Berlinale-Rückblick (3)

von Rainer Mesch (Programmgruppe & CasaAkademie)

Liebe, Beziehung, die Suche nach Glück – das sind universelle Themen des Kinos und sie stehen in vielfältigen Variationen und Spielarten auch immer wieder im Mittelpunkt von Festivalfilmen. Und selbst wenn man glaubt, das alles schon einmal gesehen zu haben, gibt es Filme, die durch ihre Geschichte, ihre Figuren, ihre Erzählweise aufs Neue berühren. So erging es unserer Programmgruppe z.B. bei der Sichtung der für den Saarbrückener Max-Ophüls-Preis nominierten Filme mit ‚Die Sonne brennt‘ (siehe den dortigen Blog-Eintrag).

Im Berlinale-Wettbewerb wurde dieses Thema durch Maria Schraders unterhaltsame Sci-Fi-Rom-Com (welch herrliche Abkürzung für eine romantische Komödie, die in der Zukunft spielt) ‚Ich bin Dein Mensch‘ repräsentiert, welche auf unterschiedliche Resonanz stiess. Während ein Teil der Kritiker (einschließlich unseres Theaterleiters, siehe seinen Beitrag hierzu) enttäuscht war, fanden ihn andere Cineasten (und ein Teil unserer Programmgruppe) durchaus sehenswert. Maren Eggert bekam für ihre Darstellerleistung einer Single-Frau, die eine Beziehung mit einem (schon ziemlich perfekt aussehenden und sprechenden) Roboter-Mann ausprobiert, sogar den Silbernen Bären.

‚Ballad of a White Cow‘

So sehr man diesen Preis einer deutschen Darstellerin auch gönnen mag, verdient hätte ihn eine andere: die iranische Regisseurin und Schauspielerin Maryam Moghaddam, die in dem zusammen mit ihrer Kollegin Behtash Sanaeeha inszenierten Wettbewerbsbeitrag ‚Ballad of a White Cow‘ (Ghasideyeh gave sefid) auch die Hauptrolle übernahm. Für mich persönlich der mutigste und stärkste Film des Festivals. Auch er handelt vordergründig von einer sich anbahnenden Beziehung: Das Leben einer Iranerin gerät aus den Fugen, als sie erfährt, dass ihr Ehemann zu Unrecht des Verbrechens angeklagt wurde, für das er hingerichtet worden ist. Die Bürokratie entschuldigt sich für den Justizirrtum und stellt eine finanzielle Entschädigung in Aussicht, die aber auf sich warten lässt. Als das Geld knapp wird und sie aus ihrer Wohnung muss, erscheint ein Fremder, der sie großzügig finanziell unterstützt und ihr eine neue Bleibe vermittelt. Spät, sehr spät, als sie sich schon in ihm verliebt hat, erfährt diese Frau die wahre Identität des neuen Freundes. Es ist ein Richter, der für den Tod ihres Mannes mitverantwortlich ist und durch seine Hilfe die Schuld zu sühnen versucht.
Eigentliches Hintergrund-Thema des Films ist die Verurteilung zur Todesstrafe, die nur in China häufiger vollstreckt wird als im Iran. ‚Ballad of a White Cow‘ greift das dortige politische System direkter an als etwa die Filme früherer Berlinale-Preisträger wie Mohammad Rasoulof oder Jafar Panahi, die beide unter Hausarrest gestellt und mit einem Arbeitsverbot belegt wurden. Hier hat das Justiz-System offensichtlich versagt und „entschuldigt“ sein Vorgehen damit, dass es wohl letztlich doch Allahs Wille gewesen sei, das ein Mensch unschuldig habe sterben müssen. Einen weiteren Tabubruch stellt eine kleine unscheinbare Szene dar, in der sich die Frau abends vor dem Spiegel die Lippen schminkt.
Als westlicher Zuschauer nicht der Erwähnung wert. Man weiß, sie wird nun in sein Zimmer gehen und sie werden wohl miteinander schlafen. Diese Vorstellung hat allerdings offenbar iranische Behörden auf dem Plan gerufen, die sich veranlasst sahen, gegen die vorgebliche Diffamierung ihres Landes durch diesen Film bei der Berlinale-Leitung Protest einzulegen.
Schade, dass dort nicht mutig genug war, abermals ein politisches Zeichen zu setzen und diesem Film mit der Auszeichnung eines Preises international Reputation zu verschaffen.
Lag es daran, dass mit ‚Doch das Böse gibt es nicht‘ von Mohammad Rasoulof im Vorjahr ein iranischer Film über das gleiche Thema (Todesstrafe) den Goldenen Bären gewann und dieser Regisseur dieses Jahr (per Zoom zugeschaltet) mit in der Berlinale-Jury war? Ich wünsche ‚Ballad of a White Cow‘ jedenfalls einen Verleih und ein zahlreiches Publikum. ⭐⭐⭐⭐⭐

