Monat: März 2021

TV- und Mediatheken-Tipps vom 1. bis 7. April 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!


Ein letzter Tango

von German Kral, Deutschland/Argentinien 2015
Donnerstag, 1. April 2021, 1:10 Uhr (d.h. Freitag), Arte – bis 30.4. in der Arte-Mediathek

Ein Doku-Film, ein Musik-Film, ein Beziehungs-Film, ein sehenswertes Kleinod…

„Sie liebten sich, sich stritten sich, konnten sich gegenseitig nicht mehr ertragen und tanzten doch mehr als 50 Jahre lang gemeinsam: María Nieves (81) und Juan Carlos Copes (84) zählen zu den berühmtesten Tanzpaaren weltweit. Anhand ihrer Liebes- und Lebensgeschichte erzählt der Dokumentarfilm, wie der argentinische Tango den Weg auf die Weltbühne fand, wobei er weniger als gefühlvoller Tanz denn als getanztes Gefühl präsentiert wird. Junge Tänzer erarbeiten musicalartige Tango-Szenen zu Schlüsselmomenten aus Nieves’ und Copes’ Vergangenheit, die sich harmonisch-erhellend in das Porträt zweier einnehmender Persönlichkeiten einfügen.“


Was uns nicht umbringt

von Sandra Nettelbeck, Deutschland 2018
Freitag, 2. April 2021, 21:15 Uhr, ZDF

Mit hochkarätigen Schauspieler*innen besetzte deutsche Tragikomödie.

„Bei einem passionierten, insgeheim aber von den Problemen seiner Patienten manchmal auch überforderten Therapeuten laufen die Fäden eines breitgefächerten Personenreigens zusammen, aus denen das Auf und Ab im Leben der Hamburger Großstädter zum mal melancholisch dunklen, insgesamt aber eher heller gefärbten Netz gewoben ist. Der geschmeidige Ensemblefilm lotet als eine Art Kaleidoskop aus Trauer, Wut, Hoffnung und Zuversicht die Kraft gemeinsamen Redens aus, durch die sich manche Perspektive verrücken lässt. Glänzend besetzt und hervorragend gespielt.“


Boyhood

von Richard Linklater, USA 2014
Freitag, 2. April 2021, 1.10 Uhr (d.h. Samstag), ZDF

Diese mehrfach preisgekrönte (u.a. Silberner Bär der Berlinale) fiktive filmische Langzeitstudie ist sowohl gelungenes Experiment als auch filmisches Unikat.

„In zwölf Drehjahren mit denselben Schauspielern realisierte Richard Linklater einen Spielfilm über Kindheit und Jugend eines Jungen, der mit seiner Schwester und Mutter in Texas aufwächst. Von der Einschulung bis zum College sowie in vielen Gesprächen und Alltagssituationen entfaltet sich die fesselnde Reduktion auf das „gemeine Leben“, höchstens torpediert von den Erfahrungen eines Scheidungskindes. Mit hervorragend geschriebenen und gespielten Familienfiguren greifen der dokumentarische Gestus und der fiktive Inhalt in der Langzeitinszenierung virtuos ineinander und zeigen selten zu beobachtende Bilder des Heranwachsens.“


All is Lost

von J.C. Chandor, USA 2013
Freitag, 2. April 2021, 23:35 Uhr, 3Sat

Eines der besten Robert-Redford-Alterswerke.

„Ein alter Mann segelt mit seiner Yacht im Indischen Ozean. Wer er ist und wohin er will, erfährt man nicht. Stattdessen setzt der in seinen sparsamen Mitteln ganz auf Mann und Boot konzentrierte Film auf die wachsende Identifikation des Publikums mit dem von Naturgewalten heimgesuchten Segler. Ein minimalistischer Film, dessen Freude am dramatischen Detail mehr und mehr existenzieller Kontemplation weicht und damit durchaus allegorische Bezüge zulässt.“


Mörderland

von Alberto Rodriguez, Spanien 2014
Samstag, 3. April 2021, 20:15 Uhr, Tele 5 – bis 10.4. in der Tele 5-Mediathek

Düsterer, mit 10 Goyas ausgezeichneter, Sozialkrimi aus Spanien.

„Zwei Polizisten aus Madrid werden im Spätsommer 1980 in die andalusische Marschlandregion des Fluss Guadalquivir geschickt, um den Mord an zwei Mädchen aufzuklären. Sie geraten in einen Sumpf aus Ignoranz und organisiertem Verbrechen, erkennen aber auch, dass sie selbst mit sich und ihrer Vergangenheit nicht im Reinen sind. Der spannende Polizei-Thriller entwirft ein stimmig-morbides Sittenbild der 1980er-Jahre, vermittelt seine wortkarge Geschichte aber vor allem durch eine atemberaubende Bild- und Tonsprache, die die Handlung in audiovisuelle Stimmungen übersetzt.“


Rocketman

von Dexter Fletcher, USA/Großbritannien 2019
Montag, 5. April 2021, 20:15 Uhr, Pro7

Elton Johns Weg zum Weltstar als magisch-realistisches Musical.

„Beim Treffen einer Selbsthilfegruppe bekennt der Rockmusiker Elton John seine jahrelange Abhängigkeit von Drogen und Sex und rekapituliert sein bisheriges Leben: Aus der freudlosen Kindheit und den ersten Kontakten mit klassischer Musik erwächst über die Begegnung mit dem Songschreiber Bernie Taupin und eine Reihe von Charthits der kometenhafte Aufstieg zum Superstar mit extravagantem Outfit. Rauschende Musical-Biografie über den flamboyanten homosexuellen Rockmusiker mit prächtigen Kostümen und vielen Evergreens, in der Elton Johns Lebensstationen in stilisierte Auftritte aufgelöst werden.“


Fish Tank

von Andrea Arnold, Großbritannien 2019
Mittwoch, 7. April 2021, 20.15 Uhr, Arte – bis 13.4. in der Arte-Mediathek

Ein elektrisierendes britisches Sozialdrama um eine rebellierende Jugendliche.

„Ein souverän inszeniertes Drama über das Ringen einer Heranwachsenden zwischen frühreifer Lolita und hilfsbedürftigem Kind. Eine herausfordernde Coming-of-Age-Studie, die von der enormen Präsenz der Hauptdarstellerin lebt und die aufgelassenen Industriebrachen um die Themse-Mündung zum seelischen Spiegel macht.“

TV- und Mediatheken-Tipps vom 25. bis 31. März 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!


