Filmtipp

The Lighthouse

Filmtipp von Matthias (Casa-Theaterleiter)

Filmbild The Lighthouse

Filmkunstemesse Leipzig – jeden Tag laufen von morgens bis abends Filme, manche davon muss man sehen, weil man sie nicht einschätzen kann, manche sieht man einfach, weil sie gerade ins Programm passen und zwei, drei Filme gibts in der Woche, die man unter allen Umständen sehen muss. „The Lighthouse“ ist so ein Film. Die Vorschuss-Lorbeeren aus Cannes waren enorm, der beste Film des Festivals angeblich (obwohl er gar nicht im Hauptprogramm lief, sondern in der Quinzaine des Réalisateurs, wo in Cannes oft die besten Filme laufen). Ein Wahnsinn von einem Film, schwarzweiß, nur zwei Männer im Bild, fast quadratisches Bildformat. Ein wahnsinnig toller Trailer. Und dann anstehen vor dem Saal – und der Kollege zwei Plätze vor Dir in der Schlange wird als letzter eingelassen. Saal voll – keine Chance. So ein Mist! Einen Tag später die nächste Chance, dieses Mal auf einer größeren Leinwand in der (ziemlich runtergerockten) Schauburg. Immerhin … Dieses Mal ist der Saal nur halbvoll – und abgesehen davon, dass die Kollegen den Film viel zu leise spielen: Was für ein Erlebnis!

Die Vorstellung von „The Lighthouse“ ist kein normaler Kinobesuch. Von der ersten Minute an zeichnet sich der Wahnsinn ab, die engen, harten Bilder, das Nebelhorn alle paar Minuten, der irre Blick von William Dafoe, die unergründliche Unterwürfigkeit von Robert Pattinson – und doch steigert sich der Film von Minute zu Minute, wird immer extremer. Gewalt ist kaum zu sehen, aber man leidet mit diesen beiden Männern, die Tag für Tag im Sturm, Glas für Glas und Flasche für Flasche Alkohol an ihrer Selbstzerstörung arbeiten. Eine Andeutung jagt die nächste, ein Ereignis folgt aufs nächste, zwei Schauspieler, von denen man Großes erwartet hat, liefern die Vorstellung ihres Lebens ab.

Manche fanden das zu extrem – und das ist mehr als verständlich. Auf „The Lighthouse“ muss man sich einlassen – und es gibt nicht viele Filme, die mit letztlich einfachen Mitteln ein so extrem beeindruckendes Ergebnis erreichen wie es Robert Eggers hier tut. Wäre der Film im Anschluss gleich noch mal gelaufen – ich wäre im Saal sitzen geblieben.

„The Lighthouse“ ist ab dem 28. November im Programm!
Die Kinokneipe wird Grog servieren.

Fritzi – Eine Wendewundergeschichte

Filmtipp von Matthias (Casa-Theaterleiter)

30 Jahre ist die Friedliche Revolution des Herbst 1989 her – und 30 Jahre hat es gedauert, dass ein Film über die Ereignisse in der untergehenden DDR ins Kino kommt.

Es ist ein Familienfilm geworden, eine gezeichnete Geschichte über die Erlebnisse eines 11jährigen Mädchens in Leipzig, basierend auf dem Kinderbuch „Fritzi war dabei“ – und das ist wunderbar so. „Fritzi“ ist der perfekte Film, um an die Geschichte des Jahre 1989 zu erinnern, denn er macht alles richtig: Er erzählt zuerst die Geschichte einer Freundschaft zwischen Fritzi und ihrer Freundin Sophie, die gemeinsam mitten in Leipzig eine wunderbare Kindheit verbringen – und die jäh auseinandergerissen wird, als Sophie mit ihrer Familie nicht aus dem Ungarn-Urlaub zurückkehrt. Sophies Hund Sputnik bleibt bei Fritzi und Fritzis Versuche, Sputnik zu seiner Besitzerin zurückzubringen, bilden das Grundgerüst der Geschichte.