‚Die Welt wird eine andere sein‘

ist der neue Film von Anne Zohra Berrached, jener Regisseurin, die vor fünf Jahren mit ’24 Wochen‘ im Berlinale-Wettbewerb vertreten war, diesmal zu sehen in einer Nebenreihe. Nach diesem eher intimen Kammerspiel präsentiert sie diesmal großes Gefühls-Kino mit politischem Hintergrund. Der Film ist in fünf in aufeinander folgende Kapitel eingeteilt und diese fünf Jahre des Zusammenseins eines jungen Paares strukturieren den Film. Er erzählt von einer türkischstämmigen Studentin der Naturwissenschaften, die sich in einem charismatischen jungen Mann verliebt, der aus dem Libanon kommt. Da trotz gemeinsamen Religionshintergrunds für ihre Herkunftsfamilie eine Beziehung mit einem Araber nicht in Frage kommt, verheimlicht sie diese zunächst und wagt aber schließlich die Eigenständigkeit. Anlässlich ihrer Heirat schwört sie ihm nicht nur ewige Treue, sondern auch, seine Geheimnisse niemals zu verraten. Schnell wird klar, dass er sich heimlich mit fremden Freunden trifft und tatsächlich auch seine Geheimnisse hat, die mit religiöser Radikalität verbunden sind. Sie ahnt nicht, dass die Welt eine andere geworden sein wird, als sie das ganze Ausmaß dessen erkennt, worin er verstrickt war.
Mit ‚Die Welt wird eine andere sein‘ (der u.U. unter dem internationalen und durchaus passenden Titel ‚Copilot‘ ins Kino kommen wird) beweist die Regisseurin einmal mehr ihren besonderen Blick für das Private im Politischen und eine große Sensibilität im Umgang mit ihren Darsteller*innen. Wie in unserem CasaAkademie-Seminar zu „Frauen auf dem Regiestuhl“ näher ausgeführt, erzählt sie ihre Geschichten stets aus weiblicher Perspektive und vermag selbst einem Tatort (‚Der Fall Holdt‘) einem feministischen Stempel aufzudrücken. Auch hier steht eine junge Frau im Mittelpunkt des Geschehens, zerrissen zwischen den Gefühlen von leidenschaftlicher Liebe, permanenter Irritation, Pflichtgefühl und Verrat. Immer wieder wird sie ihrem Partner neu vertrauen und auch der Zuschauer ist geneigt, dem durchaus sympathisch gezeichneten jungen Mann zu verzeihen. Die politische Brisanz des Themas, die wir an dieser Stelle nicht „spoilern“ möchten, steht im Hintergrund.
Genau das ist natürlich die Achilles-Ferse dieses handwerklich gekonnt gemachten und spannenden Films, dessen Handlung – so wird im Vorspann angedeutet – durchaus von realen Ereignissen inspiriert sein könnte. Insofern bedarf der Film einer Einordnung, die über das Thema weiblicher Beziehungsabhängigkeit hinausgeht. Er wirft viele Fragen auf, regt zu Diskussionen an, die wohl am besten unter Anwesenheit der Regisseurin zu führen sind. ⭐⭐⭐⭐