Atlas

von David Nawrath, Deutschland 2018
Donnerstag, 25. März 2021, 23:40 Uhr, ARD – bis 31.3. in der Arte-Mediathek

Stimmiges deutsches Vater-Sohn-Drama vor Gentrifizierungshintergrund.

„Ein älterer Möbelpacker, der bei einer Zwangsräumungsfirma arbeitet, trifft nach Jahrzehnten seinen Sohn wieder. Ohne sich ihm zu erkennen zu geben, will er ihn vor den kriminellen Praktiken seiner Firma bewahren, doch gelingt es ihm nicht, den Sohn davon abzuhalten, im Kampf um seine Wohnung seinerseits immer mehr Gewalt ins Auge zu fassen. Das lebensechte und konzentriert entwickelte Drama lotet die Tragik seiner Vater-Sohn-Entfremdung mit psychologischem Feingefühl aus und profitiert von brillanten Darstellern. Vielschichtig und mit Sympathie gelingt auch die Zeichnung eines randständigen sozialen Milieus, ohne dessen deprimierende Seiten zu dramatisieren.“


Marie Curie und das blaue Licht

von Marie Noëlle, Polen/Deutschland/Frankreich 2016
Freitag, 26. März 2021, 20:15 Uhr, Arte – bis 1.4. in der Arte-Mediathek


Django Unchained

von Quentin Tarantino, USA 2012
Freitag, 26. März 2021, 20:15 Uhr, Pro7

Pulp-Maestreo Quentin Tarantino goes Spahettiwestern – Oscar für Christoph Waltz.

„Ein schwarzer Sklave wird von einem weißen Kopfgeldjäger freigekauft. Aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft entwickeln sich allmählich ein Schüler-Lehrer-Verhältnis sowie eine Freundschaft. Zusammen wollen sie die Braut des ehemaligen Sklaven, die einem sadistischen Herrn gehört, befreien und Rache nehmen. Rückgreifend auf das Western-Genre, speziell den Italowestern, komponiert Quentin Tarantino eine zitat- und beziehungsreiche Ballade über den Kampf gegen Rassismus und mit Bigotterie verbrämte Grausamkeit, wobei sich exaltierte Gewaltspitzen mit anspielungsreichen Dialogen, rasante Actionszenen mit elegischen Passagen abwechseln.“


Wackersdorf

von Oliver Haffner, Deutschland 2018
Sonntag, 28. März 2021, 0:05 Uhr (d.h. Montag), ARD – bis 4.4. in der ARD-Mediathek

Bestbesuchter deutscher Film 2018 in unserem Kino, ausführlich in der CasaAkademie-Veranstaltung „Rückblick deutscher Film 2018“ gewürdigt.

„Anfang der 1980er-Jahre plant die Bayerische Staatsregierung eine atomare Wiederaufbereitungsanlage in der Oberpfalz. Doch der Landrat von Schwandorf schließt sich nach anfänglicher Begeisterung den Atomgegnern an und setzt sich an die Spitze des ländlichen Widerstandes. Der vielschichtige Film widmet dem oberpfälzer Volkshelden ein differenziertes Porträt, das durch leise Komik, eine sorgsame Ausstattung und wunderbare Schauspieler besticht. Als Beispiel für eine streitbare Zivilgesellschaft, in der sich Engagement, Idealismus und Haltung auszahlen, ist das nuancierte Zeitbild über die 1980er-Jahre auch an die Gegenwart adressiert.“


König Banash und seine Tochter

von Agnes Lisa Wegner, Deutschland/Ghana 2021
Montag, 29. März 2021, 0:00 Uhr (d.h. Dienstag), ZDF

Dokumentarfilmpreisträger der Hofer Filmtage 2021.

„Céphas Bansah betreibt in Ludwigshafen seit Jahrzehnten eine kleine Kfz-Werkstatt. Zugleich ist er König für 200.000 Menschen in seiner Heimat Ghana, initiiert und finanziert dort Hilfsprojekte. Mit seiner Tochter Katharina, einer Künstlerin und Feministin, die die Thronfolge übernehmen soll, geht er wieder einmal auf die Reise zu seinem Volk. Eine geradlinige, freundliche Reportage über die Suche von Vater und Tochter nach Wurzeln und emotionaler Heimat. Die ebenso empathische wie sachliche Berichtsform ist nicht vom Willen zu politischer und soziologischer Analyse geprägt, sondern von Achtung, Zuneigung und mitunter auch Sentimentalität.“


Lieber leben

von Grand Corps Malade, Frankreich 2016
Mittwoch, 31. März 2021, 20:15 Uhr, Arte

Auf einem autobiographischen Roman des Regisseurs basierende Reha-Tragikomödie.

„Nach einem Moment jugendlichen Leichtsinns erwacht ein junger Mann mit gebrochenem Halswirbel im Krankenhaus und kann Arme und Beine nicht mehr bewegen. In einer Reha-Klinik versucht er, mit Hilfe von Physiotherapeuten wieder auf die Beine zu kommen. Das autobiografisch geprägte Regiedebüt des Poetry-Slammers und Musikers Grand Corps Malade zeichnet mit viel Humor das durch die Realität geerdete Bild einer Rehabilitation, die nicht unbedingt nur die körperliche Wiederherstellung anzielt. Dabei öffnet die stimmige Mischung aus Reflexion, Unterhaltung und Gesellschaftskritik den Blick auf die Menschen hinter der Behinderung.“


Das schönste Mädchen der Welt

von Aaron Lehmann, Deutschland 2018
Mittwoch, 31. März 2021, 20:15 Uhr, Vox

Frischer und relativ erfolgreicher deutscher Jugendfilm mit aufstrebenden Darstellern.

„Moderne Adaption des Versdramas Cyrano de Bergerac, in dem der Klassiker in eine pubertierende Schulklasse versetzt wird. Ein Außenseiter leidet unter seiner großen Nase. Als er sich in eine neue Mitschülerin verliebt, wagt er nicht, sich ihr zu offenbaren, sondern schreibt ihr Liebessongs über das Handy eines Anderen. Die temporeiche romantische Komödie glänzt mit viel Schwung, guten Darstellern, pointierten Dialogen und mitreißenden Musicalsequenzen, ohne darüber ihre humanistischen Werte aus dem Blick zu verlieren.“


Takeshi Kitano – Japans unangepasster Star

von Yves Montmayeur, Frankreich 2019
Mittwoch, 31. März 2021, 22:00 Uhr, Arte – bis 29.5. in der Arte-Mediathek

Aktuelle Doku über den genialen Filmemacher, Fernseh- und Kinostar, Maler und Bildhauer: Der japanische Regisseur Takeshi Kitano erfand mit zwei emblematischen Filmen – „Hana-Bi“ und „Kikujiros Sommer“ – eine neue visuelle Sprache, düster, brutal und melancholisch. Der charismatische Comedian wurde in seiner Heimat aber auch durch absurde TV-Shows und politische Satiren zum Superstar. Direkt im Anschluss um 22.55 Uhr läuft „Kikujiros Sommer“ (Japan 1998), Kitanos wohl poetischster Film.

