter nach Wurzeln und emotionaler Heimat. Die ebenso empathische wie sachliche Berichtsform ist nicht vom Willen zu politischer und soziologischer Analyse geprägt, sondern von Achtung, Zuneigung und mitunter auch Sentimentalität.“


Lieber leben

von Grand Corps Malade, Frankreich 2016
Mittwoch, 31. März 2021, 20:15 Uhr, Arte

Auf einem autobiographischen Roman des Regisseurs basierende Reha-Tragikomödie.

„Nach einem Moment jugendlichen Leichtsinns erwacht ein junger Mann mit gebrochenem Halswirbel im Krankenhaus und kann Arme und Beine nicht mehr bewegen. In einer Reha-Klinik versucht er, mit Hilfe von Physiotherapeuten wieder auf die Beine zu kommen. Das autobiografisch geprägte Regiedebüt des Poetry-Slammers und Musikers Grand Corps Malade zeichnet mit viel Humor das durch die Realität geerdete Bild einer Rehabilitation, die nicht unbedingt nur die körperliche Wiederherstellung anzielt. Dabei öffnet die stimmige Mischung aus Reflexion, Unterhaltung und Gesellschaftskritik den Blick auf die Menschen hinter der Behinderung.“


Das schönste Mädchen der Welt

von Aaron Lehmann, Deutschland 2018
Mittwoch, 31. März 2021, 20:15 Uhr, Vox

Frischer und relativ erfolgreicher deutscher Jugendfilm mit aufstrebenden Darstellern.

„Moderne Adaption des Versdramas Cyrano de Bergerac, in dem der Klassiker in eine pubertierende Schulklasse versetzt wird. Ein Außenseiter leidet unter seiner großen Nase. Als er sich in eine neue Mitschülerin verliebt, wagt er nicht, sich ihr zu offenbaren, sondern schreibt ihr Liebessongs über das Handy eines Anderen. Die temporeiche romantische Komödie glänzt mit viel Schwung, guten Darstellern, pointierten Dialogen und mitreißenden Musicalsequenzen, ohne darüber ihre humanistischen Werte aus dem Blick zu verlieren.“


Takeshi Kitano – Japans unangepasster Star

von Yves Montmayeur, Frankreich 2019
Mittwoch, 31. März 2021, 22:00 Uhr, Arte – bis 29.5. in der Arte-Mediathek

Aktuelle Doku über den genialen Filmemacher, Fernseh- und Kinostar, Maler und Bildhauer: Der japanische Regisseur Takeshi Kitano erfand mit zwei emblematischen Filmen – „Hana-Bi“ und „Kikujiros Sommer“ – eine neue visuelle Sprache, düster, brutal und melancholisch. Der charismatische Comedian wurde in seiner Heimat aber auch durch absurde TV-Shows und politische Satiren zum Superstar. Direkt im Anschluss um 22.55 Uhr läuft „Kikujiros Sommer“ (Japan 1998), Kitanos wohl poetischster Film.

25. März 2021


TV- und Mediatheken-Tipps vom 18. bis 24. März 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!


Das schönste Paar

von Sven Taddicken, Deutschland 2018
Donnerstag, 18. März 2021, 0:10 Uhr (d.h. Freitag), Arte

Bemerkenswertes deutsches Beziehungs-Kino mit Maximilian Brückner und Luise Heyer.

„Zwei Jahre nach einem brutalen Überfall in einer Ferienwohnung auf Mallorca gerät die Beziehung eines bürgerlichen Paares in eine neue Krise, als der Mann einem der damaligen Täter auf die Spur kommt. Während er sich immer mehr in eine Art Zweikampf mit dem jugendlichen Täter verbeißt, will die Frau nicht mehr an das Geschehene rühren. Das subtile Drama lotet die Motive der glänzend gespielten Figuren aus und macht deutlich, wie unterschiedlich mit lange nachwirkenden Traumata umgegangen werden kann.“


Ich und Du

von Bernardo Bertolucci, Italien 2012
Donnerstag, 18. März 2021, 23:30 Uhr, WDR

Der letzte Film des 2018 verstorbenen bedeutenden italienischen Regisseurs.

„Statt mit seinen Schulkameraden in den Winterurlaub zu fahren, verkriecht sich ein schüchterner 14-Jähriger eine Woche lang im Keller seiner Eltern, wo er zufällig seiner drogensüchtigen Halbschwester begegnet. Nach und nach kommen die beiden ungleichen Geschwister einander näher. Ein im besten Sinn aus der Zeit gefallener Film, in dem Verborgenes bisweilen zaghaft zum Vorschein kommt, nie aber die Grenze des Fantasierten überschritten wird. Was ihn zu einem kleinen cineastischen Meisterwerk macht, ist nicht die Auflösung der Metaphorik, sondern sein atmosphärischer Zauber: Virtuos verwandelt Bernardo Bertolucci das Kellergewölbe eines italienischen Mehrfamilienhauses mit sanft-poetischen Kinobildern in eine surreale Seelenlandschaft.“


Ziemlich beste Freunde

von Eric Toledano, Frankreich 2011
Samstag, 20. März 2021, 22:30 Uhr, MDR – bis 27.3. in der ARD-Mediathek

Schwungvolles und sehr erfolgreiches französisches Wohlfühlkino.

„Ein wohlhabender, an den Rollstuhl gefesselter Franzose adeliger Herkunft engagiert einen jungen Migranten als Pfleger, der so gar nicht in den kultivierten Haushalt passen will. Doch sein Dienstherr will nicht länger wie ein rohes Ei behandelt werden. Charmantes Buddy-Movie mit pfiffigen Dialogen und guten Hauptdarstellern, das zwischen Komik und Sentiment balanciert und dafür plädiert, sozialen und kulturellen Differenzen nicht mit Hass, sondern mit Solidarität zu begegnen.“


The Hate U Give

von George Tillman Jr., USA 2018
Samstag, 20. März 2021, 20:15 Uhr, Pro7

Eine starke, bewegende „black lives matter“- Geschichte aus der US-Gegenwart.

„Ein 16-jähriges afroamerikanisches Mädchen aus einer bürgerlichen Familie wird Zeugin, wie ihr ebenfalls schwarzer Freund bei einem Verkehrsdelikt von einem weißen Polizeioffizier erschossen wird. Der auf einem Bestseller für junge Erwachsene basierende Film bemüht sich nach Kräften, Voreingenommenheiten und Komplikationen, die sich aus der gesellschaftlichen Spaltung des amerikanischen Alltagslebens ergeben, in publikumswirksamem Stil darzustellen.“


Der Trafikant

von Nikolaus Leytner, Österreich/Deutschland 2018
Sonntag, 21. März 2021, 0:50 Uhr (d.h. Montag), SWR – bis 29.9. in der ARD-Mediathek

Dank der kongenialen Besetzung mit Bruno Ganz als Sigmund Freud ein eindrücklicher Film über politisch schwere Zeiten.

„Ein etwas verträumter 17-Jähriger aus dem Salzkammergut wird 1937 nach Wien geschickt, um in einer Trafik als Gehilfe zu arbeiten. Bald erlebt er aus nächster Nähe die Angriffe der Nazi-Anhänger, die seinen antifaschistischen Chef bedrohen, auch vor jüdischen Trafik-Kunden wie dem Psychoanalyse-Begründer Sigmund Freud nicht Halt machen und ihn selbst schließlich zu einer Positionierung zwingen. Verfilmung des gleichnamigen Romans von Robert Seethaler, die dessen Detailgenauigkeit weitgehend übertragen kann.“


Capernaum – Stadt der Hoffnung

von Nadine Labaki, Libanon/Frankreich/USA 2018
Mittwoch, 24. März 2021, 20:15 Uhr, Arte

Mehrfach ausgezeichnetes und oscarnominiertes Sozialdrama, das 2018 in Cannes standing ovations und den Preis der Jury bekam.

„Dokumentarisch anmutender Spielfilm über einen zwölfjährigen Straßenjungen aus einem Armenviertel in Beirut, der bei einer Flüchtlingsfrau aus Äthiopien Unterschlupf findet und sich um deren kleinen Jungen kümmert. Als die Mutter nicht mehr auftaucht, ist er mit dem Kind auf sich gestellt. Mit großer Zugewandtheit, aber relativ nüchtern schildert das auf intensiven Recherchen beruhende Drama den ausweglosen Kampf ums Überleben. Der von einer großen Menschlichkeit getragene Film konfrontiert mit erschütterndem Elend, hält Sentimentalität wie Zynismus aber gleichermaßen auf Distanz. Ein ebenso bewegender wie kluger, weitgehend von Laienschauspielern grandios gespielter Film.“


All I Never Wanted

von Leonie Stade, Deutschland 2018
Mittwoch, 24. März 2021, 0.15 Uhr (d.h. Donnerstag), BR – bis 16.6. in der ARD-Mediathek

Bei uns im Kino mit der Regisseurin rege diskutierte Mockumentary über weibliche Medienwirklichkeit.

„Zwei junge Filmemacherinnen drehen eine Doku über eine 17-jährige Jugendliche, die für eine Model-Karriere ihr Abitur sausen lässt, dabei aber ähnlich viele Kompromisse wie eine ältere Schauspielerin machen muss, die von einer Jüngeren ausgebootet wird. In den elegant ineinander geschachtelten Episoden verwischt die Unterscheidung zwischen Satire und Realsatire, wie sich auch die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation aufheben. Eine feministische Tragikomödie mit selbstironischen Untertönen, die als Mockumentary ein allumfassendes System der Ausbeutung aufspießt und dabei auch nicht den Anteil der Ausgebeuteten daran vergisst.“

16. März 2021


TV- und Mediatheken-Tipps vom 11. bis 17. März 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!


Das Ende der Wahrheit

von Philipp Leinemann, Deutschland 2019
Donnerstag, 11. März 2021, 23:55 Uhr, Arte

Ein Novum: Spannendes und gut recherchiertes deutsches Genre-Kino.

„Der Tod seiner Freundin bei einem angeblichen Terroranschlag auf ein Café bringt einen BND-Mitarbeiter auf die Spur dubioser Machenschaften, in die auch sein eigener Dienstgeber verwickelt ist. Der komplexe Politthriller entwirft eine schwer durchschaubare Gemengelage aus ökonomischen Interessen, geopolitischen Strategien, Machtkalkül und Korrumpierbarkeit als Spiegel der dissonanten Gegenwart.“


Der Glanz der Unsichtbaren

von Louis-Julien Petit, Frankreich 2018
Donnerstag, 11. März 2021, 23:20 Uhr, WDR

Eine aktuelle anspruchsvolle Sozialkomödie aus französischer Produktion.

„In einer nordfranzösischen Stadt soll ein Tageszentrum für obdachlose Frauen wegen angeblicher Ineffektivität geschlossen werden. Die Sozialarbeiterinnen setzen deshalb alles daran, um ihren Schützlingen doch noch einen Weg zurück in die Gesellschaft zu ebnen und wecken tatsächlich den lange unterdrückten Willen zum Aufbruch. Herzliche, flott und pointiert inszenierte Sozialkomödie, deren überwiegend von Laien gespielte Figuren eine große Wahrhaftigkeit ausstrahlen. Nachdrücklich sensibilisiert der Film für die Aufmerksamkeit gegenüber Ausgegrenzten und würdigt zugleich Einsatz, Mut und Kreativität der Sozialhelferinnen.“


Dämonen und Wunder

von Jacques Audiard, Frankreich 2015
Samstag, 13. März 2021, 23:00 Uhr, 3Sat – bis 20.3. in der 3Sat-Mediathek (jeweils von 22-6 Uhr)

Dieses intensive Flüchtlingsdrama gewann die Goldene Palme in Cannes.

„Ein tamilischer Widerstandkämpfer schließt sich mit einer Frau und einem verwaisten Mädchen zusammen, um dem Bürgerkrieg in Sri Lanka zu entkommen. Als vermeintliche Familie landen sie in einer Banlieue des Pariser Umlands, wo sich der Mann als Hausmeister, die Frau als Haushaltshilfe eines Gangsters, das Mädchen als Schülerin zu assimilieren versuchen. Der kraftvoll erzählte Film handelt von Menschen, die sich mit Zwangslagen arrangieren, und davon, wie Frustration in Angst und Gewalt umschlägt. Pendelnd zwischen poetischen Szenen, harten Realitätsbrüchen und intimen Familie“-Szenen ist er Märchen und Kommentar zur aktuellen Flüchtlingskrise zugleich, ein Drama über Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.“


Birnenkuchen mit Lavendel

von Éric Besnard, Frankreich 2015
Samstag, 13. März 2021, 0:40 Uhr (d.h. Sonntag), HR – bis 21.3. in der ARD-Mediathek

In Corona-Zeiten besonders wohltuendes französisches Gefühlskino.

„Eine verwitwete Französin führt mit wenig Erfolg den provençalischen Birnen- und Lavendelhof ihres verstorbenen Ehemanns weiter. Als sie einen eigenbrötlerischen Mann mit dem Auto anfährt, wendet sich ihr Schicksal, denn der am Asperger-Syndrom leidende Computerfreak entpuppt sich als Gegengewicht zu ihrer ungebändigten Emotionalität. Die sommerwarme Komödie plädiert mit unterhaltsamen Dialogen und französischem Landhaus-Flair für Toleranz und Verständnis gegenüber Menschen, die anders sind.“


Vom Lokführer, der die Liebe suchte…

von Veit Helmer, Deutschland/Aserbeidschan 2018
Sonntag, 14. März 2021, 0:00 Uhr (d.h. Montag), ARD – bis 12.6. in der ARD-Mediathek

Noch ein Novum: Ein skurriles deutsches Filmmärchen völlig ohne Dialoge.

„Ein verlorener Büstenhalter weckt in einem soeben pensionierten Lokführer ungeahnte Sehnsüchte. Wie der Prinz im Aschenputtel-Märchen sucht er fortan nach der Besitzerin des Wäschestücks in einem traumhaft überzeichneten, vormodernen Aserbaidschan. Der Verzicht auf Dialoge und ein außergewöhnliches Gespür für Raumwirkungen verleihen dem Film einen besonderen Flair und eine nostalgische Note.“


Die Verführten

von Sofia Coppola, USA 2017
Sonntag, 14. März 2021, 20:15 Uhr, Arte

Stilvolles Remake eines Clint-Eastwood-Films mit Nicole Kidman und Colin Farrell.