‚Glück‘

… heißt schlicht und ergreifend der neue Film der jungen Regisseurin Henrika Kulla, die nach ihrem hochgelobten Debutfilm ‚Jibril‘ nun mit ihrem zweiten Film in die Berlinale Nebensektion Panorama zurückkehrt. ‚Glück‘ erzählt die Geschichte der beiden Sexarbeiterinnen Maria und Sascha, die sich im Job kennen und lieben lernen.
Maria ist ein junge Italienerin und neu in dem Gewerbe, Sachsa einige Jahre älter und sehr routiniert. Mit Leichtigkeit und Präzision wird ein Arbeitsplatz portraitiert, der oftmals verklärt dargestellt wird. In diesem Film ist das Bordell ein wohnlich und fast schon familiär wirkender Ort, wo Frauen mit nüchterner Alltäglichkeit und Routine ihren (Blow- und sonstigen) Jobs nachgehen. Die Sexarbeit ist für sie schlicht nur ein Weg, Geld zu verdienen.
Henrika Kull hat über mehrere Jahre in unterschiedlichen Bordellen ausgiebig recherchiert und ihren Angaben zufolge auch schon mal der „Hausdame“ (welche schöner Begriff!) „assistiert“ (was auch immer das heißen mag). Sie hat so viele Prostituierte kennengelernt, die sich schließlich auf das Experiment eingelassen haben, mit und bei ihnen einen Film zu drehen. Während diese Frauen sich in ihrem gewohnten Umfeld selbst spielen, hat sie die Hauptrollen mit zwei professionellen Schauspielerinnen mit großer Ausstrahlung besetzt: der unglaublich präsenten bisher unbekannten Katharina Behrens und Adam Hoya, laut Verleihangaben ein „italienischer Künstler, der seit 1992 mindestens ein halbes Dutzend unterschiedlicher Namen für sich gewählt und über viele Jahre selbst von der Sexarbeit gelebt“ hat.
Dennoch ist ‚Glück‘ vorrangig kein Film über das dargestellte Milieu, sondern ein Liebesfilm zweier Frauen, der sich eben an einem ungewöhnlichen und dort nicht gerade erwartbaren Ort zuträgt. Auch spielt es keine Rolle, welche Auswirkungen diese Liebe an diesem „Arbeitsplatz“ hat, ob und wie sie auf das Zusammensein mit den anderen Frauen verändert.
Das Glück droht nicht, wie man vermuten könnte, am dortigen Milieu zu zerbrechen. Es kippt, als Sachsa versucht, das Leben mit ihrer neuen Liebe mit ihren Wurzeln in der brandenburgischen Provinz und ihrem dort lebenden 11jährigen Sohn zu verbinden.
‚Glück‘ ist vor allem ein Liebesfilm über zwei Frauen, die nicht – oder nicht mehr – an die Liebe glauben und dann plötzlich Angst vor ihrem eigenen Wagemut haben.
Ästhetisch ist dies ein Film voller authentischer kraftvoller Bilder, bei der die Kamera immer ganz nahe an den beiden Protagonistinnen ist. Trotzdem wird er es bei einem Kinoeinsatz schwer haben und es steht zu befürchten, das er angesichts seines heiklen Themas in naher Zukunft als kleines Fernsehspiel in der Spätmitternachtsschiene des mitproduzierenden ZDF landet. Wir werden uns jedenfalls darum bemühen, ihn im Casablanca zu zeigen. ⭐⭐⭐⭐

Eine kleine Schlussbemerkung: Bei der Sichtung von Beziehungsfilmen auf der Berlinale ist mir aufgefallen, dass hier zwar höchst ungewöhnliche Konstellationen abgehandelt werden, aber alle letztlich am klassischen Modell der Zweierbeziehung festhalten. Fallen dem aktuellen Kino hierzu keine Alternativen, keine Utopien mehr ein ? Ich wünsche mir jedenfalls mal wieder Filme über eine polyamore Liebe wie bei ‚Jules und Jim‘ und ‚Warum nicht!‘. Da waren uns die Filme der 60er und 70er Jahre bei ihrer Suche nach Glück mit ihren Ideen doch etwas voraus. Aber zumindest im Kino sollte doch alles möglich sein, oder?