Berlinale-Rückblick (3)

von Rainer Mesch (Programmgruppe & CasaAkademie)

Liebe, Beziehung, die Suche nach Glück – das sind universelle Themen des Kinos und sie stehen in vielfältigen Variationen und Spielarten auch immer wieder im Mittelpunkt von Festivalfilmen. Und selbst wenn man glaubt, das alles schon einmal gesehen zu haben, gibt es Filme, die durch ihre Geschichte, ihre Figuren, ihre Erzählweise aufs Neue berühren. So erging es unserer Programmgruppe z.B. bei der Sichtung der für den Saarbrückener Max-Ophüls-Preis nominierten Filme mit ‚Die Sonne brennt‘ (siehe den dortigen Blog-Eintrag).

Im Berlinale-Wettbewerb wurde dieses Thema durch Maria Schraders unterhaltsame Sci-Fi-Rom-Com (welch herrliche Abkürzung für eine romantische Komödie, die in der Zukunft spielt) ‚Ich bin Dein Mensch‘ repräsentiert, welche auf unterschiedliche Resonanz stiess. Während ein Teil der Kritiker (einschließlich unseres Theaterleiters, siehe seinen Beitrag hierzu) enttäuscht war, fanden ihn andere Cineasten (und ein Teil unserer Programmgruppe) durchaus sehenswert. Maren Eggert bekam für ihre Darstellerleistung einer Single-Frau, die eine Beziehung mit einem (schon ziemlich perfekt aussehenden und sprechenden) Roboter-Mann ausprobiert, sogar den Silbernen Bären.

‚Ballad of a White Cow‘

So sehr man diesen Preis einer deutschen Darstellerin auch gönnen mag, verdient hätte ihn eine andere: die iranische Regisseurin und Schauspielerin Maryam Moghaddam, die in dem zusammen mit ihrer Kollegin Behtash Sanaeeha inszenierten Wettbewerbsbeitrag ‚Ballad of a White Cow‘ (Ghasideyeh gave sefid) auch die Hauptrolle übernahm. Für mich persönlich der mutigste und stärkste Film des Festivals. Auch er handelt vordergründig von einer sich anbahnenden Beziehung: Das Leben einer Iranerin gerät aus den Fugen, als sie erfährt, dass ihr Ehemann zu Unrecht des Verbrechens angeklagt wurde, für das er hingerichtet worden ist. Die Bürokratie entschuldigt sich für den Justizirrtum und stellt eine finanzielle Entschädigung in Aussicht, die aber auf sich warten lässt. Als das Geld knapp wird und sie aus ihrer Wohnung muss, erscheint ein Fremder, der sie großzügig finanziell unterstützt und ihr eine neue Bleibe vermittelt. Spät, sehr spät, als sie sich schon in ihm verliebt hat, erfährt diese Frau die wahre Identität des neuen Freundes. Es ist ein Richter, der für den Tod ihres Mannes mitverantwortlich ist und durch seine Hilfe die Schuld zu sühnen versucht.
Eigentliches Hintergrund-Thema des Films ist die Verurteilung zur Todesstrafe, die nur in China häufiger vollstreckt wird als im Iran. ‚Ballad of a White Cow‘ greift das dortige politische System direkter an als etwa die Filme früherer Berlinale-Preisträger wie Mohammad Rasoulof oder Jafar Panahi, die beide unter Hausarrest gestellt und mit einem Arbeitsverbot belegt wurden. Hier hat das Justiz-System offensichtlich versagt und „entschuldigt“ sein Vorgehen damit, dass es wohl letztlich doch Allahs Wille gewesen sei, das ein Mensch unschuldig habe sterben müssen. Einen weiteren Tabubruch stellt eine kleine unscheinbare Szene dar, in der sich die Frau abends vor dem Spiegel die Lippen schminkt.
Als westlicher Zuschauer nicht der Erwähnung wert. Man weiß, sie wird nun in sein Zimmer gehen und sie werden wohl miteinander schlafen. Diese Vorstellung hat allerdings offenbar iranische Behörden auf dem Plan gerufen, die sich veranlasst sahen, gegen die vorgebliche Diffamierung ihres Landes durch diesen Film bei der Berlinale-Leitung Protest einzulegen.
Schade, dass dort nicht mutig genug war, abermals ein politisches Zeichen zu setzen und diesem Film mit der Auszeichnung eines Preises international Reputation zu verschaffen.
Lag es daran, dass mit ‚Doch das Böse gibt es nicht‘ von Mohammad Rasoulof im Vorjahr ein iranischer Film über das gleiche Thema (Todesstrafe) den Goldenen Bären gewann und dieser Regisseur dieses Jahr (per Zoom zugeschaltet) mit in der Berlinale-Jury war? Ich wünsche ‚Ballad of a White Cow‘ jedenfalls einen Verleih und ein zahlreiches Publikum. ⭐⭐⭐⭐⭐