„Ein verwundeter Nordstaaten-Soldat wird während des US-amerikanischen Bürgerkriegs in einem abgelegenen Internat gepflegt, in dem nur noch zwei Pädagoginnen und fünf heranwachsende Mädchen leben. Ein vorzüglich ausgestattetes, stilistisch exquisit gefilmtes Drama, in dem es weniger um die Macht verdrängter Sexualität als um das im Puritanismus besonders ausgeprägte System repressiver Kontrolle geht. Dabei verschiebt die Romanverfilmung den Fokus der früheren Adaption von Don Siegel zugunsten der Frauen, die um die Gunst des Verletzten konkurrieren.“


Homs – ein zerstörter Traum

von Talal Derki, Syrien/Deutschland 2017
Dienstag, 16. März 2021, 23:45 Uhr, Arte – bis 14.4. in der Arte-Mediathek

Vorgängerfilm des oscarnominierten „Of Fathers and Sons“-Regisseurs, der bei uns per Skype im vollbesetzten Kinosaal zur Diskusssion zugeschaltet war.

„Dokumentarfilm über einen 19-jährigen Syrer, der seit Herbst 2011 gegen die Regierungsdespoten um Staatschef Assad protestiert und aktiv in den Widerstandskampf einsteigt. Drei Jahre lang wurde das Filmmaterial außer Landes geschmuggelt und in Berlin mit Unterstützung mehrerer internationaler Fernsehstationen endgeschnitten. So entstanden das eindrückliche Porträt eines charismatischen Jungen und zugleich die Chronologie eines menschenverachtenden Bürgerkriegs.“


Angels‘ Share – ein Schluck für die Engel

von Ken Loach, Großbritannien/Frankreich/Belgien/Italien 2012
Mittwoch 17. März 2021, 20:15 Uhr, Arte – bis 23.3. in der Arte-Mediathek

Ein Ken-Loach-Film. Mehr braucht man dazu nicht sagen. Außer: alle sind gut.

„Ein junger, körperlich eher schmächtiger Glasgower Hitzkopf, der mit der Tochter seines Todfeinds ein Kind erwartet, wird mit drei weiteren Jugendlichen zu gemeinnütziger Sozialarbeit verurteilt. Dank eines engagierten Sozialarbeiters entdeckt er, dass er eine feine Nase für Whisky besitzt, und heckt einen verwegenen Plan aus, wie ein einziges Fass Single Malt die Tür zu einer besseren Welt aufstoßen könnte. Eine erfrischend zupackende Komödie, die dramaturgisch zwar in mehrere Teile zerfällt, aber ein so erdiges Loblied auf Solidarität und Mitmenschlichkeit anstimmt, dass man sich der beglückenden Katharsis einer späten Gerechtigkeit nicht entziehen kann.“

11. März 2021


TV- und Mediatheken-Tipps vom 4. bis 10. März 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!


Gutland

von Govinda van Maele, Luxemburg/Belgien/Deutschland 2017
Donnerstag, 4. März 2021, 23:50 Uhr, Arte

Reizvoller Debutfilm aus Luxemburg mit Frederick Lau und Vicky Krieps.

„Ein wortkarger Deutscher flüchtet mit der Beute aus einem Überfall in ein abgelegenes Dorf in Luxemburg. Er verliebt sich in die Tochter des Bürgermeisters und scheint sich in den ländlichen Alltag zu integrieren. Doch dann holt ihn seine Vergangenheit ein, und auch hinter der dörflichen Idylle tun sich Abgründe auf. Der erfrischend mutige Genre-Mix verbindet Elemente des Horrorgenres mit inszenatorischen Elementen des Independent-Kinos.“


Babai

von Visar Morina, Deutschland/Kosovo/Mazedonien/Frankreich 2015
Samstag, 6. März 2021, 23:35 Uhr, 3Sat – bis 15.4. in der 3Sat-Mediathek

Gewinner des Förderpreises deutsches Kino (Filmfest München) für Regie und Drehbuch.

„Ein zehnjähriger Junge aus dem Kosovo folgt in den 1990er-Jahren den Spuren seines Vaters, der sich nach Deutschland absetzte, und macht sich, ganz auf sich allein gestellt, auf eine gefahrvolle Reise quer durch Europa. Das mit viel melancholischem Humor grundierte Drama dreht sich um einen Vater-Sohn-Konflikt, spart aber auch die Tristesse des historischen Zusammenhangs nicht aus. Der auf autobiografischen Erlebnissen beruhende Debütfilm handelt eindringlich von der Erfahrung, niemandem trauen zu können, hält aber zugleich tragikomisch-trotzig den Trost parat, sich nicht unterkriegen zu lassen.“


Nach der Hochzeit

von Susanne Bier, Dänemark 2006
Montag, 8. März 2021, 20:15 Uhr, Arte – bis 14.3. in der Arte-Mediathek

Oscarnominiertes authentisches dänisches Kino.

„Ein Mann, der einst die Heimat verließ und nun in Indien ein Waisenhaus führt, kehrt widerwillig nach Dänemark zurück,um von einem reichen Fabrikanten Geld für seine Schützlinge zu erwirken. Dessen Familie ist mit der Vergangenheit des Helden verbunden; die Begegnung zwingt ihn, sich mit seinem früheren Verhalten, daraus erwachsenen Verantwortungen sowie den Motiven für seine karitative Arbeit in Indien auseinander zu setzen. Überzeugendes soziologisches und emotionales Experiment, routiniert inszeniert und in den Hauptrollen hervorragend gespielt.“


Toni Erdmann

von Maren Ade, Deutschland/Österreich/Rumänien 2016
Montag, 8. März 2021, 22:10 Uhr, One – bis 15.3. in der ARD-Mediathek

Herausragendster deutscher Film des Jahres 2016 (bayerischer, deutscher und europäischer Filmpreis) – in unserem CasaAkademie-Seminar „Frauen auf dem Regiestuhl“ näher vorgestellt.

„Ein alternder Musiklehrer taucht unangemeldet bei seiner Tochter in Bukarest auf, wo diese für eine Unternehmensberatung an Rationalisierungskonzepten für die Ölindustrie arbeitet. Entsetzt von ihrem freudlosen Manager-Dasein, will er sie in der Gestalt eines kauzigen Alter Egos aus der Reserve locken. Eine souverän zwischen Komik, Tragik und surrealen Momenten wandelnde dramatische Komödie um einen Generationenkonflikt, bei dem sich beide Seiten umkreisen, befehden und schließlich doch annähern. Vorzüglich inszeniert und getragen von zwei überragenden Darstellern, entwirft der Film mit großer innerer Wahrhaftigkeit ein vielschichtiges Vater-Tochter-Verhältnis mit zeitkritischen Anklängen. Untergründig kreist er dabei stets auch um die Frage, wie man leben will.“


Grüße aus Fukushima

von Doris Dörrie, Deutschland 2016
Dienstag, 9. März 2021, 0:20 Uhr (d.h. Mittwoch), ZDF – bis 16.3. in der ZDF-Mediathek

Doris Dörrie gehört zu den bekanntesten deutschen „Frauen auf dem Regiestuhl“.

„Eine junge Deutsche will sich mit Auftritten als Clown in der zerstörten japanischen Provinz Fukushima von ihrem eigenen Unglück ablenken. Dabei lernt sie eine einstige Geisha kennen, zu der sie langsam eine Beziehung findet und der sie beim Aufbau ihres zerstörten Hauses in der radioaktiv kontaminierten Zone hilft. Die mit großer Sensibilität ebenso leicht wie poetisch inszenierte Geschichte fügt sich perfekt in die gespenstischen Originalschauplätze ein. Mit stimmigen Bildern und wunderbaren Hauptdarstellerinnen erzählt der liebevoll gestaltete Film eine universell gültige Geschichte vom Leben und vom Abschiednehmen.“


Gravity

von Alfonso Cuaron, USA 2013
Mittwoch, 10. März 2021, 20:15 Uhr, Kabel 1

Mit 7 Oscars (u .a. für beste Regie, Kamera und visuelle Effekte) ausgezeichnetes grandioses Weltraum-Drama mit Sandra Bullock und George Clooney.

„Zwei US-amerikanische Astronauten, ein Mann und eine Frau, die auf Forschungsmission im All unterwegs sind, geraten in einen Trümmer-Regen von Satellitenbruchstücken. Ihr Shuttle wird zerstört, der Rest der Mannschaft getötet. Allein hilflos im Weltraum treibend, müssen sie versuchen zu überleben. Das ins All verlegte Kammerspiel um zwei Figuren spielt zwar mit etwas trivialen Durchhalte- und Opfermythen, bleibt dabei aber nicht stehen, sondern weitet sich dank einer furiosen, höchst eindrucksvoll raumwirksamen Inszenierung zum melancholischen Drama, das dem Motiv der Eroberung des Weltalls jedes Pathos austreibt zugunsten des Szenarios einer fundamentalen Krise.“

Im Anschluss (um 22:05 Uhr) läuft die Reportage „Die besten ScFi-Filme aller Zeiten“, in der Filmexperten zusammen mit einem Ex-Astronauten Science-Fiction-Klassiker analysieren.


Frantz

von Francois Ozon, Frankreich/Deutschland 2016
Mittwoch, 10. März 2021, 20:15 Uhr, Arte

Stilvolles Schwarz-Weiß-Melodram des französischen Multi-Talents Francois Ozon mit einer Paraderolle für Paula Beer,die in Venedig als beste Nachwuchsschauspielerin prämiert wurde.

„Als eine junge Deutsche 1919 am Grab ihres im Krieg gefallenen Verlobten einen trauernden Franzosen entdeckt, führt sie ihn bei den Eltern des Toten ein. Auf ihr Drängen hin malt er ihre aus der Vorkriegszeit resultierende Freundschaft und eine gemeinsam in Paris verbrachte Zeit aus. Die feinen Schilderungen des vor Ort angefeindeten Franzosen wecken bei der Verlobten Gefühle, bis er ein die Verhältnisse umwälzendes Geständnis macht. Mit großer Ruhe und Leichtigkeit entwickelt die Inszenierung eine ebenso schöne wie tieftraurige Geschichte um Schuld, Einsamkeit und heilsame Fiktionen, aber auch um Vergebung und das Vermögen, die Lebensfreude zu entdecken. Fokussiert auf den Schmerz und die Entwicklung einer jungen Frau, der nach einem großen Verlust ein zweiter droht, bricht immer dann Farbe in den Schwarz-Weiß-Film ein, wenn Momente des Glücks und der Kunst auf eine hoffnungsvollere Zukunft deuten.“

5. März 2021


TV- und Mediatheken-Tipps vom 25. Februar bis 3. März 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!

Weitere Film-Highlights für diese Woche: Berlinale-Filmreihe auf ARTE (17. bis 25. Februar)


Nocturnal Animals

von Tom Ford, USA 2016
Freitag, 26. Februar 2021, 22:25 Uhr, 3Sat

Ein komplexer Thriller, ausgezeichnet mit dem „Großen Preis“ beim Filmfestival in Venedig.

„Eine Galeriebesitzerin, die sich in der aseptischen High Society von Los Angeles etabliert hat, erhält ein Romanmanuskript ihres Ex-Manns, das von einem Menschen erzählt, der in die Fänge eines mörderischen Trios gerät und Frau und Tochter verliert. Die Leserin versteht das Szenario voller Gewalt bald als Rachefantasie, kann sich deren Sog aber dennoch nicht entziehen. Der kunstvoll inszenierte, exzellent gespielte Thriller wechselt zwischen filmischer Wirklichkeit und der Erzählung des Romans und hält durch eingestreute Rückblicke die Interpretation reizvoll in der Schwebe. Eindrücklich warnt der Film dabei vor dem Verlust von Empfindungen.“


System Error

von Florian Opitz, Deutschland 2018
Samstag, 27. Februar 2021, 21:45 Uhr, Phoenix – bis 10.3. in der ARD-Mediathek

Höchst informative Doku, die wir kurz vor der zweiten Schließung noch in unserer #FilmsForFuture-Reihe gezeigt haben.

„Der Glaube, dass die Weltwirtschaft ohne Wachstum nicht funktionieren könne, gilt vielen als eine Art Naturgesetz. Weltweit werden Wissenschaftler, Manager, Rinderzüchter und Berater nicht müde, die Verbindung von Kapitalismus, Globalisierung und Wirtschaftswachstum als Basis von Fortschritt und Humanität zu erklären. Doch Umweltzerstörung, Finanzkrisen und die wachsende soziale Kluft sprechen eine andere Sprache. Das mit prägnanten Zitaten von Karl Marx flankierte dokumentarische Essay legt die mentalen Fundamente des Glaubens an die Selbstheilungskräfte des Marktes frei und stellt dem alternative Überlegungen einer politischen Ökonomie entgegen. Eine bemerkenswert analytische Bestandsaufnahme der Grundlagen der gegenwärtigen Wirtschaftsphilosophie.“


Den Menschen so fern

von David Oelhoffen, Frankreich 2014
Samstag, 27. Februar 2021, 23:00 Uhr, 3Sat – bis 6.3. in der 3Sat-Mediathek

Dramatischer „Western“ frei nach Albert Camus mit Viggo Mortensen und Reda Kateb.

„Ein französischer Lehrer im Atlas-Gebirge gerät 1954 bei Ausbruch des Algerien-Kriegs zwischen die Fronten. Widerwillig übernimmt er den Auftrag, einen Algerier, der einen Verwandten getötet hat, in die nächste Stadt zu bringen. Der gefährliche Weg bringt die Männer einander jedoch näher und lässt sie allmählich Verständnis füreinander entwickeln. Das ruhig erzählte, eindrucksvoll gespielte Drama entwickelt eine Erzählung von Albert Camus schlüssig zur exemplarischen Geschichte einer Verständigung über nationale und religiöse Grenzen hinweg. Die versöhnliche Botschaft wird konsequent aus den Charakteren entwickelt und in visuell teilweise überwältigende Bilder eingebunden.“


Eine Familie

von Pernille Fischer Christensen, Dänemark 2010
Sonntag, 28. Februar 2021, 2:00 Uhr (d.h. Montag), ARD

Ein Paradebeispiel für authentisches skandinavisches Kino.

„Eine Galeristin aus wohlhabender Familie plant, mit ihrem Freund nach New York zu ziehen. Als bei ihrem Vater ein Hirntumor diagnostiziert wird und klar ist, dass er bald sterben wird, entscheidet sie sich zu bleiben. Auf Wunsch des Patriarchen soll sie die traditionsreiche Bäckerei der Familie übernehmen, doch dafür müsste sie ihre eigenen Ambitionen opfern. Die Trauer um den geliebten Vater, der Druck, ihn nicht zu enttäuschen, und der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben stürzen sie in eine Krise. Sensibles Familiendrama, das durch eine präzise Kameraarbeit eine große Nähe zu seinen gut besetzten Figuren herstellt und vielstimmig die Sonnen- und Schattenseiten des sozialen Modells Familie abtastet.“


Kriegerin

von David Wendt, Deutschland 2011
Montag, 1. März 2021, 0:30 Uhr (d.h. Dienstag), ZDF – bis 31.3. in der ZDF-Mediathek

Mutiges politisches deutsches Kino über die „rechte Szene“.