Der dramaturgische Kniff, die Geschichte des Großen im Kleinen zu erzählen, funktioniert – im Vorbeigehen erzählt die „Wendewundergeschichte“ vom Leben in der DDR, von einer glücklichen Kindheit, die stets unter dem Einfluss von ideologischer Bevormundung, Konformitätsdruck, Stasi-Spitzeleien und vielen anderen Einschränkungen stand. „Fritzi“ hat nicht zum Ziel, die Ereignisse der Revolution minutiös nachzuerzählen – der Film, der das tut, wird sicher noch gedreht werden. Aber es gelingt ihm etwas viel wertvolleres: Der Film behandelt letztlich die entscheidende Frage, die auch nach 30 Jahren im Raum steht: Wie gestaltete sich das Leben im frostigen Klima der untergehenden DDR? Warum gingen Menschen im Herbst 1989 in die Nikolaikirche und später dann auf die Straße? Warum wurden aus den 20, die sich 1983 bei den ersten Friedensgebeten getroffen hatten später 20.000 und am 9. Oktober 1989 dann 70.000? Was motivierte sie, angesichts der steten Angst vor Beeinträchtigungen oder Verhaftung, dennoch auf der Straße ihr Recht einzufordern? Wie gelang es, dass der übermächtige Überwachungsapparat letztlich machtlos war? Und wie konnte das alles friedlich, ohne einen einzigen Schuss vonstatten gehen?

Dass das funktioniert, und zwar sowohl für Kinder als auch für ein erwachsenes Publikum, ist eine Meisterleistung der Filmemacher/innen: Fritzi funktioniert einerseits als ein Film, mit dem sich Kinder identifizieren können, indem er die Eigenheiten des Lebens in der Diktatur und in der Revolution auf die Lebenswelt seiner 11jährigen Protagonistin herunterbricht. Er funktioniert aber auch als Geschichtsstunde für die Erwachsenen, indem er die Ereignisse über die wenigen Elemente der Revolution verortet, die es ins kollektive Gedächtnis geschafft haben.

Dass der Film nebenbei meisterhaft animiert ist und enorm detailliert und liebevoll das Leipzig des Jahres 1989 auf die Leinwand bringt, kommt dann noch dazu … – ein Triumph für das in Deutschland fast unbekannte Genre des ernsthaften Animationsfilms.

Ich durfte „Fritzi“ gemeinsam mit meiner 9jährigen Tochter bei der Weltpremiere am 7. Oktober in der Nikolaikirche sehen – ein einzigartiges Erlebnis an diesem einzigartigen Ort deutscher Geschichte. Vermutlich haben zeitgleich draußen die demonstriert, die das Motto der Revolution „Wir sind das Volk“ mit ihren rassistischen, rückwärtsgewandten Umtrieben in den Dreck ziehen. Auch der Film, der aufzeigt, wie die positive Energie der Revolution von 1989 so verpuffen konnte, muss wohl noch gemacht werden – bis dahin sollen alle „Fritzi“ sehen – sicher werden einige Lust bekommen, die Orte der Revolution zu besichtigen (am besten übrigens bei einer Stadtführung, die die „Runde Ecke“ jede Woche organisiert).

„Offen für alle“ seht seit 1983 auf dem berühmten Fahrradständer vor der Nikolaikirche – wie schön, dass dieser Satz 30 Jahre nach der Revolution seinen eigenen Film bekommt.

Alle Spielzeiten des Filmes finden sich hier. Wir organisieren jederzeit (auch wenn der Film nicht mehr im regulären Programm läuft) Sondervorführungen für Schulklassen und andere Gruppen!

Hier Impressionen von der Premiere in Leipzig:

Systemsprenger

Filmtipp von Rainer (Casa-Programmgruppe)

Filmbild Systemsprenger

Zunächst einmal sollte eine naheliegende Frage geklärt werden: Was ist eigentlich ein „Systemsprenger“ ? Dieses Wort ist ein relativ neuer Fachjargon aus dem Bereich der Jugendämter und Jugendhilfeeinrichtungen (also Heime und Pflegestellen). Man versteht darunter schwer erziehbare Kinder und Jugendliche, die auf Grund ihres Verhaltens in diesen Einrichtungen nicht mehr tragbar sind und für die man andere pädagogische Maßnahmen (oder ein anderes Heim) suchen muss.

Der Film erzählt von dem 9jährigen Mädchen Benni , das sich so aggressiv und unberechenbar gebärdet, dass es keine Pflegefamilie oder Wohngruppe eines Heimes länger mit ihr aushält. Sie will nach Hause zu ihrer Mama, doch die ist überfordert und mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Benni bekommt eine neue Chance, als sich ein engagierter Erlebnispädagoge ihrer annimmt, doch kann sie diese auch nutzen können ?