‚Die Welt wird eine andere sein‘

ist der neue Film von Anne Zohra Berrached, jener Regisseurin, die vor fünf Jahren mit ’24 Wochen‘ im Berlinale-Wettbewerb vertreten war, diesmal zu sehen in einer Nebenreihe. Nach diesem eher intimen Kammerspiel präsentiert sie diesmal großes Gefühls-Kino mit politischem Hintergrund. Der Film ist in fünf in aufeinander folgende Kapitel eingeteilt und diese fünf Jahre des Zusammenseins eines jungen Paares strukturieren den Film. Er erzählt von einer türkischstämmigen Studentin der Naturwissenschaften, die sich in einem charismatischen jungen Mann verliebt, der aus dem Libanon kommt. Da trotz gemeinsamen Religionshintergrunds für ihre Herkunftsfamilie eine Beziehung mit einem Araber nicht in Frage kommt, verheimlicht sie diese zunächst und wagt aber schließlich die Eigenständigkeit. Anlässlich ihrer Heirat schwört sie ihm nicht nur ewige Treue, sondern auch, seine Geheimnisse niemals zu verraten. Schnell wird klar, dass er sich heimlich mit fremden Freunden trifft und tatsächlich auch seine Geheimnisse hat, die mit religiöser Radikalität verbunden sind. Sie ahnt nicht, dass die Welt eine andere geworden sein wird, als sie das ganze Ausmaß dessen erkennt, worin er verstrickt war.
Mit ‚Die Welt wird eine andere sein‘ (der u.U. unter dem internationalen und durchaus passenden Titel ‚Copilot‘ ins Kino kommen wird) beweist die Regisseurin einmal mehr ihren besonderen Blick für das Private im Politischen und eine große Sensibilität im Umgang mit ihren Darsteller*innen. Wie in unserem CasaAkademie-Seminar zu „Frauen auf dem Regiestuhl“ näher ausgeführt, erzählt sie ihre Geschichten stets aus weiblicher Perspektive und vermag selbst einem Tatort (‚Der Fall Holdt‘) einem feministischen Stempel aufzudrücken. Auch hier steht eine junge Frau im Mittelpunkt des Geschehens, zerrissen zwischen den Gefühlen von leidenschaftlicher Liebe, permanenter Irritation, Pflichtgefühl und Verrat. Immer wieder wird sie ihrem Partner neu vertrauen und auch der Zuschauer ist geneigt, dem durchaus sympathisch gezeichneten jungen Mann zu verzeihen. Die politische Brisanz des Themas, die wir an dieser Stelle nicht „spoilern“ möchten, steht im Hintergrund.
Genau das ist natürlich die Achilles-Ferse dieses handwerklich gekonnt gemachten und spannenden Films, dessen Handlung – so wird im Vorspann angedeutet – durchaus von realen Ereignissen inspiriert sein könnte. Insofern bedarf der Film einer Einordnung, die über das Thema weiblicher Beziehungsabhängigkeit hinausgeht. Er wirft viele Fragen auf, regt zu Diskussionen an, die wohl am besten unter Anwesenheit der Regisseurin zu führen sind. ⭐⭐⭐⭐

‚Glück‘

… heißt schlicht und ergreifend der neue Film der jungen Regisseurin Henrika Kulla, die nach ihrem hochgelobten Debutfilm ‚Jibril‘ nun mit ihrem zweiten Film in die Berlinale Nebensektion Panorama zurückkehrt. ‚Glück‘ erzählt die Geschichte der beiden Sexarbeiterinnen Maria und Sascha, die sich im Job kennen und lieben lernen.
Maria ist ein junge Italienerin und neu in dem Gewerbe, Sachsa einige Jahre älter und sehr routiniert. Mit Leichtigkeit und Präzision wird ein Arbeitsplatz portraitiert, der oftmals verklärt dargestellt wird. In diesem Film ist das Bordell ein wohnlich und fast schon familiär wirkender Ort, wo Frauen mit nüchterner Alltäglichkeit und Routine ihren (Blow- und sonstigen) Jobs nachgehen. Die Sexarbeit ist für sie schlicht nur ein Weg, Geld zu verdienen.
Henrika Kull hat über mehrere Jahre in unterschiedlichen Bordellen ausgiebig recherchiert und ihren Angaben zufolge auch schon mal der „Hausdame“ (welche schöner Begriff!) „assistiert“ (was auch immer das heißen mag). Sie hat so viele Prostituierte kennengelernt, die sich schließlich auf das Experiment eingelassen haben, mit und bei ihnen einen Film zu drehen. Während diese Frauen sich in ihrem gewohnten Umfeld selbst spielen, hat sie die Hauptrollen mit zwei professionellen Schauspielerinnen mit großer Ausstrahlung besetzt: der unglaublich präsenten bisher unbekannten Katharina Behrens und Adam Hoya, laut Verleihangaben ein „italienischer Künstler, der seit 1992 mindestens ein halbes Dutzend unterschiedlicher Namen für sich gewählt und über viele Jahre selbst von der Sexarbeit gelebt“ hat.
Dennoch ist ‚Glück‘ vorrangig kein Film über das dargestellte Milieu, sondern ein Liebesfilm zweier Frauen, der sich eben an einem ungewöhnlichen und dort nicht gerade erwartbaren Ort zuträgt. Auch spielt es keine Rolle, welche Auswirkungen diese Liebe an diesem „Arbeitsplatz“ hat, ob und wie sie auf das Zusammensein mit den anderen Frauen verändert.
Das Glück droht nicht, wie man vermuten könnte, am dortigen Milieu zu zerbrechen. Es kippt, als Sachsa versucht, das Leben mit ihrer neuen Liebe mit ihren Wurzeln in der brandenburgischen Provinz und ihrem dort lebenden 11jährigen Sohn zu verbinden.
‚Glück‘ ist vor allem ein Liebesfilm über zwei Frauen, die nicht – oder nicht mehr – an die Liebe glauben und dann plötzlich Angst vor ihrem eigenen Wagemut haben.
Ästhetisch ist dies ein Film voller authentischer kraftvoller Bilder, bei der die Kamera immer ganz nahe an den beiden Protagonistinnen ist. Trotzdem wird er es bei einem Kinoeinsatz schwer haben und es steht zu befürchten, das er angesichts seines heiklen Themas in naher Zukunft als kleines Fernsehspiel in der Spätmitternachtsschiene des mitproduzierenden ZDF landet. Wir werden uns jedenfalls darum bemühen, ihn im Casablanca zu zeigen. ⭐⭐⭐⭐

Eine kleine Schlussbemerkung: Bei der Sichtung von Beziehungsfilmen auf der Berlinale ist mir aufgefallen, dass hier zwar höchst ungewöhnliche Konstellationen abgehandelt werden, aber alle letztlich am klassischen Modell der Zweierbeziehung festhalten. Fallen dem aktuellen Kino hierzu keine Alternativen, keine Utopien mehr ein ? Ich wünsche mir jedenfalls mal wieder Filme über eine polyamore Liebe wie bei ‚Jules und Jim‘ und ‚Warum nicht!‘. Da waren uns die Filme der 60er und 70er Jahre bei ihrer Suche nach Glück mit ihren Ideen doch etwas voraus. Aber zumindest im Kino sollte doch alles möglich sein, oder?

TV- und Mediatheken-Tipps vom 18. bis 24. März 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!


Das schönste Paar

von Sven Taddicken, Deutschland 2018
Donnerstag, 18. März 2021, 0:10 Uhr (d.h. Freitag), Arte

Bemerkenswertes deutsches Beziehungs-Kino mit Maximilian Brückner und Luise Heyer.