„Eine junge Frau aus Mecklenburg schlägt und tritt sich als Neo-Nazi durch ihr tristes Dasein, bis ein Mädchen aus „besseren“ Kreisen in ihre Kameradschaft drängt und ein jugendlicher Flüchtling aus Afghanistan ihre Wege kreuzt. Der spannend und intensiv erzählte, gut recherchierte Debütfilm zeichnet abseits von Klischees ein authentisches Bild des braunen Milieus in Ostdeutschland und lässt sich mutig auf die Binnensicht seiner Figuren ein.“


Wir Monster

von Sebastian Ko, Deutschland 2014
Mittwoch, 3. März 2021, 23:15 Uhr, 3Sat – bis 2.4. in der 3Sat-Mediathek

Junges deutsches Kino über familiäre Abgründe.

„Als sich ein Ehepaar trennt und beide Ex-Partner neue Beziehungen eingehen, trifft das ihre Tochter besonders hart. Das pubertierende Mädchen lässt sich in einem Streit mit seiner Freundin zu einer Gewalttat hinreißen, die es seinen Eltern eingesteht. Diese bemühen sich, die Tat zu vertuschen, um ihre Tochter zu schützen, und schrecken dabei nicht von der Bezichtigung Unschuldiger zurück. Ein nahegehendes, klug dramatisiertes Familiendrama, in dem die suggestive Bildgestaltung sowie ein überzeugend aufspielendes Darsteller-Ensemble ein bigottes Familien-Konstrukt dekonstruieren.“


Perfect Sense

von David Mackenzie, Deutschland/Großbritannien/Schweden/Dänemark/Irland 2011
Mittwoch, 3. März 2021, 20:15 Uhr, Arte – bis 16.3. in der Arte-Mediathek

Ein weiterer sehenswerter „Virus-Film“ – nicht ganz so pessimistisch wie ‚Contagion‘.

„Eine unbekannte Seuche raubt den Menschen auf der ganzen Erde nach und nach ihre Sinneswahrnehmungen. Während sich die Katastrophe anbahnt, finden in Glasgow eine Epidemiologin und ein Gourmet-Koch zueinander, die mit den chaotischen Begleiterscheinungen der Krankheit umzugehen versuchen. Ein elegisch temperiertes Drama, das durch sinnlich-melancholische Bilder in warmen Sepia-Tönen in Bann schlägt und mit einer Fülle an Einsichten und Reflexionen aufwartet, die eine große Spannweite menschlicher Empfindungen und Verhaltensweisen ausloten. Die souveräne Inszenierung und die beiden Hauptdarsteller halten die stilvoll überkonstruierte Parabel im Lot.“

24. Februar 2021


TV- und Mediatheken-Tipps vom 18. bis 24. Februar 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!

Weitere Film-Highlights für diese Woche: Berlinale-Filmreihe auf ARTE (17. bis 25. Februar)


Helle Nächte

von Thomas Arslan, Deutschland/Norwegen 2017
Donnerstag, 18. Februar 2021, 23:55 Uhr, RBB – bis 26.2. in der ARD-Mediathek

Deutsches Kino der „Berliner Schule“ – Silberner Bär für Georg Friedrich bei der Berlinale.

„Ein verschlossener Eigenbrötler gerät in eine Krise, als er erkennen muss, dass er nicht jedes Geschehen steuern kann. Um sich seinem 14-jährigen Sohn, der bei der Ex-Frau aufwächst, anzunähern, reist er mit ihm zur Beerdigung seines eigenen Vaters nach Norwegen. Eine beklemmende Vater-Sohn-Geschichte, mittels prägnanter, kontrastreicher Ellipsen als existenzialistisches Road Movie gestaltet. Hinter der zurückhaltend eingesetzten Symbolik offenbaren sich subtil die Gefühlswelten der beiden glänzend gespielten Protagonisten, deren Bereitschaft zum gegenseitigen Kontakt mehr und mehr von destruktiven Gefühlen aufgezehrt wird.“


Nico, 1988

von Susanna Nicchiarelli, Italien/Belgien 2017
Freitag, 19. Februar 2021, 22:45 Uhr, Arte – bis 20.3. in der Arte-Mediathek

Schwermütiges Musikerinnen-Biopic mit einer famosen Darstellung von Trine Dyrholm.

„Ambitionierter Versuch einer Rekonstruktion der letzten Karrierestationen der deutschen Sängerin Christa Päffgen (1938-1988), die in den späten 1950er-Jahren als Fotomodell, Warhol-Muse und unter dem Künstlernamen Nico auch als Sängerin der Kultband The Velvet Underground international reüssierte. Der Glamour ihrer Anfänge überlagerte spätere Versuche mit einer anspruchsvolleren Musik. Schwer drogenabhängig und von allerlei Mythen umgeben, verwandelte sich die Künstlerin in eine kultisch verehrte, aber unnahbare Priesterin der Dunkelheit. Der in der Hauptrolle kraftvoll und überzeugend gespielte Film interpretiert dies nicht als Niedergang, sondern als eine Art emanzipatorischer Selbstfindung.“


Hail, Caesar !

von Joel Coen, USA/Großbritannien 2016
Samstag, 20. Februar 2021, 20:15 Uhr, Arte

Starbesetzter Coen-Streich (u.a. mit George Clooney, Ralph Fiennes, Scarlett Johansson, Frances McDormand und Tilda Swinton), eine Hommage an das US-Kino der 50er Jahre.

„Ein leitender Hollywood-Manager ist Anfang der 1950er-Jahre vor allem als Troubleshooter tätig, um Unheil von seinem Studio abzuwenden. Als der Hauptdarsteller eines prestige-trächtigen Sandalenfilms mit religiösen Anklängen entführt wird, muss er das Problem lösen, bevor die Klatschreporter davon Wind bekommen. Ein mit virtuoser Eleganz und großer Leichtigkeit zwischen Persiflage und Hommage pendelnder Film über die Goldene Ära Hollywoods. Das vergnügliche Schwelgen in Studiokulissen, die kongeniale Besetzung sowie die perfekte Nachbildung klassischer Hollywood-Standards geben der mäandernden Geschichte einen betörenden Widerschein, hinter deren schillernder Oberfläche durchaus auch gesellschafts- und kulturpolitische Missstände aufleuchten.“


Cronofobia

von Francesco Rizzi, Schweiz 2018
Samstag, 20. Februar 2021, 21:50 Uhr, Arte

Gewinner des Max-Ophüls-Festivals für die beste Regie und das beste Drehbuch.

„Ein wurzelloser Einzelgänger beobachtet nachts eine Frau, die schwer unter einem kürzlichen Verlust leidet. Als sie eines Tages in das Auto ihres Verfolgers steigt und ihn sukzessive in ihr Leben einführt, entwickelt sich in schweigendem Einvernehmen eine Form von Vertrautheit zwischen den beiden vereinsamten Menschen. Eine fragmentarische, vielschichtig aufgebaute Studie tiefer Verlorenheit, in der sich aus sorgfältig komponierten Einstellungen und einer kongenialen Bildsprache eine bemerkenswerte Intensität entwickelt. Unter Verzicht auf übermäßige Erklärungen zeigt der Film über die allmähliche Annäherung einen schlüssigen Weg aus den beiderseitigen Traumata auf.“


Land des Honigs

von Ljubomir Stefanov, Nordmazedonien 2019
Mittwoch, 22. Februar 2021, 22.30 Uhr, 3Sat – bis 23.3. in der 3Sat-Mediathek

Oscarnominierte Doku, die wir gerne in unserer Agenda 21-Kinoreihe gezeigt hätten.

„Beobachtender Dokumentarfilm über das archaische Leben der letzten Wildimkerin Nordmazedoniens, die zusammen mit ihrer 86-jährigen Mutter alleine in einem verlassenen Bergdorf lebt. Der Zuzug einer türkischen Großfamilie mitsamt 150 Kühen stellt ihre naturverbundene Lebensweise dann auf eine harte Probe. Ein visuell atemberaubender Dokumentarfilm mit einer einprägsamen Protagonistin, der sanfte Kapitalismuskritik übt und zugleich an ein harmonisch-humanistisches Miteinander zwischen Mensch, Tier und Natur appelliert.“


Nach dem Urteil

von Xavier Legrand, Frankreich 2017
Mittwoch, 24. Februar 2021, 23.15 Uhr, 3Sat

Intensives Sorgerechtsdrama, mehrfach Cesar-prämiert und auf vielen Festivals gezeigt.

„Ein geschiedener Vater erstreitet vor dem Familiengericht das Recht, seinen elfjährigen Sohn jedes zweite Wochenende sehen zu dürfen. Doch aufgrund der Gewalttätigkeit des Mannes ist der Junge so sehr verschreckt, dass die Wochenenden für ihn zur Tortur werden. Noch schlimmer kommt es, weil der Vater seine geschiedene Frau noch immer liebt und sie zurückhaben will – notfalls mit Waffengewalt. Eine spannende und beklemmende Mischung aus Drama und Thriller, die zunächst fast dokumentarisch die Verhandlung vor dem Familiengericht zeigt, um dann die erschreckenden Folgen des Urteils zu beschreiben. Der beeindruckend gespielte Film ist schonungslos in seiner Darstellung psychischer wie physischer Gewalt, enthält aber durchaus Momente der Hoffnung.“

18. Februar 2021


Berlinale-Filmreihe auf ARTE (17. bis 25. Februar)

Berlinale-Poster 2021 Die Berlinale ist ein fester Programmpunkt im Kinojahr und meist die einizige Zeit in der das Casa-Büro zwei Wochen lang komplett verwaist ist. Während das international renommierte Festival letztes Jahr gerade noch stattfinden konnte, kann sie dieses Jahr nicht in der gewohnten Form stattfinden. Trotzdem: Die Wettbewerbsfilme stehen fest und Fachbesucher*innen kommen Anfang März zumindest digital in den Genuss einiger vielversprechender Filme. Für Juni ist dann auch ein kleineres Publikumsfestival vor Ort geplant. Wer trotz allem im tristen Februar schon ein bisschen Berlinale-Luft schnuppern möchte, sollte diese spezielle Filmreihe wahrnehmen: Unter dem Motto „Best of Berlinale“ zeigt ARTE vom 17. bis 25. Februar sieben Highlight-Filme aus vergangenen Berlinale-Jahrgängen, von denen einige auch in der Arte-Mediathek verfügbar sein werden.

Trailer „Best of Berlinale“

Programm:

Mittwoch, 17. Februar 2021, 20:15 Uhr
Mit Siebzehn

Sensibles Coming-of-Age-Kino von einem Meister der französischen Erzählkunst.

Mittwoch, 17. Februar 2021, 23:00 Uhr
Die Erbinnen

Mehrfach ausgezeichnetes Melodram (u.a. Silberner Bär für die Hauptdarstellerin Ana Brun) aus einem uns weitgehend unbekannten südamerikanischen Filmland.

Donnerstag, 18. Februar 2021, 02:20 Uhr
Remainder

Sonntag, 21. Februar 2021, 20:15 Uhr
There Will Be Blood (bis 27. Februar in der Mediathek)

Kraftvolles und oscarprämiertes US-Kino (bester Hauptdarsteller, bester Kamera) mit einem herausragenden Daniel Day-Lewis.

Mittwoch, 24. Februar 2021, 20:15 Uhr
Alles was kommt (bis 2. März in der Mediathek)

Mittwoch, 24. Februar 2021, 21:50 Uhr
Ein Leben für den Film – Lotte Eisner (Doku, bis 25. März in der Mediathek)

Mittwoch, 24. Februar 2021, 22:50 Uhr
O Beautiful Night (bis 25. März in der Mediathek)

Berlinale-gefeierter Debutfilm, den wir in Anwesenheit des Regisseurs gezeigt haben.

Donnerstag, 25. Februar 2021, 23:55 Uhr
Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot (bis 3. März in der Mediathek)

16. Februar 2021 Tagged |


TV- und Mediatheken-Tipps vom 11. bis 17. Februar 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!


Casting

von Nicolas Wackerbarth, Deutschland 2017
Donnerstag, 11. Februar 2021, 23:40 Uhr, RBB – bis 11.5. in der ARD-Mediathek

Zwischen Realität und Groteske – alles was Sie schon immer über Castings wissen wollten.

„Kurz vor Drehbeginn einer Neuverfilmung von Rainer Werner Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ fürs Fernsehen sucht die Regisseurin noch nach der idealen Besetzung. Während sich im Team langsam Nervosität ausbreitet und die sich vorstellenden Schauspielerinnen mit Versagensängsten und Eitelkeiten kämpfen, findet der Anspielpartner im Casting immer mehr Gefallen an seiner Aufgabe. Improvisationskomödie, die durch Spielfreude und ein virtuoses Schauspielerinnen-Ensemble begeistert. Mittels der Fassbinder-Vorlage macht sie die Abhängigkeiten und Macht-Asymmetrien in der Fernsehwelt deutlich, wobei sie geschickt den Unschärfebereich zwischen Fiktion und Leben, Person und Rolle nutzt.“


Making Waves: The Art of Cinematic Sound

von Midge Costin, USA 2019
Freitag, 12. Februar 2021, 21:55 Uhr, Arte – bis 13.3. in der Arte-Mediathek

Doku: Was Cineasten schon immer über das Sounddesign von Filmen wissen wollten.

„In Form einer umfassenden chronologischen Darstellung der Entwicklung des Tons im Film würdigt der Dokumentarfilm einen hochkomplexen und unverzichtbaren, aber selten hervorgehobenen Aspekt der Filmkunst. Neben der informativen und kurzweilig präsentierten Historie kommen zahlreiche Filmschaffende zu Wort, zudem werden einige Meister des Ton-Designs wie Walter Murch, Ben Burtt und Gary Rydstrom vorgestellt. Die versierte und für Laien wie Cinephile gleichermaßen reizvolle Dokumentation ist in ihrem Informationsgehalt vorbildlich und weist nur in der Beschränkung auf US-Beispiele Leerstellen auf.“


Aufschrei der Jugend

von Kathrin Pitterling, Deutschland 2019
Dienstag, 16. Februar 2021, 23:30 Uhr, NDR – bis 7.1.22 in der ARD-Mediathek

Empfehlung einer TV-Doku, die thematisch auch gut in unsere #FilmsForFuture-Reihe gepasst hätte.