Die Geschichte  mag nach einem drögen Sozialdrama im TV-Format klingen,  ist jedoch großes Kino mit starker emotionaler Wucht. Insbesondere Helena Zengel  spielt Bennie in ihrer Zerrissenheit zwischen massiven Wutausbrüchen und verletzlicher Liebesbedürftigkeit so grandios, das man bis zur letzten Filmminute dem Atem anhält. Dem scheidenden Berlinale-Direktor Dieter Kosslick gelang ein großer Coup, die Regie-Debütantin Nora Fingscheidt gleich in den Wettbewerb der diesjährigen Berlinale einzuladen. Ihr Film bekam dort nicht nur den renommierten Fritz-Bauer-Preis, sondern hat zwischenzeitlich auf mehreren Festivals diverse Preise abgeräumt. „Systemsprenger“ ist nicht nur gut recherchiert, sondern weiß auch eine Geschichte sensibel zu erzählen, die unter die Haut geht. Wer ihn bereits gesehen hat, kann nicht umhin, ihn weiter zu empfehlen. Zweifellos jetzt schon einer der bisher besten deutsche Film des Filmjahres 2019.

Alle Spielzeiten finden sich hier.
Wir veranstalten jederzeit gern Sondervorstellungen am Vor- oder Nachmittag!

Cleo

Filmtipp von Rainer (Casa-Programmgruppe)

Im Sommer geht man meist nicht ins Kino, sondern in den Biergarten. Und wenn doch, dann muss es ein wirklich guter Film sein, der sich auch im Kino wie Sommer anfühlt. Wir haben ihn: „Cleo“ von Erik Schmitt ist ein wunderbar leichter und verspielter Film, wie man ihn seit „Oh boy“ nicht mehr im deutschen Kino zu sehen bekommen hat.

Die sympathische Marleen Lohse (unser Geheim-Tipp für den nächsten Deutschen Filmpreis) spielt eine junge Frau in Berlin, die unbedingt die Zeit zurückdrehen und den Tod ihrer Eltern „rückgängig“ machen möchte. Dazu bräuchte sie eine magische Uhr, die Teil eines Schatzes ist, den die legendären Bankräuber-Gebrüder Sass ausgerechnet unterhalb des Berliner Teufelsberg vergraben haben. Klingt wie ein Märchen, oder? Ist es auch. Und zwar ein höchst charmantes, das es mit seiner überquellenden Phantasie und zahllosen originellen visuellen Effekten (Marlene Dietrich, Albert Einstein und die Gebrüder Sass spielen nämlich auch mit) durchaus mit seiner französischen Filmschwester „Amelie“ aufnehmen kann.

Erik Schmitt, dessen witzige Kurzfilme schon im Casablanca zu sehen waren, ist ein Spielfilmdebüt gelungen, das unheimlich viel Spaß macht . Ein bisschen Tiefgang ist auch dabei, happy end inklusive. Solche luftigen Filme wünscht man sich – nicht nur im heißen Sommer.

Stan & Ollie

Filmtipp von Fiona (Casa Programmgruppe)

„Comedy is a serious business“; „Die Komik ist ein ernstes Geschäft“.  Diese Idee – angeblich ursprünglich vom großen amerikanischen Humorist W.C. Fields formuliert – steckt hinter dem neuen biografischen Film Stan and Ollie von Jon S. Baird.

Stan and Ollie, Laurel and Hardy, Dick und Doof: wahrscheinlich das Bekannteste, wohl auch das erfolgreichste Comedy-Duo des Kinos.  Aber, wie so oft bei den interessanteren ‚Biopics‘, ist der Film deutlich weniger an der Blütezeit des Teams interessant, als vielmehr an den Durststrecken.  Obwohl wir kurz nach Hollywood der 1930er Jahre blicken, als die beiden an den Hal-Roach-Studios Meisterwerke wie Way Out West [Zwei ritten nach Texas] produzierte, ist der Hauptspielort Großbritannien der frühen 1950er Jahre, eine weitaus tristere und vermutlich deutlich kühlere Umgebung.  Grundlage der Erzählung ist die Tournee, die das in die Jahre gekommene, gesundheitlich angeschlagene Paar durch zweitklassige Theater in britischen Provinzstädten unternahm.