„Zwei Jahre nach einem brutalen Überfall in einer Ferienwohnung auf Mallorca gerät die Beziehung eines bürgerlichen Paares in eine neue Krise, als der Mann einem der damaligen Täter auf die Spur kommt. Während er sich immer mehr in eine Art Zweikampf mit dem jugendlichen Täter verbeißt, will die Frau nicht mehr an das Geschehene rühren. Das subtile Drama lotet die Motive der glänzend gespielten Figuren aus und macht deutlich, wie unterschiedlich mit lange nachwirkenden Traumata umgegangen werden kann.“


Ich und Du

von Bernardo Bertolucci, Italien 2012
Donnerstag, 18. März 2021, 23:30 Uhr, WDR

Der letzte Film des 2018 verstorbenen bedeutenden italienischen Regisseurs.

„Statt mit seinen Schulkameraden in den Winterurlaub zu fahren, verkriecht sich ein schüchterner 14-Jähriger eine Woche lang im Keller seiner Eltern, wo er zufällig seiner drogensüchtigen Halbschwester begegnet. Nach und nach kommen die beiden ungleichen Geschwister einander näher. Ein im besten Sinn aus der Zeit gefallener Film, in dem Verborgenes bisweilen zaghaft zum Vorschein kommt, nie aber die Grenze des Fantasierten überschritten wird. Was ihn zu einem kleinen cineastischen Meisterwerk macht, ist nicht die Auflösung der Metaphorik, sondern sein atmosphärischer Zauber: Virtuos verwandelt Bernardo Bertolucci das Kellergewölbe eines italienischen Mehrfamilienhauses mit sanft-poetischen Kinobildern in eine surreale Seelenlandschaft.“


Ziemlich beste Freunde

von Eric Toledano, Frankreich 2011
Samstag, 20. März 2021, 22:30 Uhr, MDR – bis 27.3. in der ARD-Mediathek

Schwungvolles und sehr erfolgreiches französisches Wohlfühlkino.

„Ein wohlhabender, an den Rollstuhl gefesselter Franzose adeliger Herkunft engagiert einen jungen Migranten als Pfleger, der so gar nicht in den kultivierten Haushalt passen will. Doch sein Dienstherr will nicht länger wie ein rohes Ei behandelt werden. Charmantes Buddy-Movie mit pfiffigen Dialogen und guten Hauptdarstellern, das zwischen Komik und Sentiment balanciert und dafür plädiert, sozialen und kulturellen Differenzen nicht mit Hass, sondern mit Solidarität zu begegnen.“


The Hate U Give

von George Tillman Jr., USA 2018
Samstag, 20. März 2021, 20:15 Uhr, Pro7

Eine starke, bewegende „black lives matter“- Geschichte aus der US-Gegenwart.

„Ein 16-jähriges afroamerikanisches Mädchen aus einer bürgerlichen Familie wird Zeugin, wie ihr ebenfalls schwarzer Freund bei einem Verkehrsdelikt von einem weißen Polizeioffizier erschossen wird. Der auf einem Bestseller für junge Erwachsene basierende Film bemüht sich nach Kräften, Voreingenommenheiten und Komplikationen, die sich aus der gesellschaftlichen Spaltung des amerikanischen Alltagslebens ergeben, in publikumswirksamem Stil darzustellen.“


Der Trafikant

von Nikolaus Leytner, Österreich/Deutschland 2018
Sonntag, 21. März 2021, 0:50 Uhr (d.h. Montag), SWR – bis 29.9. in der ARD-Mediathek

Dank der kongenialen Besetzung mit Bruno Ganz als Sigmund Freud ein eindrücklicher Film über politisch schwere Zeiten.

„Ein etwas verträumter 17-Jähriger aus dem Salzkammergut wird 1937 nach Wien geschickt, um in einer Trafik als Gehilfe zu arbeiten. Bald erlebt er aus nächster Nähe die Angriffe der Nazi-Anhänger, die seinen antifaschistischen Chef bedrohen, auch vor jüdischen Trafik-Kunden wie dem Psychoanalyse-Begründer Sigmund Freud nicht Halt machen und ihn selbst schließlich zu einer Positionierung zwingen. Verfilmung des gleichnamigen Romans von Robert Seethaler, die dessen Detailgenauigkeit weitgehend übertragen kann.“


Capernaum – Stadt der Hoffnung

von Nadine Labaki, Libanon/Frankreich/USA 2018
Mittwoch, 24. März 2021, 20:15 Uhr, Arte

Mehrfach ausgezeichnetes und oscarnominiertes Sozialdrama, das 2018 in Cannes standing ovations und den Preis der Jury bekam.

„Dokumentarisch anmutender Spielfilm über einen zwölfjährigen Straßenjungen aus einem Armenviertel in Beirut, der bei einer Flüchtlingsfrau aus Äthiopien Unterschlupf findet und sich um deren kleinen Jungen kümmert. Als die Mutter nicht mehr auftaucht, ist er mit dem Kind auf sich gestellt. Mit großer Zugewandtheit, aber relativ nüchtern schildert das auf intensiven Recherchen beruhende Drama den ausweglosen Kampf ums Überleben. Der von einer großen Menschlichkeit getragene Film konfrontiert mit erschütterndem Elend, hält Sentimentalität wie Zynismus aber gleichermaßen auf Distanz. Ein ebenso bewegender wie kluger, weitgehend von Laienschauspielern grandios gespielter Film.“


All I Never Wanted

von Leonie Stade, Deutschland 2018
Mittwoch, 24. März 2021, 0.15 Uhr (d.h. Donnerstag), BR – bis 16.6. in der ARD-Mediathek

Bei uns im Kino mit der Regisseurin rege diskutierte Mockumentary über weibliche Medienwirklichkeit.