„Die Filmemacherin Kathrin Pitterling begleitet seit Anfang 2019 junge Protagonist*innen der Fridays for Future-Bewegung bei Protesten und im Privatleben. Ihre Reportage zeigt, wie vielfältig, schöpferisch, aber auch kräftezehrend das Engagement für den Erhalt des Planeten sein kann. Die Jugendlichen erzählen von ihren Ängsten, Träumen, Erfolgen und Niederlagen. Aus den vielen einzelnen Geschichten ergibt sich so etwas wie ein Porträt einer Generation, die sich mit der soften Ratlosigkeit ihrer abgeklärten Eltern nicht mehr zufrieden geben will.“


Mit Siebzehn

von André Téchiné, Frankreich 2016
Mittwoch, 17. Februar, 20:15 Uhr, Arte

Sensibles Coming-of-Age-Kino von einem Meister der französischen Erzählkunst. Um 0:35 Uhr schließt sich die Doku ‚André Téchiné – Filmregisseur mit Leidenschaft‘ an.

„Eine Landärztin lädt den 17-jährigen Sohn einer schwangeren Bäuerin ein, bei ihr zu wohnen, solange die Mutter im Krankenhaus ist. Das passt ihrem eigenen Sohn anfangs überhaupt nicht, da die Jugendlichen schon in der Schule ständig aneinander geraten. Fortan tragen sie ihren Streit noch heftiger aus, bis sie auf unerwartete Weise entdecken, dass sie sich zueinander hingezogen fühlen. Außergewöhnlich feinfühliges Jugenddrama, nur scheinbar mit leichter Hand, in Wahrheit hochpräzise inszeniert. Mit beeindruckenden Schauspielern entstand ein lebensnahes Abbild jugendlicher Befindlichkeiten und Empfindungen, das in ein ebenso intensives Porträt ihrer Umwelt eingebettet ist.“


Die Geheimnisse des schönen Leo

von Benedikt Schwarzer, Deutschland 2018
Mittwoch, 17. Februar, 23:00 Uhr, WDR

Eine familiäre Politdoku, die der Regisseur bei uns im Kino persönlich vorgestellt hat.

„Der Filmemacher Benedikt Schwarzer will herausfinden, was an den Vorwürfen gegen seinen Großvater Leo Wagner (1919-2006) dran ist, der als CSU-Bundestagsabgeordneter angeblich für die Stasi gearbeitet haben soll. Seine kurzweilige Spurensuche mit der Kamera enthüllt nicht nur eine hochkomplizierte Familiengeschichte, sondern fördert überraschende Details einer höchst ambivalenten Karriere zu Tage, in der sich der Politiker sein ausschweifendes Leben von der DDR finanzieren ließ. Ein brillanter, wenngleich formal eher konventioneller Film über Gier, menschliche Abgründe und die Geister der Bonner Republik.“


Die Erbinnen

von Marcelo Martinessi, Paraguay/Deutschland/Brasilien/etc. 2018
Mittwoch, 17. Februar, 23:00 Uhr, Arte – bis 23.2. in der Arte-Mediathek

Mehrfach ausgezeichnetes Melodram (u.a. Silberner Bär für die Hauptdarstellerin Ana Brun) aus einem uns weitgehend unbekannten südamerikanischen Filmland.

„Die Beziehung zweier seit vielen Jahren als lesbisches Paar in der paraguayischen Hauptstadt Asunción lebender Frauen verändert sich, als die Dominantere der beiden für ein paar Monate ins Gefängnis muss. Ihre stille Partnerin rutscht in dieser Zeit in die Rolle einer Chauffeurin hinein, mit der sie Geld verdient, herumkommt und andere Frauen kennenlernt. Das stille Melodram wirft einen liebevollen Blick auf den Alltag der beiden unterschiedlichen Frauen und beobachtet mit großer Sensibilität und Aufmerksamkeit, welche Veränderungen ein bisschen Emanzipation hervorrufen kann.“

10. Februar 2021


TV- und Mediatheken-Tipps vom 28. Januar bis 3. Februar 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!


Cobain

von Nanouk Leopold, Niederlande/Belgien/Deutschland 2017
Donnerstag, 28. Januar 2021, 23:30 Uhr, WDR – bis 4.2. in der Arte-Mediathek

Bedrückende Coming-of-Age-Story der eigenwilligen niederländischen Regisseurin.

„Ein 15-jähriger Junge versucht seine knapp doppelt so alte Mutter aus ihrer Heroin-Abhängigkeit zu befreien und zum Entzug zu bewegen. Doch die erneut schwangere Frau will weder für sich noch für ihn Verantwortung übernehmen. Das im Rotlichtviertel von Rotterdam angesiedelte Jugenddrama fokussiert großteils in Naheinstellungen auf den Heranwachsenden, der sich zwischen kindlicher Sehnsucht und jugendlicher Entschlossenheit selbst überfordert. Der herausragend gespielte Film meidet alle Klischees und skizziert die wortlose Distanzlosigkeit einer außergewöhnlichen Mutter-Kind-Beziehung so komplex wie bisweilen auch recht schmerzhaft.“


El Clan

von Pablo Trapero, Argentinien/Spanien 2015
Samstag, 30. Januar 2021, 23:10 Uhr, 3Sat

Eine politische Geschichte im Gewand eines Mafia-Thrillers. Argentiniens Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film.

„Eine Großfamilie aus einem wohlhabenden Viertel von Buenos Aires führt Anfang der 1980er-Jahre nach außen hin ein unaufgeregtes Leben, während im Keller ihres Hauses reiche Entführungsopfer bangen, ob ihre Familien Lösegeld bezahlen. Als der Patriarch auch vor Mord nicht zurückschreckt, will sein ältester Sohn nicht mehr mitmachen. Das dichte Drama nach einem realen Fall entwirft ein bedrückendes Sittenbild der argentinischen Gesellschaft im Übergang von der Diktatur zur Demokratie. Inszenatorisch verwebt der doppelbödige Film Thriller-Elemente mit einer Vater-Sohn-Tragödie und formuliert einen facettenreichen Kommentar zum wirtschaftlichen wie moralischen Niedergang des argentinischen Bürgertums.“


Weit

von Patrick Allgaier und Gwendolin Weisser, Deutschland 2017
Montag, 1. Februar 2021, 22:35 Uhr, 3Sat – bis 28.2. in der Arte-Mediathek

Sympathischer Überraschungserfolg und Vorreiter der Reisefilm-Welle.

„Die Freiburger Globetrotter Patrick Allgaier und Gwendolin Weisser brechen im Frühjahr 2013 auf, um zu Fuß oder per Anhalter die Welt zu umrunden und diese mit allen Sinnen aufzunehmen. Ihre Erlebnisse und Erfahrungen füllen abwechslungsreich den dokumentarischen Film, der in der Überfülle an Impressionen mitunter zwar wie eine Diashow in Bewegtbildern anmutet, zugleich aber ein ansteckend positives, Mut machendes Bild der Erde und ihrer Bewohner entwirft. Zur Weltoffenheit und Neugier der Reisenden gehört auch, dass sie eigene Vorurteile revidieren und verdeutlichen, dass man selbst nach 100.000 Kilometern immer noch sehr wenig von der Welt gesehen hat.“


In My Room

von Ulrich Köhler, Deutschland 2018
Montag, 1. Februar 2021, 22:00 Uhr, Arte – bis 7.2. in der Arte-Mediathek

Pures Arthouse-Kino der Berliner Schule.

„Ein wenig erfolgreicher Kameramann kehrt von Berlin in die ostwestfälische Provinz zurück, als seine Großmutter im Sterben liegt. Als er dort eines Morgens erwacht, ist die Menschheit verschwunden. Mit Anleihen bei und Varianten von einschlägigen Genre-Vorbildern und psychologischen Tiefenbohrungen entwirft die schillernde Robinsonade eine visuell bestechende postapokalyptische Fantasie, die mit großer filmischer Souveränität eine Studie von Männlichkeit zwischen Depression, Neubeginn, Selbstentwurf und Scheitern entwickelt.“


Girl

von Lukas Dhont, Belgien 2018
Mittwoch, 3. Februar 2021, 20:15 Uhr, Arte – bis 9.2. in der Arte-Mediathek

Für Fans unserer Queer-Film-Reihe. In Cannes als bester Spielfilm mit der Camera d`Or und der Queer Palm ausgezeichnet.

„Ein 15-jähriges Transgender-Mädchen träumt davon, Ballerina zu werden und auch körperlich ganz eine Frau zu sein. Die langwierige Geschlechtsumwandlung, das harte Training an einer renommierten Tanzakademie und die normalen Wirren der Pubertät drohen seine Psyche jedoch immer mehr kollabieren zu lassen. In warmen Farben und weichen Texturen erzählt das hochenergetische Spielfilmdebüt ein berührendes, von der Arbeit und dem Leiden am (falschen) Körper begleitetes Innerlichkeitsdrama.

28. Januar 2021


TV- und Mediatheken-Tipps vom 21. bis 27. Januar 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!


Contagion

von Steven Soderbergh, USA/Vereinigte Arabische Emirate 2011
Sonntag, 24. Januar 2021, 23:15 Uhr, Sat 1

Unbedingt ansehen ! Dieser 10 Jahre alte Film nimmt unsere Pandemie in derart detaillierter Vorausschauung vorweg, dass man sich sehnlichst ein anderes Filmende wünscht….

„Eine Virus-Epidemie breitet sich mit rasender Geschwindigkeit über den Globus aus. Der Film beschreibt den Verlauf der Seuche, deren gesellschaftlichen und menschlichen Folgen sowie die Bemühungen von Wissenschaftlern, das Virus unter Kontrolle zu bringen. Attraktiv mit einem Star-Ensemble besetzt, dabei aber kühl und distanziert erzählt, setzt der Thriller nicht auf die Mechanismen eines Katastrophenspektakels oder auf drastischen Körperhorror, sondern schockiert durch die Glaubwürdigkeit und wissenschaftliche Akkuratesse des geschilderten Szenarios.“


Sicario

von Denis Villeneuve, USA 2015
Montag, 25. Januar 2021, 22:15 Uhr, ZDF

Nervenzehrender Spitzenthriller des vielseitigen kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve.

„Eine junge FBI-Agentin schließt sich einer undurchsichtigen Task-Force an, die für die US-Regierung als Teil des sogenannten Drogenkriegs verdeckte Operationen in Mexiko durchführt. Sie will die Drahtzieher des Sonora-Kartells dingfest machen, doch gleich ihr erster Einsatz in der Grenzstadt Juárez mündet in einer mörderischen Schießerei. Angesichts des ethisch wie juristisch mehr als fragwürdigen Umfelds gerät sie in immer größere Verwirrung. Komplexes, visuell großartiges Thriller-Drama, das sich bravourös der Erkundung moralischer Grauzonen in der Verbrechensbekämpfung stellt.“


The Euphoria of Being

von Réka Szabó, Ungarn 2019
Montag, 25. Januar 2021, 22:25 Uhr, 3Sat

Ein vielgelobter Höhepunkt des diesjährigen DokFilmFestes München.

„Doku über die Entstehung einer Tanzperformance, in der die 90-jährige Tänzerin Éva Fahidi im getanzten Dialog mit einer Modern-Dance-Tänzerin über ihr Leben erzählt, das zutiefst davon geprägt ist, dass sie als einzige ihrer Familie das KZ Auschwitz überlebte. In der einzustudierenden Performance soll sich all das spiegeln: Erinnerung und Schmerz, das Trauma und der Versuch einer tänzerischen Trauma-Bearbeitung. Ein schwieriger, schmerzhafter Prozess, der aber auch wunderbare Momente bereithält, in denen Fahidi ihre Euphorie da zu sein aufstrahlen lässt.“


Die Lügen der Sieger

von Christoph Hochhäusler, Deutschland/Frankreich 2014
Montag, 25. Januar 2021, 20:15 Uhr, One – bis 25.4. in der ARD-Mediathek

Ein deutscher Politthriller – inszeniert von einem Regisseur der „Berliner Schule“.

„Der Star-Reporter eines politischen Nachrichtenmagazins, der bei Recherchen über Unregelmäßigkeiten bei der Bundeswehr feststeckt, kommt gemeinsam mit einer Praktikantin einem Giftmüll-Skandal auf die Spur. Ambitionierter investigativer Paranoia-Thriller, der die vertrauten Erzählmuster des Genres durch die Dramaturgie einer „musikalischen Montage“ bis an ihre Grenzen führt. Damit artikuliert der Film das Unbehagen an einer perfiden Verschränkung von Politik, Medien und Öffentlichkeit im digitalen Zeitalter, was zu einer nachhaltigen Verunsicherung führt.“


Styx

von Wolfgang Fischer, Deutschland/Österreich 2018
Mittwoch, 27. Januar 2021, 20:15 Uhr, Arte – bis 5.2. in der Arte-Mediathek

Bei unserer CasaAkademie-Veranstaltung „Rückblick deutscher Film 2018“ als überzeugendster Film jenes Jahres ausführlich gewürdigt.

„Auf einem Segeltörn von Gibraltar Richtung Südatlantik trifft eine deutsche Ärztin mit ihrer Yacht auf ein havariertes Flüchtlingsschiff. Die alarmierte Seenothilfe fühlt sich jedoch so wenig verantwortlich wie ein Containerschiff. Das sich in der Folge abspielende menschliche Drama entspinnt sich als Thriller, der vor dem Hintergrund des offenen Meeres auf den europäischen Diskurs um die Seenotrettung afrikanischer Flüchtlinge zielt.“


Whale Rider

von Niki Caro, Neuseeland/Deutschland 2015
Mittwoch, 27. Januar 2021, 21:50 Uhr, Arte – bis 25.2. in der Arte-Mediathek

Einfach ein wunderschöner Film…

„Der traditionsbewusste Führer eines Maori-Stammes auf Neuseeland kann nicht akzeptieren, dass ihm seine Tochter nur eine Enkelin statt eines Nachfolgers schenkte. Das inzwischen zwölfjährige Mädchen versucht alles, ihn von seiner Haltung abzubringen. Als Wale, die heiligen Tiere der Maori, an den Strand gespült werden, sieht der Stamm großes Unheil kommen, das Mädchen aber seine Chance. Eine betörend schöne, in traumhaften Bildern eingefangene Geschichte, die sowohl die Lebendigkeit von Traditionen und Legenden als auch die zunehmend prägende aktuelle Lebenswirklichkeit sowie die emanzipatorischen Bestrebungen der nachwachsenden Maori- Generationen überzeugend darstellt.“

20. Januar 2021


TV- und Mediatheken-Tipps vom 14. bis 20. Januar 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!