Dabei soll aber auf keinen Fall den Eindruck erwecket werden, dass der Film nicht komisch sei.  Im Gegenteil: er ist durch und durch vom humoristischen Geist seiner Inspiration geprägt.  Wir dürfen nicht nur einige Film- und Bühnengags vor und hinter den Kulissen miterleben, sondern die Einsätze im echten Leben.  Bei Laurel und Hardy floss die Komik so sehr durchs Blut, dass es anscheinend für die beiden oft keine Grenze mehr zwischen Auftritte und „real life“ gegeben hat.  Aber: wo hört der Mann auf, wo fängt das Komiker-Persona an?  Und was passiert mit jeder einzelnen Hälfte eines Double-Acts ohne sein Gegenüber?

Dass das echte Leben des Duos so glaubwürdig dargestellt wird ist der genialen Besetzung zu verdanken.  Es ist manchmal unheimlich, wie sehr Steve Coogan und John C. Reilly es schaffen, ihre Vorbilder zu verkörpern, nicht alleine in der Mimik und die Gestik, sondern vor allem in der Stimmung.  Ihre Ehefrauen, gespielt von Nina Arianda und Shirley Henderson, sind natürlich nicht so bekannt, aber ich möchte gerne glauben, dass die Originale den gleichen Witz und Mumm besaßen als ihre Nachahmungen.

Stan and Ollie gelingt es eine geniale Brücke zwischen Humor und Pathos zu schlagen und ich kann den Film nur wärmstens empfehlen – selbst für Menschen die Laurel und Hardy bisher nicht kannten.  Und wer zu dieser Gruppe gehört: what have you been doing with your life?  Comedy is a serious business!

Der Fall Sarah und Saleem

Filmtipp von Black (Casa-Programmgruppe)

Mit „Der Fall Sarah & Saleem“ habe ich mit Sicherheit den ersten Film auf meiner persönlichen Top 10 Liste meiner Lieblingsfilme 2019.

Der palästinensische Filmemacher Muayad Alayan erzählt eine sehr menschliche Geschichte. Alle Beteiligten landen in einem moralischen Dilemma und sind gezwungen Entscheidungen zu treffen, mit extremen Auswirkungen auf das Eigene und das Leben anderer.

Die Israelin Sarah aus West-Jerusalem betreibt ein Cafe und hat ein Verhältnis mit ihrem Lieferanten Saleem, einem Palästinenser aus Ost-Jerusalem. Es ist eine reine sexuelle Beziehung, die regelmäßig im Lieferwagen vollzogen wird. Aber einmal begleitet Sarah, Saleem auf eine Ausfahrtour nach Bethlehem und das wird ihre „Normalität“ völlig verändern.

Ein harmloser Zwischenfall in einer Bar lässt die Situation eskalieren und ab da wird bewusst, dass Jerusalem keine normale Stadt ist. Ab jetzt wird alles politisch.

Alle vier Charakteren Sarah und ihr beim Militär arbeitender Ehemann und Saleem und seine schwangere Ehefrau werden nicht mehr in der Lage sein das Ganze zu regeln.

Die Rollen sind perfekt besetzt. Die Bilder und Szenarien wirken real. Es ist kein Hollywood-Kino, es ist eine intensiv erzählte Geschichte die einen mitnimmt und auch nach dem Kinobesuch noch beschäftigt.

„Der Fall Sarah & Saleem“ ist echtes, vielschichtiges Arthoueskino.

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Vom Lokführer, der die Liebe suchte

Filmtipp von Rainer (Casa-Programmgruppe)

Sie sind der Meinung, dass heutzutage in den Filmen viel zu viel gequatscht wird und sind der ewigen Beziehungsdialoge rauf und runter leid ? Sie meinen, dass sich ein wirklich guter Film sich lieber auf seine ästhetischen Qualitäten besinnen sollte, auf seine Bild- und Zeichensprache, auf Musik und Ton? Sie möchten mal wieder einen deutschen Film sehen, der sich darauf besinnt ?

Dann sind Sie bei Veit Helmer richtig. Der verdient mal wirklich den Namen Ausnahme-Regisseur, denn bei seinen Filmen steht nicht die eigentliche Geschichte im Vordergrund, sondern deren visuelle Umsetzung – und die geht auch völlig ohne Dialoge ! Das hat Veit Helmer bereits bei seinem hochgelobten Debutfilm „Tuvalu“ bewiesen, für den er vor einigen Jahren den bayerischen Filmpreis für Regie und den Publikumspreis beim Max-Ophüls-Festival bekam. Der Film war durchaus ein Wagnis, denn Kino-Zuschauer sind es nun mal  nicht gewöhnt, dass nur über Mimik und Körpersprache kommuniziert wird. Aber wer ihn gesehen hat, wird ihn in Erinnerung behalten.