„Zwei junge Filmemacherinnen drehen eine Doku über eine 17-jährige Jugendliche, die für eine Model-Karriere ihr Abitur sausen lässt, dabei aber ähnlich viele Kompromisse wie eine ältere Schauspielerin machen muss, die von einer Jüngeren ausgebootet wird. In den elegant ineinander geschachtelten Episoden verwischt die Unterscheidung zwischen Satire und Realsatire, wie sich auch die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation aufheben. Eine feministische Tragikomödie mit selbstironischen Untertönen, die als Mockumentary ein allumfassendes System der Ausbeutung aufspießt und dabei auch nicht den Anteil der Ausgebeuteten daran vergisst.“

Berlinale-Rückblick (2)

von Yulia Krylova (Casa-Programmgruppe)

Filme können dabei helfen, um den gegenwärtigen globalen Geschehnissen und Sorgen für wenigstens 90 Minuten zu entkommen. Während diese Strategie in den Lockdowns mithilfe von älteren Filmen möglich war, wurden schrittweise auch die neusten Berlinale Filme logistisch und thematisch von der Corona-Krise eingeholt. Dies hat sich vor allem nicht nur durch die verringerte Zahl an Schauspieler*innen und Statist*innen und der bevorzugten Wahl von leeren Drehorten gezeigt, sondern auch auf die jeweiligen Inhalte, die zwangsweise Parallelen zur Pandemie herstellten, ausgewirkt.

Mit Petite Maman von Céline Sciamma wird die 8-jährige Protagonistin mit der Einsamkeit durch ihre Situation als Einzelkind konfrontiert. Hervorgerufen durch den Tod ihrer Oma und dem damit verbundenen Rückzug der Mutter, sticht diese Suche nach Gesellschaft noch deutlicher hervor. Durch ihre kindliche Imagination versucht die Protagonistin, dem Alleinsein zu entkommen und die Sehnsucht nach ihrer Mutter zu verarbeiten. Die Kamera begleitet sie dabei nicht nur durch minimalistische Räume, sondern auch mit weiten Aufnahmen durch den Wald. Eine unschuldige und rührende Verarbeitung einer Mutter-Tochter Beziehung. ⭐⭐⭐⭐⭐

Ein weiterer familiärer Bund wird in dem kanadisch-libanesischen Film Memory Box von Joana Hadjithomas und Khalil Joreige auf die Probe gestellt. Ausgelöst durch ein Paket, dessen Inhalt aus Fotografien, Sprachaufzeichnungen und Texten der Mutter aus ihrer Jugend im Libanon während des Bürgerkriegs besteht, kurz bevor diese nach Kanada ausgewandert ist, wird die Frage nach Heimat, Grenzüberschreitungen und der Verarbeitung von Traumata aufgeworfen. Während die Tochter sich sehr schnell in dem nostalgischen Inhalt verliert, das Tempo der Mutter zögerlich bleibt und die Oma den neugefundenen Schatz am liebsten im Keller lassen möchte, wird die Vergangenheit und der damit verbundene Schmerz aufgearbeitet. Eine Reise durch die Zeit und um die Welt, die sehr spezifisch und dennoch auf so vielen Ebenen universell erscheint. ⭐⭐⭐⭐⭐

Wheel of Fortune and Fantasy von Ryusuke Hamaguchi stellt drei separate Kurzgeschichten vor: eine Dreiecksbeziehung, welche die eigene Welt doch kleiner als erwartet erscheinen lässt, ein geplanter und dennoch unberechenbarer Sabotageversuch und ein gegenseitiges Missverständnis, welches in einer abgeänderten Gegenwart spielt, die als invertierte Version der Corona-Pandemie assoziiert werden könnte. Alle geprägt durch ein Zwischenspiel von Zufällen, Initiativen und den jeweiligen Konsequenzen, dahin führend zu einem Konglomerat von Verlusten, Reue und neuen Hoffnungen – angeleitet durch emotionsstarke Konversationen. ⭐⭐⭐⭐⭐

So sehr mich die Verarbeitung und stellenweise abstrakte Inszenierung der aktuellen globalen Lage angenehm überrascht hat, hoffe ich dennoch, dass diese für uns alle ermüdende Situation bald ihr Ende finden wird und somit auch, mit einer Verzögerung einhergehend, Covid-freie Filme wieder produziert und (vorzugsweise endlich wieder in unserem Casablanca) konsumiert werden können.

Berlinale-Rückblick (1)

von Matthias Damm (Theaterleiter)

Die Berlinale 2021 ist vorbei – zumindest das „Industry Event“, bei dem die Fachwelt die Filme des Wettbewerb und der anderen Sektionen sehen durfte. Im Juni folgt dann noch ein Festival vor Ort in Berlin fürs Publikum.

Berlinale – das heißt normalerweise: Anstehen für Karten am zugigen Potsdamer Platz in klirrender Kälte. Hin- und Herhetzen zwischen Zoo, Alexanderplatz, Friedrichstadtpalast und Potsdamer Platz, um den Terminplan, der bei der Planung noch irgendwie machbar aussah, einzuhalten. Fast Food an den Food Trucks oder Dönerläden der Stadt. Die abstruse Hässlichkeit der gescheiterten Stadtplanung der Arkaden am Potsdamer Platz mit ihren (auch vor Corona) leeren Geschäften. Mehr Zeit in der S-Bahn als im Kino. Wenig Schlaf. Aber auch: Kino International, Zoo-Palast, Friedrichstadtpalast – Filme auf gigantischen Leinwänden und in den schönsten Sälen der Stadt. Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen und Zufallsbekanntschaften. Small Talk und harte Verhandlungen im Vorübergehen. Reaktionen des Publikums auf Filme – eines Publikums, das in Berlin immer zum großen Teil aus Nicht-Fachleuten besteht – echte Kinofans, für die ein Festivalbesuch kein Arbeitstermin, sondern ein Ereignis ist. Wegdämmern bei Filmen, die gerade nicht passen oder die so richtig schlecht sind – und Begeisterung darüber, wenn man im ganzen professionellen „Sichten“ von Filmen von einigen davon berührt oder mitgerissen wird.

Funktioniert das auch bei einer Berlinale, bei der aus der Leinwand des International plötzlich ein Laptop-Bildschirm wird? Natürlich funktioniert es irgendwie – gute Filme bleiben gute Filme. Aber es fehlt so wahnsinnig viel und man möchte nicht länger vor dem Schreibtisch sitzen, sondern ins Kino.

Nun ist es enorm praktisch, wenn man einen leeren Kinosaal zur Verfügung hat, in dem man den Laptop anstecken und den Film dann doch auf einer echten Kinoleinwand sehen konnte – für einige Mitglieder der Casa-Programmgruppe fand ein Teil der Berlinale dann glücklicherweise doch im Kinosaal statt, ohne Festival außenrum und in einem Kino ohne Publikum. Das macht Lust auf die Wiedereröffnung, Lust darauf, die tollen Filme, die wir sehen konnten, in unser Kino zu holen und mit unseren Gästen zu sehen, zu feiern, zu hassen oder einfach nicht zu verstehen. Bald ist es so weit – bleibt stark!