Thelma

von Joachim Trier, Norwegen/Frankreich/Dänemark/Schweden 2017
Donnerstag, 14. Januar 2021, 23:30 Uhr, WDR

Ein romantischer Fantasy-Thriller mit Horrorelementen des in Insiderkreisen hochgehandelten norwegischen Regisseurs Joachim Trier.

„Eine junge, schüchterne Frau nimmt in Oslo ein Biologiestudium auf, wo sie von ihren streng religiösen, ihr aber sehr zugewandten Eltern ständig angerufen wird. Als sie sich der elterlichen Kontrolle entzieht, studentische Freiheiten genießt und in eine Kommilitonin verliebt, erleidet sie einen epileptischen Anfall, dessen Ursachen sich medizinisch nicht aufklären lassen. Das durchgängig aus der Perspektive der überforderten Protagonistin erzählte Drama spielt mit filmgeschichtlichen Anleihen und Elementen aus dem Horrorgenre, handelt mit großer Ernsthaftigkeit aber auch von Einsamkeit und unbestimmten Ängsten.“


Arrival

von Denis Villeneuve, USA 2016
Samstag, 16. Januar 2021, 20:15 Uhr, Vox

Oscar-nominierter science-fiction des vielseitigen kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve.

„Nach der Landung von zwölf ellipsenförmigen Alien-Raumschiffen an unterschiedlichen Orten der Erde scheitern erste Versuche, die Signale der fremden Wesen zu entschlüsseln. Die US-Regierung schickt ein Team um eine Sprachwissenschaftlerin und einen Physiker nach Montana, um Kontakt zu den Außerirdischen herzustellen und deren Absichten in Erfahrung zu bringen. Der mit großer Behutsamkeit inszenierte Science-Fiction-Film konzentriert sich ganz auf die Figurenpsychologie und erkundet stilistisch elegant erkenntnistheoretische Fragen. Inszeniert nah an der Figur der Linguistin, lösen sich Handlung und Psychologie zuweilen in der Entschleunigung auf, und doch bleibt stets genügend Raum, um das zentrale Geheimnis um Sprache, Zeit und Weltwahrnehmung zu wahren.“


Lost Highway

von David Lynch, Frankreich/USA 1996
Samstag, 16. Januar 2021, 22:10 Uhr, 3Sat

Man muss nicht alle David-Lynch-Filme verstehen, urteilte Siegfried König in einem Regie-Portrait in der CasaAkademie, aber man sollte sie gesehen haben…

„Ein von Eifersucht zerfressener Jazzsaxophonist soll seine Frau grausam ermordet haben. Er wird verurteilt und ins Gefängnis gesteckt, wo ihn unerträgliche Kopfschmerzen plagen. Eines Morgens sitzt an seiner Stelle ein junger Mechaniker in der Zelle. Auf freien Fuß gesetzt, beginnt dieser eine Affäre mit der Geliebten eines Kunden, die der Frau des Musikers aufs Haar gleicht. Verstörende, äußerst komplexe Reise ins Unheimliche, die mit den Mitteln der Verrätselung und des Horrorfilms den Zuschauer in Bann schlägt. Ein filmisches Meisterwerk, das über viele Fragen der Gegenwart zur Auseinandersetzung zwingt.“


Victoria

von Sebastian Schipper, Deutschland 2015
Montag, 18. Januar 2021, 20:15 Uhr, One – bis 25.1. in der ARD-Mediathek

Famos in einer einzigen Einstellung gedreht, gab es für diesen Film mehrere deutsche Filmpreise (für Regie, die beiden Hauptdarsteller, beste Kamera und Filmmusik) sowie einen Berliner Bären für den norwegischen Kameramann Sturla Brandth Grøvlen.

„Eine junge Spanierin lernt in einem Berliner Club vier proletarische Kleingangster kennen, die in dieser Nacht eine Schuld begleichen wollen. Als einer von ihnen ausfällt, springt sie für ihn ein. Ein radikales auratisches Drama auf Augenhöhe mit Jean-Luc Godards „Außer Atem“, in dem sich die innerlich zerrissene Protagonistin neu entdeckt. Dabei lebt der in einer einzigen Einstellung gedrehte Film von seiner enormen Konzentration sowie von der Intensität der Darsteller. Der Taumel des Geschehens, in dem jederzeit alles möglich ist, überträgt sich auf den Zuschauer, der mit den Protagonisten planlos und doch zugleich hellwach durch die Nacht driftet.“


Soy Nero

von Rafi Pitts, Deutschland/Frankreich/Mexiko/USA 2016
Dienstag, 19. Januar 2021, 0:10 Uhr (d.h. Mittwoch), Arte – bis 25.1. in der Arte-Mediathek

Rafi Pitts zählt zu den renommiertesten Vertretern des aktuellen iranischen Kinos, seine Filme wurden mit einer Vielzahl an internationalen Festivalpreisen bedacht.

„Einem mexikanischen Jugendlichen gelingt nach etlichen gescheiterten Versuchen die Flucht in die USA. In Los Angeles hofft er auf die Hilfe seines Bruders, der in einer protzigen Villa wohnt, doch sein Traum von besseren Leben zerplatzt. Um eine Greencard zu erhalten, meldet er sich für zwei Jahre zum Militärdienst und findet sich unversehens im Afghanistan-Krieg wieder. Die episodenhafte Mischung aus Drama, Satire und Kriegsfilm rückt das Glücksbegehren eines Migranten ins Zentrum. Die thematische und stilistische Unterschiedlichkeit der drei Episoden macht den besonderen Reiz des ebenso humorvollen wie brisanten Films aus.“


Children of Men

von Alfonso Cuaron, USA/Großbritannien 2016
Mittwoch, 20. Januar 2021, 23:15 Uhr, ZDF neo

Dystopischer Science-Fiction-Thriller des mexikanischen Regisseurs und späteren Oscar-Preisträgers Alfonso Cuaron („Gravitiy“, „Roma“).

„In nicht allzu ferner Zukunft ist die Menschheit unfruchtbar geworden. Ein Angestellter wird von seiner Ex-Frau in die Aktionen einer Untergrundorganisation verwickelt und soll die letzte schwangere Frau, eine farbige Immigrantin, sowohl vor Terroristen als auch vor Polizei und Militär schützen. Das eindrucksvolle pessimistische Zukunftsgemälde entwirft mit vielschichtigen Figuren eine düstere Version der Weihnachtsgeschichte und verbindet sie mit den Eigenschaften eines packenden, geradlinig erzählten Genrethrillers.“

11. Januar 2021


TV- und Mediatheken-Tipps vom 7. bis 13. Januar 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!


The Killing of a Sacred Deer

von Giorgos Lanthimos, Irland/Großbritannien 2017
Donnerstag, 7. Januar 2021, 23:45 Uhr, RBB

Starbesetztes Drama (Colin Farrell, Nicole Kidman und Jungstar Barry Koeghan) vom Meister des abgründigen Humors und Wegbereiter des neuen griechischen Kinos.

„Der perfekte Familienentwurf eines erfolgreichen Herzchirurgen gerät aus dem Gleichgewicht, als sich ein 16-jähriger Junge als Relikt der Vergangenheit in sein Leben drängt. Als er sich zu entziehen versucht, ereignen sich übernatürliche Heimsuchungen, und der Teenager stellt dem Arzt ein perfides Ultimatum. Eine unheimliche, zutiefst verstörende und bizarre Allegorie voller Anspielungen auf die griechische Mythen- und die Filmgeschichte. Die mit viel Stilwillen umgesetzte Thriller-Variation reflektiert zudem die moralische Rolle des Familienoberhaupts in einer Situation der Machtlosigkeit.“


Das Geheimnis Georges Méliès

Samstag, 9. Januar 2021, 23:50 Uhr, Arte – bis 9.3. in der Arte-Mediathek

Eine französische Doku über Georg Méliès, der als Regisseur, Schauspieler und Filmpionier als Erfinder des narrativen Films gilt. Im Laufe seines Lebens dreht Méliès 520 Filme, die alle als zerstört galten, nachdem Méliès sie 1923 verbrannt hatte. Ein Fund in der Library of Congress hat fast 80 Negativfilme des Filmpioniers ans Licht gebracht. Mehr über Georges Méliès und seine Filme erfahren Sie demnächst in einer CasaAkademie-Veranstaltung zum Thema „Frühe Filme“.


Als wir träumten

von Andreas Dresen, Deutschland/Frankreich 2015
Montag, 11. Januar 2021, 20:15 Uhr, One – bis 18.1. in der ARD-Mediathek

Wir träumen seit „Gundermann“ von einem neuen Andreas-Dresen-Film, hier sein vorletzter.

„Eine Clique um drei Leipziger Jugendliche lebt in der unmittelbaren Nachwendezeit ziellos in den Tag. Zwischen Bolzen, Saufen und Prügeleien mit Neo-Nazis kristallisiert sich die Idee eines Technoclubs heraus, der für eine Weile zum Kompass wird, aber auch zur Radikalisierung und zum Absturz in Drogen, zu Eifersucht und Verrat beiträgt. Verfilmung des Romans von Clemens Meyer als intensives Jugenddrama, das mit schmutzig-braunen Bildern und hitzigem Erzähltempo ein soziales Vakuum skizziert.“


Gleißendes Glück

von Sven Taddicken, Deutschland 2016
Mittwoch, 13. Januar 2021, 23:10 Uhr, 3Sat

Deutsches Schauspielkino vom Feinsten mit Martina Gedeck und Ulrich Tukur.

„Einer sanftmütigen Hausfrau entgleitet angesichts der gewalttätigen Ader ihres Ehemanns ihr Gottvertrauen. Unter Schlafstörungen leidend, stößt sie auf die Ratgeber eines Selbsthilfe-Professors, den sie auf einem Kongress zu einem persönlichen Gespräch überredet und mit dem sie den Abend verbringt. Als der zunächst freundliche Mann offenbart, dass er an extremen Sexualfantasien leidet, reagiert sie verstört, fühlt sich dann aber berufen, ihn von seinen Obsessionen zu befreien. Von langen, ausgezeichneten Dialogszenen lebende Romanverfilmung über eine gefährliche Liebschaft, die ihre Protagonisten durchweg mit Sympathie zeichnet. Die ruhige Inszenierung vermeidet dramatische Beschleunigungen und konzentriert sich ganz auf die glänzenden Hauptdarsteller.“


Dunkirk

von Christopher Nolan, USA/Frankreich/Großbritannien/Niederlande/Deutschland 2017
Mittwoch, 13. Januar, 0:15 Uhr (d.h. Donnerstag), ZDF

Herausragender Kriegsfilm des britisch-US-amerikanischen Ausnahme-Regisseurs, der ebenfalls im Mittelpunkt einer unserer nächsten CasaAkademie-Veranstaltungen steht.

„Von historischen Begebenheiten inspiriertes Kriegsdrama, das auf drei miteinander verschränkten Zeitebenen von der Rettung britischer Soldaten aus der von der Wehrmacht eingekesselten nordfranzösischen Hafenstadt Dünkirchen im Mai 1940 erzählt. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft entsteht eindrucksvoll eine Chronologie der Evakuierung, bei der die autarken Erzählstränge immer wieder virtuos gegenübergestellt und zu atemberaubenden Spannungsbögen verbunden werden. Eine höchst kunstvolle Reflexion filmischer Erzählmuster, bei der in den vermeintlich nebengeordneten Seitensträngen auch singuläre menschliche Großtaten im Schatten mörderischer Kriegsstrategien angesprochen werden.“


Der Gott des Gemetzels

von Roman Polanski, Frankreich/Deutschland/Polen/Spanien 2011
Mittwoch, 13. Januar 2021, 0:40 Uhr (d.h. Donnerstag), MDR

In Nürnberg und bundesweit war das zugrundeliegende Theaterstück von Yasmina Reza vor einigen Jahren der große Renner. Polanski adaptiert es stilvoll und starbesetzt mit Jodie Foster, J.C. Reilly, Kate Winslet und Christoph Waltz.

„Die Rauferei zweier Elfjähriger, bei der einer zwei Zähne verliert, führt zwei New Yorker Elternpaare zusammen. Nach einem klärenden Gespräch scheint die Sache erledigt, doch als die Mutter des geschädigten Jungen eine Entschuldigung verlangt, läuft die Sache aus dem Ruder. Man redet sich in Rage und beruhigt sich wieder, doch reichlich genossener Whisky befeuert die Situation erneut. Äußerst klug inszeniertes, mit der Kamera kongenial die sich verschiebende und allmählich eskalierende Gruppendynamik einfangendes Kammerspiel über die Dünnhäutigkeit guter Umgangsformen und kultivierten Verhaltens angesichts einer Stresssituation, die die Wertvorstellung der Protagonisten herausfordert. Von wunderbaren Darstellern getragen, entfaltet sich eine komisch-entlarvende Ehe- und Gesellschaftsfarce.“


Wild

von Nicolette Krebitz, Deutschland 2016
Mittwoch, 13. Januar 2021, 1:40 Uhr (d.h. Donnerstag), Arte – bis 11.2. in der Arte-Mediathek

Mutiges junges deutsches Kino – ein Höhepunkt unserer CasaAkademie-Veranstaltung „Frauen auf dem Regiestuhl“.

„Als eine apathisch vor sich hinlebende junge Frau in einem Park in Halle-Neustadt einem Wolf begegnet, verändert sich ihre Existenz radikal. Sie verliebt sich, fängt das Tier ein und nimmt es mit in ihre Wohnung. Bald bröckeln die Grenzen zwischen Jägerin und Beute, Mensch und Tier. Überzeugend erzählt der Film von der Tierwerdung als Befreiung aus zivilisatorischen Zwängen, wobei die Verwilderung nicht als Kontrollverlust, sondern als Emanzipationsgewinn ausbuchstabiert wird. Dabei verlässt der utopische Entwurf nie den Boden der Realität, skizziert vielmehr ein ebenso offenes wie anspielungsreiches Szenario, das in der beeindruckend furchtlosen Hauptdarstellerin (Lilith Stangenberg) und der kongenialen Kameraarbeit (Reinhold Vorschneider) seine Basis findet.“

5. Januar 2021


TV- und Mediatheken-Tipps vom 31. Dezember 2020 bis 6. Januar 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!