Und freut sich nun auf den „Lokführer“, in dem gerade mal zwei Worte gesprochen werden. Mehr ist auch nicht nötig, um diese Geschichte zu verstehen. Sie spielt in einem Randbezirk von Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Ein alternder Lokführer, der tagein, tagaus auf einer Kleinspurbahn durch enge Wohnsiedlungen unterwegs ist, steht im Mittelpunkt. Der findet eines Tages einen auf seiner Wegstrecke liegenden BH, der offenbar von einer kurzfristig abgehängten Wäscheleine gefallen ist. Der Film erzählt davon, dass er den er seiner rechtmäßigen Besitzerin zurück geben will. Kein Wunder, dass bei dieser Geschichte ein paar Komplikationen vorprogrammiert sind.  Aber der Film wird nie schlüpfrig, hält sich auch in „pikanten“ Situationen diskret zurück.

Helmers Filmkunst besteht darin, durch das Spiel seiner Darsteller, durch Geräusche und Musik dem Film so viel Leben einzuhauchen, dass der Zuschauer nach einiger Zeit gar nicht mehr merkt, dass ihm etwas fehlen könnte (nämlich die Dialoge). Und diese Leistung ist nicht hoch genug einzuschätzen, denn in einer Zeit, in der insbesondere amerikanische Mainstreamfilme mit hohen Schnittfrequenzen um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlen, ist dieser Film ein „altmodisches“ Unikat. Er entfaltet seine Poesie quasi nebenbei, lässt den Zuschauer Zeit und Ruhe, das etwas verschroben wirkende  Figurenarsenal kennen zu lernen, bietet leisen Situations-Witz statt vordergründiger Schenkelklopfer.

Sie glauben, dass der deutsche Film nicht innovativ sein kann ? Lassen Sie sich eines besseren belehren…

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Hi, A.I.

Filmtipp von Rainer (Casa-Programmgruppe)

Künstliche Intelligenz ist derzeit eines der spannendsten Themen unserer Zeit. Wenn es nach der Industrie geht, sollen künftig  selbst fahrende Autos und digital vernetzte Haushalte so selbstverständlich sein wie heute smartphones. Aktuell schon verbreitet ist die technische Hilfskraft „Alexa“, die Sprachbefehle umsetzt und dabei menschliche Handgriffe bei entsprechend vernetzten Geräten ersetzt. Aber die technische Entwicklung geht viel weiter. Künftig sollen Roboter nicht mehr technische „Handlanger“ der menschlichen Spezies sein, sondern deren – Gesprächspartner.

Und was uns die Regisseurin Isa Willinger in ihrem Dokumentarfilm hier an Beispielen zeigt, lässt den Science-Fiction-Film „Her“, der eine Liebesbeziehung zwischen einem Menschen und einem künstlichen Wesen schildert, als gar nicht mehr so abwegig erscheinen. Dazu passt eine kürzliche Meldung aus Japan, wo ein Mann bei einer feierlichen Zeremonie tatsächlich ein digitales Wesen „geheiratet“ hat. Wie uns „Hi, A.I.“ zeigt, sind gerade in Japan kleine Roboter keineswegs exotisch. Sie werden in durchaus beachtlichen Mengen preiswert hergestellt und wie z.B. im Film dazu eingesetzt, älteren vereinsamten Menschen als Kommunikationsmedium zu dienen. Man sieht in ihnen tatsächlich „Familienmitglieder“ und behandelt sie wie ein zum Haushalt gehörendes Kind.

In USA geht man noch einige Schritte weiter und hat menschenähnlich aussehende Androiden entwickelt, mit denen man sich auf hohen kulturellen Niveau unterhalten und auf Reisen gehen kann. Eine ganze Woche ist im Film ein einzelgängerischer Amerikaner mit seiner sexy gestylten Roboterpuppe unterwegs – und keiner der Passanten, den er begegnet, scheint sich daran zu stören.