Und welche Filme gab es zu sehen? Es waren überschaubar wenige im Vergleich zu einer regulären Berlinale, um die 100 wohl in den verschiedenen Sektionen, nur 15 im Wettbewerb. Wie großartig (und wie schön wäre es, wenn das so bliebe!) – eine Berlinale, bei der man danach das Gefühl hat, dass man fast alles überblicken konnte, dass man das meiste von dem gesehen hat, was man sehen wollte und bei der doch genug Überraschungen und Zufallstreffer blieben.

Ein Höhepunkt natürlich: Der absolut verdiente Festival-Gewinner Bad Luck Banging or Loony Porn von Radu Jude. Der einzige Film in meiner Auswahl, der Corona direkt thematisiert – und die einzige Art der Thematisierung, die ich sehen möchte. Ein wildes, versponnenes, rohes und geniales Artefakt – das in Berlin vor Ort sicher für schöne Szenen gesorgt hätte, denn natürlich muss man zu Beginn der Geschichte über das Tribunal gegen eine Lehrerin, von der ein Porno-Filmchen im Internet auftaucht und für größtmögliche Empörung sorgt ebendieses Filmchen auch sehen – in volle Länge, Drastik und fragwürdiger Ästhetik gleich zu Beginn des Films. Die Szene wiederholt sich später, wenn die empörte Elternschaft im Hof der Elite-Schule wider die Angeklagte zu Gericht sitzt und die Empörtesten ganz nach an das herumgereichte Tablet heranrücken, um auch genau sehen zu können, was da Empörendes zu sehen ist. Radu Judes Zielrichtung ist klar – jede Gruppe der rumänischen Gesellschaft kriegt hier ihr Fett weg, das Militär, die Kirche, die moralisch Kaputten und die, die mit ihren Autos der Stadt Bukarest die Luft zum Atmen nehmen. Im Mittelteil des Films wird ein Lexikon eingeschoben, das so absurd-witzig wie grotesk ist. Die rumänische Gesellschaft hat sich ihren Radu Jude offenbar redlich verdient – und man wünscht sich auch für Deutschland Filmemacherinnen und Filmemacher, die mit so viel Energie und so wenig Respekt zu Werke gehen. (Bewertung auf einer Skala mit maximal 5 Sternen: ⭐⭐⭐⭐⭐

In gewisser Hinsicht der Gegenentwurf dazu ist Maria Schraders vieldiskutierter Ich bin Dein Mensch. Hier wird genau geplant (was nichts Schlechtes ist) und eine der wichtigsten Fragen der aktuellen Zeit angegangen, die nach der Roboter-Ethik – wo sind die Grenzen dessen, was künstliche Intelligenz darf, vor allem wenn sie im Gewand eines Menschen daherkommt, eines Androiden? Taugen Androiden als Partner für Menschen aus Fleisch und Blut? Haben sie Rechte? Pflichten? Und natürlich die alte Frage von Philip K. Dick „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ (die Titel des Romans ist, der dem Klassiker ‚Bade Runner‘ zugrundeliegt. Und hier liegt das Problem mit diesem Film: All diese Fragen wurden in Filmen bereits hundert Mal beantwortet – und Schraders Werk fügt dem keinen interessanten Aspekt hinzu. Dabei ist das Setting betörend: Androide Roboter, die als Partner-Ersatz für echte Menschen dienen sollen, haben es zur Marktreife gebracht und sollen getestet werden, wofür offenbar auch eine Expertin für Keilschrift befähigt ist, die nun für drei Wochen einen Androiden an der Seite hat. Was hätte man nur aus dieser Idee machen können – aber obwohl der überaus hübsche Robotermensch genau den Ansprüchen der zu Beglückenden entsprechend modelliert wurde, räumt erst mal die Bücherwand um, mischt sich in ihre Forschung ein und steht stundenlang im Regen rum. Hier passt leider nichts zusammen – sollen wir wirklich glauben, dass es offenkundig KIs gibt, die sich in Sekunden einen Überblick über den Forschungsstand eines abseitigen Fachgebiets verschaffen und mal eben Jahre der Forschung entwerten können, diese aber nur in experimentellen Escort-Robotern verbaut werden? Muss wirklich jede lustige Frage beantwortet werden, die sich ein fünfjähriger ausdenken würde, wenn er gefragt wird, was menschenähnliche Roboter wohl alles lustiges anstellen würden? Richtig ärgerlich wird es dann, wenn die Frage nach der technischen Ausstattung des Beglückers im Intimbereich erörtert wird: Alles vorhanden, muss aber durch ausdauerndes Rumgeknutsche aktiviert werden. Kein Roboter für eine Nacht also, künstlichen Sex gibts hier nur wenn vorher künstliche Intimität geliefert wird. Das weibliche Modell scheint anders zu funktionieren, wie man später im Film von einem hochzufriedenen Kunden erfährt, für die männliche Variante muss die Benutzerin schön züchtig Vorspiel machen – da wurde ein entscheidender Teil des Drehbuchs wohl direkt aus den 50ern zugeliefert. Das alles sieht keineswegs schlecht aus, sondern liefert gefällige Fernsehfilm-Ästhetik (was für den Berlinale-Wettbewerb etwas wenig ist) – bleibt aber leider immer auf dem Niveau einer gefälligen Feelgood-Komödie. Schade – das konnte Frau Schrader in „Unorthodox“ besser. ⭐⭐

Dass deutsche Filme (die überaus stark im Programm der Berlinale vertreten waren) mehr können, zeigen andere Beispiele:

Das klappt als Fingerübung, wie Daniel Brühls Regie-Debüt Nebenan, nach einem Buch von Daniel Kehlmann, in dem Brühl vermutlich sich selbst spielt, als Berliner Schauspiel-Yuppie und Gentrifizierungs-Vorantreiber mit Altbauwohnung und Hang zur staubigen Ästhetik einer Berliner Eckkneipe. Schauspieler als Regisseure sind nicht immer eine gute Kombination – aber dass Brühl nicht nur seinen Lebensstil zur Disposition stellt, sondern sich auch von seinem Spielpartner, dem wie immer großartigen Peter Kurth an die Wand spielen lässt. Vermutlich ist auch das ein Corona-Film, mit winziger Besetzung und nur einem Schauplatz – und doch ein vielschichtiger und ungemein lustiger Film. ⭐⭐⭐⭐⭐