Wir sind die Neuen

von Ralf Westhoff, Deutschland 2014
Freitag, 1. Januar 2021, 18:30 Uhr, ARD

Ein Glücksfall für den deutschen Film: eine Unterhaltungskomödie mit ernsten Untertönen, die bei Publikum und Kritik sehr viel Zuspruch fand.

„Eine Frau und zwei Männer, alle um die 60, ziehen 35 Jahre nach ihrer Zeit in einer Wohngemeinschaft erneut zusammen. Ihre kleine Zweckgemeinschaft kollidiert mit drei Studenten in der Wohnung über ihnen, die vom ständigen Leistungsdruck gestresst sind und zunächst aggressiv und ablehnend reagieren, dann aber ihre Schwächen und Empfindlichkeiten zu erkennen geben. Vorzüglich gespielte Komödie mit brillanten Dialogen, die auf dem schmalen Grat von subtiler Charakterbeschreibung und unterhaltsamem Genrefilm liebevoll von den Chancen und Grenzen eines Generationen übergreifenden Miteinanders erzählt.“


Die Insel der besonderen Kinder

von Tim Burton, USA/Großbritannien 2016
Samstag, 2. Januar 2021, 20:15 Uhr, Sat 1

Tim Burtons bizarre Bilderwelt in der Verfilmung eines Fantasy-Romans von Ransom Riggs.

„Ein US-amerikanischer Teenager erfährt unter tragischen Umständen, dass die Erzählungen seines Großvaters über besondere Kinder und Monster real sind. Bei einer Reise nach Wales lernt er die Menschen aus den Geschichten kennen und spielt selbst eine Schlüsselrolle im Kampf gegen deren Feinde. Das bildgewaltige Fantasy-Abenteuer bleibt als Außenseiter-Mär zwar an der Oberfläche, entfaltet durch seine fantasievollen Figuren und seine Ausstattung atmosphärisch jedoch einen liebenswert-grotesken Kosmos.“


Die Taschendiebin

von Park Chan-wook, Südkorea 2016
Samstag, 2. Januar 2021, 23:30 Uhr, 3Sat

Park Chan-wook gehört zu den führenden Regisseuren des in den letzten Jahren international beachteten südkoreanischen Films.

„Während der japanischen Besatzung Koreas in den 1930er-Jahren soll eine zur Taschendiebin ausgebildete junge Frau einer reichen, unverheirateten Erbin in einem abgelegenen Anwesen zu Diensten sein. Die junge Frau ist Teil eines raffinierten Eheschwindelplans, verliebt sich dann aber in die Erbin, was nur eine von mehreren überraschenden Wendungen ist. Die in drei Kapiteln virtuos entfaltete Liebesgeschichte ist mit einem romantischen Kriminalthriller verknüpft und entfaltet als kunstvolles Vexierspiel eine illustre Dynamik voller Perspektivwechsel und optischer Täuschungen. Ein kluger, facettenreicher Film voller Eleganz und Tempo, geprägt von intensiver Musik und großer Inszenierungskunst.“


Capote

von Bennett Miller, USA 2005
Sonntag, 3. Januar 2021, 23:05 Uhr, Tele 5

Brillanter Debutfilm eines US-Independent-Regisseurs, mit Philip Seymour Hoffman grandios besetzt und Oscar-prämiert.

„Leben und Karriere des US-amerikanischen Erfolgsautors Truman Capote, fokussiert auf die sechsjährige Arbeit an seinem dokumentarischen Roman „Kaltblütig“. Die in der Titelrolle brillant gespielte Filmbiografie beleuchtet auch die Schattenseiten ihrer Hauptperson, ohne sich von ihr abzuwenden. Dabei porträtiert die elegante Inszenierung mit Hang zur Melodramatik ihre Hauptperson als gesellschaftlichen Außenseiter, der das scheinbare Stigma der Auserwähltheit durch sein affektiertes Auftreten zu überdecken versucht.“


Shame

von Steve McQueen, Großbritannien 2011
Mittwoch, 6. Januar 2021, 22:05 Uhr, 3Sat – bis 13.1. in der 3Sat-Mediathek

Aufsehen erregender zweiter Film des späteren Oscar-Preisträgers (für „12 Years A Slave“) mit einer herausragenden Schauspielleistung von Michael Fassbender.

„Ein sexsüchtiger New Yorker Yuppie bekommt Besuch von seiner labilen jüngeren Schwester, die sich bei ihm einquartiert. Der Kontakt mit ihr ruft verdrängte Erinnerungen aus der gemeinsamen Kindheit wach, gefährdet aber die ganz auf die Sucht ausgerichtete Existenz des Mannes, die menschliche Bindungen ausschließt, und wird für ihn zur Zerreißprobe. Ein beklemmendes, vielschichtiges Drama, das dank des hervorragenden Hauptdarstellers und der vorzüglichen Inszenierung voller poetischer wie auch verstörender Bilder in den von unterdrücktem Schmerz geprägten Kosmos der Hauptfigur hineinführt. Dabei geht es auch um die Kritik eines westlichen Lebensstils, mehr aber um das Ergründen existenzieller Zustände.“


Endzeit

von Carolina Hellsgard, Deutschland 2018
Mittwoch, 6. Januar 2021, 23:15 Uhr, Arte – bis 4.2. in der Arte-Mediathek

Horror-Filme muss man mögen, aber diese deutsche Produktion wird dem Genre auf ungewohnte Weise gerecht.

„Nach einer Zombie-Apokalypse ist die Menschheit mit Ausnahme der thüringischen Geisteszentren Weimar und Jena ausgerottet. Als zwei junge Frauen in einem Versorgungszug auf dem gefährlichen Weg zwischen den Städten liegen bleiben, müssen sie sich zu Fuß weiter durchschlagen. Dabei stoßen sie in der vermeintlichen Todeszone auf ein überraschendes Anzeichen von Leben. Die Adaption einer Graphic Novel von Olivia Vieweg liefert eine ungewöhnliche deutsche Variation dystopischer Genrefilme in grandiosen Bildern, die der üblichen Effekthascherei der Zombieangriffe feminine und philosophische Ideen entgegenstellt.“

30. Dezember 2020


Online-Tipp: Bad Seed Teevee

Ein besonderer Online-Tipp für alle, die mal keine Filme oder Serien sehen wollen:

Der Musiker Nick Cave betreibt seit einigen Wochen einen 24-Stunden-Stream, „Bad Seed Teevee“, mit Konzertmitschnitten und Interviews aus dem Universum seines Schaffens.

Ein großartiges Angebot von einem herausragenden Künstler. Übrigens war im Casa war vor einigen Jahren der 3D-Film „One More Time With Feeling“ zu sehen.

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15. Mai 2020


Dokumentarfilme in der Mediathek der Bundeszentrale für Politische Bildung

Ein kleiner Geheimtipp für alle, die gern großartige Dokumentarfilme sehen – kostenlos und werbefrei:

Die Bundeszentrale für Politische Bildung hat aktuell eine ganze Reihe von Dokus online gestellt, die wir in den letzten Jahren im Casa gezeigt haben. Hier eine Auswahl – in der Mediathek sind noch weitere Filme zu finden!

Plastic Planet
von Werner Boote
Ein Klassiker aus dem Bereich Nachhaltigkeit – leider noch nicht überholt.

The Cleaners
von Hans Block und Moritz Riesewieck
Einer der bedrückendsten Dokumentarfilme, die wir in den letzten Jahren im Programm hatten. Wie geht es den Leuten, die für Facebook & Co Online-Kommentare und Inhalte sichten müssen und gewaltverherrlichende, brutale oder politisch extreme Inhalte löschen?
Viele von ihnen sitzen in den Philippinen. Dieser herausragende Film (dessen Autor wir damals zu Gast hatten) blickt hinter die Kulissen.

I am Not Your Negro
von Raoul Peck
Aus unserer Reihe „Black Lives in America“: Das oscar-nominierte Porträt des amerikanischen Schriftstellers James Baldwin ist gleichzeitig eine Geschichte der Bürgerrechtsbewegung bis in die Jetztzeit.

Im Strahl der Sonne
von Vitaly Mansky
Ein Einblick in eine fremde Welt: Der Filmemacher Vitaly Mansky durfte in Nordkorea drehen, immer streng bewacht von Mitarbeitern des Staates. Er hält sich genau an die Vorgaben des Regimes – und macht die Inszenierung dennoch nicht mit. In Drehpausen läuft seine Kamera weiter und lässt Blicke hinter die sorgsam inszenierte Realität zu.

Waldheims Walzer
von Ruth Beckermann
Ein Film, der leider nicht im Casa lief – auch wenn wir ihn gern im Programm gehabt hätten. Ein Dokumentarfilm, der einem als Nachgeborenem den Mund offen stehen lässt: Ist das, was der ehemalige UN-Generalsekretär Kurt Waldheim im Umgang mit seinem Nazi-Lebenslauf geleistet hat, wirklich so passiert?

4. Mai 2020


Mediatheken-Tipp: Drinnen

Hier noch ein Spezial-Tipp für ein Format, das nichts mit Kino zu tun hat – aber dennoch viel mit dem, was wir im Casa machen, ein kleines, günstig hergestelltes, wahnsinnig schnell produziertes Format bei ZDF neu: Die Mini-Serie „Drinnen“.

Lavinia Wilson spielt Charlotte, die in einer Werbeagentur arbeitet und ihre Tage wie viele von uns gerade zu Hause vor dem Rechner verbringt, in Videokonferenzen, Chats und Telefonaten mit ihrer Agentur, ihren Eltern, ihrem Noch-Mann und ihrer durchgeknallten Schwester. Was diese Serie so toll macht: Man sieht ihr an, dass sie nicht teuer war – aber das macht überhaupt nichts. Sie ist immer auf den Punkt, wirklich witzig, und sie soll bitte für alle Zeiten als Vorbild dafür dienen, wie man digitales Geschehen, wie man das, was sich auf einem Monitor abspielt, passend und nicht-peinlich in eine Spielhandlung einbaut. Hier gibts Skype-Fenster, die aussehen wie Skype-Fenster, hier gibts keine peinlichen nachgebauten Dialoge mit Monster-Schrift, hier hat man das Gefühl, dass jemand einfach weiß, wie digitale Kommunikation funktioniert.

15 kurze Folgen mit je 10 Minuten – wunderbare Quickies für zwischendurch!

30. April 2020


Kostenloser Stream: Iron Sky

Für Freund/innen des erlesenen und etwas trashigen Filmgeschmacks noch ein Filmtipp: Iron Sky (das Original von 2013, in der englischen Originalfassung) ist aktuell kostenlos als Stream verfügbar!

14. April 2020


Mitschnitte aus dem Jazz Studio online

Auch das Jazz Studio Nürnberg ist aktuell geschlossen – bis auf Weiteres finden keine Konzerte im Keller unterhalb der Burg statt.

Wir hoffen, im Herbst unsere gemeinsame Jazz-Filmreihe Blue Note Cinema fortsetzen zu können – bis dahin gibts auf der Webseite des Jazz Studio zur Überbrückung der Wartezeit Sendungen von Radio JazzTime Nürnberg und Mitschnitte von Konzerten zum Nachhören. Viel Spaß damit!




Mediatheken-Tipps für Kids

Auch für Kids gibts viele Angebote in den Mediatheken – aktuell als Stream kostenlos verfügbar!

Wer gleichzeitig seinem Lieblings-Kino etwas Gute tun will, kann natürlich gern eines unserer virtuellen Spenden-Tickets kaufen – das ist kein Muss, hilft uns in der aktuellen Situation aber sehr!

 

Ernest & Celestine – In der ZDF-Mediathek

Der brummige Bär Ernest und die süße Maus Celestine leben in einem wunderschönen alten Haus mit Garten. Die beiden sind unzertrennliche Freunde.
Ein wunderschöner, handgemachter Animationsfilm aus Frankreich

 

Tschick – In der ARD-Mediathek

Natürlich kein reiner Jugendfilm – aber seit Jahren immer wieder im Casablanca für Schulklassen im Programm.
Achtung: Nur noch bis 17.4. verfügbar!

 

Astrid Lindgren-Filme – In der ZDF-Mediathek

Aktuell sind beim ZDF auch zahlreiche Filme nach Astrid Lindgren verfügbar:

Pippi im Taka-Tuka-Land
Pippi außer Rand und Band
Pippi Langstrumpf
Pippi geht von Bord
Pippi und die Seeräuber (1)
Pippi und die Seeräuber (2)
Pippi und die Seeräuber (3)
Pippi und die Seeräuber (4)
Pippis Abschiedsfest
Pippi geht an Bord der Hoppetosse
Pippi und die Flaschenpost

 

Die Maus

Vermutlich allseits bekannt – aber aktuell sendet die Maus täglich …

13. April 2020


Stummfilm online: Das Cabinet des Dr Caligari

Vor einigen Wochen lief er als „Jahrhundertfilm“ im Casablanca, genau 100 Jahre nach seiner Entstehung und live begleitet von Hilde Pohl und Yogo Pausch:

Das Cabinet des Dr Caligari von Robert Wiene.

Plakat Dr Caligari

Aktuell (bis 31. Juli) ist der Film in der arte-Mediathek zu sehen.

Außerdem gibts den Dr. Caligari gerade auch als virtuelle Traum-Erfahrung in 3D:

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2. April 2020


Kino zum Lesen – Drehbücher online

Eine wunderbare Idee des Deutschen Filmpreis:
Aus dem aktuellen Jahrgang und auch aus den letzten Jahren stehen die Original-Drehbücher vieler Filme online.

Wer es nicht erwarten kann, was in Burhan Qurbanis Neuverfilmung von „Berlin Alexanderplatz“ passiert, kann schon mal reinlesen – drei Stunden Film auf 144 Seiten.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von issuu.com zu laden.

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Und auch Systemsprenger lässt sich noch mal nachlesen:

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Viele weitere Drehbücher finden sich hier!