Im Gegenteil: „Harmony“ ist für ihn die perfekte Partnerin, mit der er auch schwierige biografische Erlebnisse „besprechen“ kann – und die ihn „versteht“. Sie ist nämlich so programmiert, dass sie „empathisch“ auf geäußerte Gefühle und verändertes Sprechverhalten des Gegenübers reagieren kann. Sie kann mit ihm darüber reflektieren, dass er ein Mensch ist und sie „nur“ ein künstlich geschaffenes Wesen. Betrachtet man die Empathie-“Fähigkeit“ mancher Mitmenschen, ist sie einigen von ihnen in manchen Dingen allerdings durchaus voraus…

„Hi, A. I.“ nimmt uns mit auf eine Reise in die Welt von morgen. Eine Welt, in der vielleicht nicht nur Pflege-Roboter zum Standard gehören, sondern auch Roboter-“Menschen“, mit denen wir kommunizieren, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. „Hi, A.I.“ erzählt davon sehr sensibel und ohne wertenden Kommentar. Er hat nicht nur den diesjährigen Dokumentarfilmpreis beim Max-Ophüls- Festival bekommen und wurde in dieser Sparte für den deutschen Filmpreis nominiert, er gehört für mich schon jetzt zu den herausragenden Doku-Filmen dieses Jahres.

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Leave No Trace

Filmtipp von Fiona, Casablanca-Programmgruppe

Szenenbild

Bei der Veröffentlichung in Deutschland im September 2018 ging Leave No Trace leider etwas unter.  Dabei haben mehrere Kritiker den Film inzwischen zu ihren Favoriten des Jahres gekürt, wie der Brite Mark Kermode: „…ein Werk von überwältigender, unauffälliger Stärke, das mir einfach den Atem beraubt hat…. Ein makelloser, zutiefst ergreifender Film“.

Winter’s Bone, der vorherige Film der Regisseurin Debra Granik, sorgte 2011 für viel Aufmerksamkeit, bekam Oscar-Nominierungen, und machte die Schauspielerin Jennifer Lawrence zum Star.  Angesichts des Milieus des Films, der zurückhaltenden Darstellung und die Thematisierung von Problemen der amerikanischen Unterschicht wäre dies vielleicht überraschend, wenn nicht die Qualität der schauspielerischen Leistung und des Filmemachers so überragend gewesen wären.

Ähnlich bei Leave No Trace.  Der neue Film erzählt die Geschichte eines Kriegsveterans und seiner Tochter, die sich eine Existenz am Rande der amerikanischen Gesellschaft erkämpft haben – und was passiert, wenn dieses Leben bedroht wird.  Wie Winter’s Bone macht auch dieser Film eine junge Frau zum Star: Thomasin Harcourt-McKenzie, die Tochter Tom spielt, wurde bereits mehrfach für ihre Rolle ausgezeichnet.  Der „starke, großartige“ Ben Foster verkörpert Vater Will.

Wir freuen uns, einen der besten Filme des Jahres 2018 noch kurz vor Schluss ins Casablanca zu holen.

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Sandstern

Filmtipp von Lisa Koch, Mit-Organisatorin von „Psychoanalyse und Film“

Im Film Sandstern von Yilmaz Arslan werden wir in die Erlebniswelt eines 12jährigen Jungen geführt, der von der türkischen Mittelmeerküste in eine deutsche Kleinstadt kommt. Er muss seine geliebte Großmutter und die Umgebung seiner Kindheit verlassen und wird hinein geworfen in eine fremde Welt mit ihm unvertrauten, wenig empathischen Eltern. Er kann sich in der fremden Sprache nicht verständigen und fühlt von anderen Kindern ausgeschlossen und isoliert. In berührenden Bildern, mit wenigen Worten bringt uns der Regisseur die vielfältigen Gefühle des jungen Helden nahe, ohne sich in melodramatischer Stimmung zu verlieren. Eingeleitet und immer wieder durchsetzt von märchenhaften Erzählelementen bekommen die schicksalshaft traurigen Momente wie auch überraschend fröhliche Begegnungen in Oktays Leben umso mehr Realität. Arslan zeigt uns mit seinem Film, dass Mut und Kraft auf Menschlichkeit und Verständnis treffen können und sich damit neue Wege eröffnen. Ein optimistischer Film, auch zum Thema coming of age. Sehr sehenswert.

Der Film ist aktuell in unserem Programm. Alle Spielzeiten und weitere Infos hier!