26. März 2020


The Lighthouse

Filmtipp von Matthias (Casa-Theaterleiter)

Filmbild The Lighthouse

Filmkunstemesse Leipzig – jeden Tag laufen von morgens bis abends Filme, manche davon muss man sehen, weil man sie nicht einschätzen kann, manche sieht man einfach, weil sie gerade ins Programm passen und zwei, drei Filme gibts in der Woche, die man unter allen Umständen sehen muss. „The Lighthouse“ ist so ein Film. Die Vorschuss-Lorbeeren aus Cannes waren enorm, der beste Film des Festivals angeblich (obwohl er gar nicht im Hauptprogramm lief, sondern in der Quinzaine des Réalisateurs, wo in Cannes oft die besten Filme laufen). Ein Wahnsinn von einem Film, schwarzweiß, nur zwei Männer im Bild, fast quadratisches Bildformat. Ein wahnsinnig toller Trailer. Und dann anstehen vor dem Saal – und der Kollege zwei Plätze vor Dir in der Schlange wird als letzter eingelassen. Saal voll – keine Chance. So ein Mist! Einen Tag später die nächste Chance, dieses Mal auf einer größeren Leinwand in der (ziemlich runtergerockten) Schauburg. Immerhin … Dieses Mal ist der Saal nur halbvoll – und abgesehen davon, dass die Kollegen den Film viel zu leise spielen: Was für ein Erlebnis!

Die Vorstellung von „The Lighthouse“ ist kein normaler Kinobesuch. Von der ersten Minute an zeichnet sich der Wahnsinn ab, die engen, harten Bilder, das Nebelhorn alle paar Minuten, der irre Blick von William Dafoe, die unergründliche Unterwürfigkeit von Robert Pattinson – und doch steigert sich der Film von Minute zu Minute, wird immer extremer. Gewalt ist kaum zu sehen, aber man leidet mit diesen beiden Männern, die Tag für Tag im Sturm, Glas für Glas und Flasche für Flasche Alkohol an ihrer Selbstzerstörung arbeiten. Eine Andeutung jagt die nächste, ein Ereignis folgt aufs nächste, zwei Schauspieler, von denen man Großes erwartet hat, liefern die Vorstellung ihres Lebens ab.

Manche fanden das zu extrem – und das ist mehr als verständlich. Auf „The Lighthouse“ muss man sich einlassen – und es gibt nicht viele Filme, die mit letztlich einfachen Mitteln ein so extrem beeindruckendes Ergebnis erreichen wie es Robert Eggers hier tut. Wäre der Film im Anschluss gleich noch mal gelaufen – ich wäre im Saal sitzen geblieben.

„The Lighthouse“ ist ab dem 28. November im Programm!
Die Kinokneipe wird Grog servieren.

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10. Oktober 2019


Fritzi – Eine Wendewundergeschichte

Filmtipp von Matthias (Casa-Theaterleiter)

30 Jahre ist die Friedliche Revolution des Herbst 1989 her – und 30 Jahre hat es gedauert, dass ein Film über die Ereignisse in der untergehenden DDR ins Kino kommt.

Es ist ein Familienfilm geworden, eine gezeichnete Geschichte über die Erlebnisse eines 11jährigen Mädchens in Leipzig, basierend auf dem Kinderbuch „Fritzi war dabei“ – und das ist wunderbar so. „Fritzi“ ist der perfekte Film, um an die Geschichte des Jahre 1989 zu erinnern, denn er macht alles richtig: Er erzählt zuerst die Geschichte einer Freundschaft zwischen Fritzi und ihrer Freundin Sophie, die gemeinsam mitten in Leipzig eine wunderbare Kindheit verbringen – und die jäh auseinandergerissen wird, als Sophie mit ihrer Familie nicht aus dem Ungarn-Urlaub zurückkehrt. Sophies Hund Sputnik bleibt bei Fritzi und Fritzis Versuche, Sputnik zu seiner Besitzerin zurückzubringen, bilden das Grundgerüst der Geschichte.

Der dramaturgische Kniff, die Geschichte des Großen im Kleinen zu erzählen, funktioniert – im Vorbeigehen erzählt die „Wendewundergeschichte“ vom Leben in der DDR, von einer glücklichen Kindheit, die stets unter dem Einfluss von ideologischer Bevormundung, Konformitätsdruck, Stasi-Spitzeleien und vielen anderen Einschränkungen stand. „Fritzi“ hat nicht zum Ziel, die Ereignisse der Revolution minutiös nachzuerzählen – der Film, der das tut, wird sicher noch gedreht werden. Aber es gelingt ihm etwas viel wertvolleres: Der Film behandelt letztlich die entscheidende Frage, die auch nach 30 Jahren im Raum steht: Wie gestaltete sich das Leben im frostigen Klima der untergehenden DDR? Warum gingen Menschen im Herbst 1989 in die Nikolaikirche und später dann auf die Straße? Warum wurden aus den 20, die sich 1983 bei den ersten Friedensgebeten getroffen hatten später 20.000 und am 9. Oktober 1989 dann 70.000? Was motivierte sie, angesichts der steten Angst vor Beeinträchtigungen oder Verhaftung, dennoch auf der Straße ihr Recht einzufordern? Wie gelang es, dass der übermächtige Überwachungsapparat letztlich machtlos war? Und wie konnte das alles friedlich, ohne einen einzigen Schuss vonstatten gehen?

Dass das funktioniert, und zwar sowohl für Kinder als auch für ein erwachsenes Publikum, ist eine Meisterleistung der Filmemacher/innen: Fritzi funktioniert einerseits als ein Film, mit dem sich Kinder identifizieren können, indem er die Eigenheiten des Lebens in der Diktatur und in der Revolution auf die Lebenswelt seiner 11jährigen Protagonistin herunterbricht. Er funktioniert aber auch als Geschichtsstunde für die Erwachsenen, indem er die Ereignisse über die wenigen Elemente der Revolution verortet, die es ins kollektive Gedächtnis geschafft haben.

Dass der Film nebenbei meisterhaft animiert ist und enorm detailliert und liebevoll das Leipzig des Jahres 1989 auf die Leinwand bringt, kommt dann noch dazu … – ein Triumph für das in Deutschland fast unbekannte Genre des ernsthaften Animationsfilms.

Ich durfte „Fritzi“ gemeinsam mit meiner 9jährigen Tochter bei der Weltpremiere am 7. Oktober in der Nikolaikirche sehen – ein einzigartiges Erlebnis an diesem einzigartigen Ort deutscher Geschichte. Vermutlich haben zeitgleich draußen die demonstriert, die das Motto der Revolution „Wir sind das Volk“ mit ihren rassistischen, rückwärtsgewandten Umtrieben in den Dreck ziehen. Auch der Film, der aufzeigt, wie die positive Energie der Revolution von 1989 so verpuffen konnte, muss wohl noch gemacht werden – bis dahin sollen alle „Fritzi“ sehen – sicher werden einige Lust bekommen, die Orte der Revolution zu besichtigen (am besten übrigens bei einer Stadtführung, die die „Runde Ecke“ jede Woche organisiert).

„Offen für alle“ seht seit 1983 auf dem berühmten Fahrradständer vor der Nikolaikirche – wie schön, dass dieser Satz 30 Jahre nach der Revolution seinen eigenen Film bekommt.

Alle Spielzeiten des Filmes finden sich hier. Wir organisieren jederzeit (auch wenn der Film nicht mehr im regulären Programm läuft) Sondervorführungen für Schulklassen und andere Gruppen!

Hier Impressionen von der Premiere in Leipzig:

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9. Oktober 2019


Systemsprenger

Filmtipp von Rainer (Casa-Programmgruppe)

Filmbild Systemsprenger

Zunächst einmal sollte eine naheliegende Frage geklärt werden: Was ist eigentlich ein „Systemsprenger“ ? Dieses Wort ist ein relativ neuer Fachjargon aus dem Bereich der Jugendämter und Jugendhilfeeinrichtungen (also Heime und Pflegestellen). Man versteht darunter schwer erziehbare Kinder und Jugendliche, die auf Grund ihres Verhaltens in diesen Einrichtungen nicht mehr tragbar sind und für die man andere pädagogische Maßnahmen (oder ein anderes Heim) suchen muss.

Der Film erzählt von dem 9jährigen Mädchen Benni , das sich so aggressiv und unberechenbar gebärdet, dass es keine Pflegefamilie oder Wohngruppe eines Heimes länger mit ihr aushält. Sie will nach Hause zu ihrer Mama, doch die ist überfordert und mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Benni bekommt eine neue Chance, als sich ein engagierter Erlebnispädagoge ihrer annimmt, doch kann sie diese auch nutzen können ?

Die Geschichte  mag nach einem drögen Sozialdrama im TV-Format klingen,  ist jedoch großes Kino mit starker emotionaler Wucht. Insbesondere Helena Zengel  spielt Bennie in ihrer Zerrissenheit zwischen massiven Wutausbrüchen und verletzlicher Liebesbedürftigkeit so grandios, das man bis zur letzten Filmminute dem Atem anhält. Dem scheidenden Berlinale-Direktor Dieter Kosslick gelang ein großer Coup, die Regie-Debütantin Nora Fingscheidt gleich in den Wettbewerb der diesjährigen Berlinale einzuladen. Ihr Film bekam dort nicht nur den renommierten Fritz-Bauer-Preis, sondern hat zwischenzeitlich auf mehreren Festivals diverse Preise abgeräumt. „Systemsprenger“ ist nicht nur gut recherchiert, sondern weiß auch eine Geschichte sensibel zu erzählen, die unter die Haut geht. Wer ihn bereits gesehen hat, kann nicht umhin, ihn weiter zu empfehlen. Zweifellos jetzt schon einer der bisher besten deutsche Film des Filmjahres 2019.

Alle Spielzeiten finden sich hier.
Wir veranstalten jederzeit gern Sondervorstellungen am Vor- oder Nachmittag!

28. September 2019


Cleo

Filmtipp von Rainer (Casa-Programmgruppe)

Im Sommer geht man meist nicht ins Kino, sondern in den Biergarten. Und wenn doch, dann muss es ein wirklich guter Film sein, der sich auch im Kino wie Sommer anfühlt. Wir haben ihn: „Cleo“ von Erik Schmitt ist ein wunderbar leichter und verspielter Film, wie man ihn seit „Oh boy“ nicht mehr im deutschen Kino zu sehen bekommen hat.

Die sympathische Marleen Lohse (unser Geheim-Tipp für den nächsten Deutschen Filmpreis) spielt eine junge Frau in Berlin, die unbedingt die Zeit zurückdrehen und den Tod ihrer Eltern „rückgängig“ machen möchte. Dazu bräuchte sie eine magische Uhr, die Teil eines Schatzes ist, den die legendären Bankräuber-Gebrüder Sass ausgerechnet unterhalb des Berliner Teufelsberg vergraben haben. Klingt wie ein Märchen, oder? Ist es auch. Und zwar ein höchst charmantes, das es mit seiner überquellenden Phantasie und zahllosen originellen visuellen Effekten (Marlene Dietrich, Albert Einstein und die Gebrüder Sass spielen nämlich auch mit) durchaus mit seiner französischen Filmschwester „Amelie“ aufnehmen kann.

Erik Schmitt, dessen witzige Kurzfilme schon im Casablanca zu sehen waren, ist ein Spielfilmdebüt gelungen, das unheimlich viel Spaß macht . Ein bisschen Tiefgang ist auch dabei, happy end inklusive. Solche luftigen Filme wünscht man sich – nicht nur im heißen Sommer.

3. August 2019


Stan & Ollie

Filmtipp von Fiona (Casa Programmgruppe)

„Comedy is a serious business“; „Die Komik ist ein ernstes Geschäft“.  Diese Idee – angeblich ursprünglich vom großen amerikanischen Humorist W.C. Fields formuliert – steckt hinter dem neuen biografischen Film Stan and Ollie von Jon S. Baird.

Stan and Ollie, Laurel and Hardy, Dick und Doof: wahrscheinlich das Bekannteste, wohl auch das erfolgreichste Comedy-Duo des Kinos.  Aber, wie so oft bei den interessanteren ‚Biopics‘, ist der Film deutlich weniger an der Blütezeit des Teams interessant, als vielmehr an den Durststrecken.  Obwohl wir kurz nach Hollywood der 1930er Jahre blicken, als die beiden an den Hal-Roach-Studios Meisterwerke wie Way Out West [Zwei ritten nach Texas] produzierte, ist der Hauptspielort Großbritannien der frühen 1950er Jahre, eine weitaus tristere und vermutlich deutlich kühlere Umgebung.  Grundlage der Erzählung ist die Tournee, die das in die Jahre gekommene, gesundheitlich angeschlagene Paar durch zweitklassige Theater in britischen Provinzstädten unternahm.

Dabei soll aber auf keinen Fall den Eindruck erwecket werden, dass der Film nicht komisch sei.  Im Gegenteil: er ist durch und durch vom humoristischen Geist seiner Inspiration geprägt.  Wir dürfen nicht nur einige Film- und Bühnengags vor und hinter den Kulissen miterleben, sondern die Einsätze im echten Leben.  Bei Laurel und Hardy floss die Komik so sehr durchs Blut, dass es anscheinend für die beiden oft keine Grenze mehr zwischen Auftritte und „real life“ gegeben hat.  Aber: wo hört der Mann auf, wo fängt das Komiker-Persona an?  Und was passiert mit jeder einzelnen Hälfte eines Double-Acts ohne sein Gegenüber?

Dass das echte Leben des Duos so glaubwürdig dargestellt wird ist der genialen Besetzung zu verdanken.  Es ist manchmal unheimlich, wie sehr Steve Coogan und John C. Reilly es schaffen, ihre Vorbilder zu verkörpern, nicht alleine in der Mimik und die Gestik, sondern vor allem in der Stimmung.  Ihre Ehefrauen, gespielt von Nina Arianda und Shirley Henderson, sind natürlich nicht so bekannt, aber ich möchte gerne glauben, dass die Originale den gleichen Witz und Mumm besaßen als ihre Nachahmungen.

Stan and Ollie gelingt es eine geniale Brücke zwischen Humor und Pathos zu schlagen und ich kann den Film nur wärmstens empfehlen – selbst für Menschen die Laurel und Hardy bisher nicht kannten.  Und wer zu dieser Gruppe gehört: what have you been doing with your life?  Comedy is a serious business!

4. Mai 2019


Der Fall Sarah und Saleem

Filmtipp von Black (Casa-Programmgruppe)

Mit „Der Fall Sarah & Saleem“ habe ich mit Sicherheit den ersten Film auf meiner persönlichen Top 10 Liste meiner Lieblingsfilme 2019.

Der palästinensische Filmemacher Muayad Alayan erzählt eine sehr menschliche Geschichte. Alle Beteiligten landen in einem moralischen Dilemma und sind gezwungen Entscheidungen zu treffen, mit extremen Auswirkungen auf das Eigene und das Leben anderer.

Die Israelin Sarah aus West-Jerusalem betreibt ein Cafe und hat ein Verhältnis mit ihrem Lieferanten Saleem, einem Palästinenser aus Ost-Jerusalem. Es ist eine reine sexuelle Beziehung, die regelmäßig im Lieferwagen vollzogen wird. Aber einmal begleitet Sarah, Saleem auf eine Ausfahrtour nach Bethlehem und das wird ihre „Normalität“ völlig verändern.

Ein harmloser Zwischenfall in einer Bar lässt die Situation eskalieren und ab da wird bewusst, dass Jerusalem keine normale Stadt ist. Ab jetzt wird alles politisch.

Alle vier Charakteren Sarah und ihr beim Militär arbeitender Ehemann und Saleem und seine schwangere Ehefrau werden nicht mehr in der Lage sein das Ganze zu regeln.

Die Rollen sind perfekt besetzt. Die Bilder und Szenarien wirken real. Es ist kein Hollywood-Kino, es ist eine intensiv erzählte Geschichte die einen mitnimmt und auch nach dem Kinobesuch noch beschäftigt.

„Der Fall Sarah & Saleem“ ist echtes, vielschichtiges Arthoueskino.

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25. März 2019


Vom Lokführer, der die Liebe suchte

Filmtipp von Rainer (Casa-Programmgruppe)

Sie sind der Meinung, dass heutzutage in den Filmen viel zu viel gequatscht wird und sind der ewigen Beziehungsdialoge rauf und runter leid ? Sie meinen, dass sich ein wirklich guter Film sich lieber auf seine ästhetischen Qualitäten besinnen sollte, auf seine Bild- und Zeichensprache, auf Musik und Ton? Sie möchten mal wieder einen deutschen Film sehen, der sich darauf besinnt ?

Dann sind Sie bei Veit Helmer richtig. Der verdient mal wirklich den Namen Ausnahme-Regisseur, denn bei seinen Filmen steht nicht die eigentliche Geschichte im Vordergrund, sondern deren visuelle Umsetzung – und die geht auch völlig ohne Dialoge ! Das hat Veit Helmer bereits bei seinem hochgelobten Debutfilm „Tuvalu“ bewiesen, für den er vor einigen Jahren den bayerischen Filmpreis für Regie und den Publikumspreis beim Max-Ophüls-Festival bekam. Der Film war durchaus ein Wagnis, denn Kino-Zuschauer sind es nun mal  nicht gewöhnt, dass nur über Mimik und Körpersprache kommuniziert wird. Aber wer ihn gesehen hat, wird ihn in Erinnerung behalten.

Und freut sich nun auf den „Lokführer“, in dem gerade mal zwei Worte gesprochen werden. Mehr ist auch nicht nötig, um diese Geschichte zu verstehen. Sie spielt in einem Randbezirk von Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Ein alternder Lokführer, der tagein, tagaus auf einer Kleinspurbahn durch enge Wohnsiedlungen unterwegs ist, steht im Mittelpunkt. Der findet eines Tages einen auf seiner Wegstrecke liegenden BH, der offenbar von einer kurzfristig abgehängten Wäscheleine gefallen ist. Der Film erzählt davon, dass er den er seiner rechtmäßigen Besitzerin zurück geben will. Kein Wunder, dass bei dieser Geschichte ein paar Komplikationen vorprogrammiert sind.  Aber der Film wird nie schlüpfrig, hält sich auch in „pikanten“ Situationen diskret zurück.

Helmers Filmkunst besteht darin, durch das Spiel seiner Darsteller, durch Geräusche und Musik dem Film so viel Leben einzuhauchen, dass der Zuschauer nach einiger Zeit gar nicht mehr merkt, dass ihm etwas fehlen könnte (nämlich die Dialoge). Und diese Leistung ist nicht hoch genug einzuschätzen, denn in einer Zeit, in der insbesondere amerikanische Mainstreamfilme mit hohen Schnittfrequenzen um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlen, ist dieser Film ein „altmodisches“ Unikat. Er entfaltet seine Poesie quasi nebenbei, lässt den Zuschauer Zeit und Ruhe, das etwas verschroben wirkende  Figurenarsenal kennen zu lernen, bietet leisen Situations-Witz statt vordergründiger Schenkelklopfer.

Sie glauben, dass der deutsche Film nicht innovativ sein kann ? Lassen Sie sich eines besseren belehren…

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9. März 2019


Hi, A.I.

Filmtipp von Rainer (Casa-Programmgruppe)

Künstliche Intelligenz ist derzeit eines der spannendsten Themen unserer Zeit. Wenn es nach der Industrie geht, sollen künftig  selbst fahrende Autos und digital vernetzte Haushalte so selbstverständlich sein wie heute smartphones. Aktuell schon verbreitet ist die technische Hilfskraft „Alexa“, die Sprachbefehle umsetzt und dabei menschliche Handgriffe bei entsprechend vernetzten Geräten ersetzt. Aber die technische Entwicklung geht viel weiter. Künftig sollen Roboter nicht mehr technische „Handlanger“ der menschlichen Spezies sein, sondern deren – Gesprächspartner.

Und was uns die Regisseurin Isa Willinger in ihrem Dokumentarfilm hier an Beispielen zeigt, lässt den Science-Fiction-Film „Her“, der eine Liebesbeziehung zwischen einem Menschen und einem künstlichen Wesen schildert, als gar nicht mehr so abwegig erscheinen. Dazu passt eine kürzliche Meldung aus Japan, wo ein Mann bei einer feierlichen Zeremonie tatsächlich ein digitales Wesen „geheiratet“ hat. Wie uns „Hi, A.I.“ zeigt, sind gerade in Japan kleine Roboter keineswegs exotisch. Sie werden in durchaus beachtlichen Mengen preiswert hergestellt und wie z.B. im Film dazu eingesetzt, älteren vereinsamten Menschen als Kommunikationsmedium zu dienen. Man sieht in ihnen tatsächlich „Familienmitglieder“ und behandelt sie wie ein zum Haushalt gehörendes Kind.

In USA geht man noch einige Schritte weiter und hat menschenähnlich aussehende Androiden entwickelt, mit denen man sich auf hohen kulturellen Niveau unterhalten und auf Reisen gehen kann. Eine ganze Woche ist im Film ein einzelgängerischer Amerikaner mit seiner sexy gestylten Roboterpuppe unterwegs – und keiner der Passanten, den er begegnet, scheint sich daran zu stören.

Im Gegenteil: „Harmony“ ist für ihn die perfekte Partnerin, mit der er auch schwierige biografische Erlebnisse „besprechen“ kann – und die ihn „versteht“. Sie ist nämlich so programmiert, dass sie „empathisch“ auf geäußerte Gefühle und verändertes Sprechverhalten des Gegenübers reagieren kann. Sie kann mit ihm darüber reflektieren, dass er ein Mensch ist und sie „nur“ ein künstlich geschaffenes Wesen. Betrachtet man die Empathie-“Fähigkeit“ mancher Mitmenschen, ist sie einigen von ihnen in manchen Dingen allerdings durchaus voraus…

„Hi, A. I.“ nimmt uns mit auf eine Reise in die Welt von morgen. Eine Welt, in der vielleicht nicht nur Pflege-Roboter zum Standard gehören, sondern auch Roboter-“Menschen“, mit denen wir kommunizieren, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. „Hi, A.I.“ erzählt davon sehr sensibel und ohne wertenden Kommentar. Er hat nicht nur den diesjährigen Dokumentarfilmpreis beim Max-Ophüls- Festival bekommen und wurde in dieser Sparte für den deutschen Filmpreis nominiert, er gehört für mich schon jetzt zu den herausragenden Doku-Filmen dieses Jahres.

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Leave No Trace

Filmtipp von Fiona, Casablanca-Programmgruppe

Szenenbild

Bei der Veröffentlichung in Deutschland im September 2018 ging Leave No Trace leider etwas unter.  Dabei haben mehrere Kritiker den Film inzwischen zu ihren Favoriten des Jahres gekürt, wie der Brite Mark Kermode: „…ein Werk von überwältigender, unauffälliger Stärke, das mir einfach den Atem beraubt hat…. Ein makelloser, zutiefst ergreifender Film“.

Winter’s Bone, der vorherige Film der Regisseurin Debra Granik, sorgte 2011 für viel Aufmerksamkeit, bekam Oscar-Nominierungen, und machte die Schauspielerin Jennifer Lawrence zum Star.  Angesichts des Milieus des Films, der zurückhaltenden Darstellung und die Thematisierung von Problemen der amerikanischen Unterschicht wäre dies vielleicht überraschend, wenn nicht die Qualität der schauspielerischen Leistung und des Filmemachers so überragend gewesen wären.

Ähnlich bei Leave No Trace.  Der neue Film erzählt die Geschichte eines Kriegsveterans und seiner Tochter, die sich eine Existenz am Rande der amerikanischen Gesellschaft erkämpft haben – und was passiert, wenn dieses Leben bedroht wird.  Wie Winter’s Bone macht auch dieser Film eine junge Frau zum Star: Thomasin Harcourt-McKenzie, die Tochter Tom spielt, wurde bereits mehrfach für ihre Rolle ausgezeichnet.  Der „starke, großartige“ Ben Foster verkörpert Vater Will.

Wir freuen uns, einen der besten Filme des Jahres 2018 noch kurz vor Schluss ins Casablanca zu holen.

Alle weiteren Infos und Spielzeiten hier!

22. Dezember 2018


Sandstern

Filmtipp von Lisa Koch, Mit-Organisatorin von „Psychoanalyse und Film“

Im Film Sandstern von Yilmaz Arslan werden wir in die Erlebniswelt eines 12jährigen Jungen geführt, der von der türkischen Mittelmeerküste in eine deutsche Kleinstadt kommt. Er muss seine geliebte Großmutter und die Umgebung seiner Kindheit verlassen und wird hinein geworfen in eine fremde Welt mit ihm unvertrauten, wenig empathischen Eltern. Er kann sich in der fremden Sprache nicht verständigen und fühlt von anderen Kindern ausgeschlossen und isoliert. In berührenden Bildern, mit wenigen Worten bringt uns der Regisseur die vielfältigen Gefühle des jungen Helden nahe, ohne sich in melodramatischer Stimmung zu verlieren. Eingeleitet und immer wieder durchsetzt von märchenhaften Erzählelementen bekommen die schicksalshaft traurigen Momente wie auch überraschend fröhliche Begegnungen in Oktays Leben umso mehr Realität. Arslan zeigt uns mit seinem Film, dass Mut und Kraft auf Menschlichkeit und Verständnis treffen können und sich damit neue Wege eröffnen. Ein optimistischer Film, auch zum Thema coming of age. Sehr sehenswert.

Der Film ist aktuell in unserem Programm. Alle Spielzeiten und weitere Infos hier!

1. Dezember 2018


Wackersdorf

Filmtipp von Matthias (Theaterleiter)

Zugegeben: Es fiele mir schwer, über ‚Wackersdorf‘ Negatives zu schreiben. Der Regisseur Oliver Haffner und der Produzent Ingo Fliess sind alte Freunde des Casa – Olivers erster Spielfilm „Mein Leben im Off“ lief 2010 bei uns, und er war einer der ersten Gäste überhaupt, die wir bei uns begrüßen konnten. Wir haben auch seinen zweiten Film ‚Ein Geschenk der Götter“ gespielt und sofort alles in Bewegung gesetzt, um ‚Wackersdorf‘ ins Casa zu holen.

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17. September 2018


Don’t Worry – He Won’t Get Far on Foot

Filmtipp von Tobias (Casa-Kneipe)

DON'T WORRY HE WON'T GET FAR ON FOOT

‚Ist doch eh alles scheisse … Ich schaff das nicht …‘
Wen solche Gedanken auch manchmal quälen, dem könnte man diesen Film als Linderung verschreiben. Im Grunde ist es eine schon hundertmal erzählte Geschichte von Menschen die es zusammen mit anderen Menschen aus dem Dreck schaffen. Warum sich das Ganze also zum hundert-und-ersten-mal reinziehen?
Weil’s schön ist und Dreck im eigenen Leben ja auch zum hundert-und-zweiten-mal wieder kommen wird!

Aktuell im Programm!

15. September 2018


Alles ist gut

Filmtipp von Rainer (Casa-Programmgruppe)

„Alles ist gut“ lief als Debütfilm in der deutschen Reihe auf dem Filmfest München.

Auch auf einem Filmfestival sieht man selten Filme, die einem wirklich nahe gehen, mit denen man sich noch emotional beschäftigt, wenn man das Kino verlassen hat. „Alles wird gut“ hat für mich unter den deutschen Filmen mit Abstand den stärksten Eindruck hinterlassen.

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Utøya 22. Juli

Filmtipp von Matthias (Theaterleiter)

Es gibt Filme, denen man mit einer gewissen Distanz begegnet. Das Massaker von Utøya als Spielfilm? Nachgespielte Szenen so eines Ereignis? Bringt das Erkenntnisgewinn? Ist das nur ein Gewalt-Porno? Auch im Casa-Team wurden diese Fragen diskutiert.

Ich habe den Film in der Weltpremiere auf der Berlinale gesehen. Er hat mich ab der ersten Sekunde nicht losgelassen und wirkt bis heute nach – etwas, was gerade im turbulenten Festival-Betrieb nur ganz selten ein Film schafft. Er ist technisch brillant, extrem gut gespielt. Er schafft es, das Gefühl zu erzeugen, dabei zu sein bei diesen Jugendlichen, die die schlimmsten 80 Minuten ihres Lebens durchleiden mussten.

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BlacKkKlansman

Filmtipp von Tobias (Casa-Kneipe)

Der Film zeigt, dass man ernste Themen durchaus auch humorvoll erzählen kann:
Lustig aber kein Klamauk, ernst aber trotzdem unterhaltend.
Dazu noch ein toller Plot! Einfach klasse!

Der Film ist aktuell in unserem Programm!




Styx

Filmtipp von Rainer (Casa-Programmgruppe)

„Styx“ ist noch einmal am 9. Dezember in der CasaMatinée zu sehen – in Anwesenheit des Regisseurs Wolfgang Fischer, der für den Film den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis erhält!

Das seit mehreren Jahren kontrovers diskutierte Problem der Asylgewährung in einem spannenden und berührenden Spielfilm verarbeiten – das geht nicht, oder? Während man im deutschen Kino sich hierzu politisch offenbar nicht  zu positionieren wagt, hat der österreichische Regisseur Wolfgang Fischer bei diesem Thema keine Berührungsängste. Und er lässt seine Geschichte erst einmal mit Mitteln des perfekt inszenierten Spannungskinos beginnen, bevor sich seinem eigentlichen Thema zuwendet: Eine nach Erholung strebende Ärztin gerät während ihres alleine organisierten Segeltörns im südlichen Spanien in einem schweren Sturm.

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30. Juli 2018