Eigenwillig-großartig auch Tim Fehlbaum Tides, der als Special lief. Fehlbaum hat vor einigen Jahren für wenig Geld den tollen Endzeit-Film ‚Hell‘ gemacht. Geld war jetzt offenbar nicht das Problem – die Constantin Produktion (mit Roland Emmerich als Zugpferd) fährt ganz große Optik auf. Der Plot ist post-apokalyptisch: Die Erde wurde vom Klimawandel zerstört und ist zur Wasserwelt geworden. Die Bevölkerung ist geflohen, muss nun aber vom Planeten Kepler zurückkehren – und prüft, ob der Planet sich so weit erholt hat, dass das möglich wird. Bewohnt wird die zerstörte Erde von Überlebenden, die in alten Industrieanlagen und Schiffen hausen. Vermutlich sollte man die innere Logik so eines Films nicht im Detail beleuchten – aber Fehlbaum gelingt es nicht nur, seine Geschichte voranzutreiben, er schafft auch Bilder, die es so beeindruckend-dreckig selten in einem deutschen Film gab. Offenbar wurde wenig mit digitalen Effekten gearbeitet sondern tatsächlich im Wattenmeer gedreht. Schwer zu sagen, ob nicht doch ‚Hell‘ der bessere (weil authentischere) Film ist, aber beeindruckend ist Tides allemal. ⭐⭐⭐⭐

Christian Schwochow zeigte (ebenfalls als Special) Je Suis Karl, der in gewisser Hinsicht komplementär zu ‚Und morgen die ganze Welt‘ von Julia von Heinz ist. Es geht um politische Gewalt, um Terrorismus: In Berlin findet ein Bombenattentat auf ein Wohnhaus statt, das schnell von den Medien als islamistischer Anschlag interpretiert wird. Tatsächlich: Ein Joe Job einer rechten Terrorgruppe, Teil des Plans in Richtung der Machtergreifung und organisiert von einer Bewegung, für die der Terror ein Mittel ist, die sich sonst aber modern gibt, mit professionell organisierten Jugendcamps und Zurechtweisung derer, die die Parolen von gestern verwenden – man ist jung und hip, man ist pro-europäisch, man beschwört Zusammenhalt und kämpft gleichzeitig gegen die, die als Gefahr von außen gebrandmarkt werden. Vielleicht dreht Schwochow die Schraube am Schluss eine Umdrehung zu weit – aber sein Film ist groß und vermutlich näher an der Realität als manche/r sich vorstellen will. ⭐⭐⭐⭐⭐

Und dann ist da Dominik Graf, der dieses Mal keine Serie und keinen Fernsehfilm gedreht hat, sondern eine drei Stunden dauernde Verfilmung von Erich Kästerns Fabian oder Der Gang vor die Hunde. Drei Stunden lang ist Tom Schilling in jedem Bild und säuft, liebt und vögelt sich durchs Berlin der 20er Jahre. Der Film beginnt mit einer wilden Exposition und wirkt zunächst wie „Babylon Berlin“ auf Speed, entwickelt dann aber in eigenwillig-altmodischer analoger 4:3-Ästhetik ein aus der Zeit gefallenes Kunstwerk, das ganz viel erzählt über die Zeit, in der Deutschland in die Brüche ging aber auch vieles entstand (vor allem: Das Kino!) ⭐⭐⭐⭐⭐

Viele gute deutsche Filme also? In der Tat – erstaunlich viele gute. Und sie sind immer gut, wenn sie sich trauen, nicht wie deutsche Filme auszusehen. Natürlich gibts auch auf der Berlinale andere, wie Die Saat von Mia Maariel Meyer, der in der „Perspektive deutsches Kino“ läuft. Armes deutsches Kino, wenn das seine Perspektive ist! „Mit unaufhaltsam steigendem Druck beschreibt Regisseurin Mia Maariel Meyer in ihrem zweiten Spielfilm eine durch Kapitalismus entmenschlichte Welt, in der der Kampf für Gerechtigkeit und Integrität zur Zerreißprobe wird.“ steht im Pressetext. Ja, das tut sie – aber sie tut es ohne jeden Zwischenton, ohne jede Überraschung, ohne jegliche Figurenentwicklung. Hier ist in jeder Szene klar, wer gut ist und wer böse – und für den Fall, dass es jemand nicht versteht, muss die Ausstattung und die Maske ran, die den Finsterlingen düstere Augenringe und schmierige Gel-Haare schminken. Ein Film, der dezidiert fürs Kino produziert wurde und der viel Fördergeld versenkt hat – und der doch nicht mehr ist als ein Wiedergänger aus der deutschen Fernsehspiel-Hölle, der tut, als müsse man bei einem Kinofilm sicherstellen, dass man jederzeit nebenbei bügeln oder Bier holen können muss, ohne den Anschluss zu verlieren. ⭐

(wird fortgesetzt)

TV- und Mediatheken-Tipps vom 11. bis 17. März 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!


Das Ende der Wahrheit

von Philipp Leinemann, Deutschland 2019
Donnerstag, 11. März 2021, 23:55 Uhr, Arte

Ein Novum: Spannendes und gut recherchiertes deutsches Genre-Kino.

„Der Tod seiner Freundin bei einem angeblichen Terroranschlag auf ein Café bringt einen BND-Mitarbeiter auf die Spur dubioser Machenschaften, in die auch sein eigener Dienstgeber verwickelt ist. Der komplexe Politthriller entwirft eine schwer durchschaubare Gemengelage aus ökonomischen Interessen, geopolitischen Strategien, Machtkalkül und Korrumpierbarkeit als Spiegel der dissonanten Gegenwart.“


Der Glanz der Unsichtbaren

von Louis-Julien Petit, Frankreich 2018
Donnerstag, 11. März 2021, 23:20 Uhr, WDR

Eine aktuelle anspruchsvolle Sozialkomödie aus französischer Produktion.

„In einer nordfranzösischen Stadt soll ein Tageszentrum für obdachlose Frauen wegen angeblicher Ineffektivität geschlossen werden. Die Sozialarbeiterinnen setzen deshalb alles daran, um ihren Schützlingen doch noch einen Weg zurück in die Gesellschaft zu ebnen und wecken tatsächlich den lange unterdrückten Willen zum Aufbruch. Herzliche, flott und pointiert inszenierte Sozialkomödie, deren überwiegend von Laien gespielte Figuren eine große Wahrhaftigkeit ausstrahlen. Nachdrücklich sensibilisiert der Film für die Aufmerksamkeit gegenüber Ausgegrenzten und würdigt zugleich Einsatz, Mut und Kreativität der Sozialhelferinnen.“


Dämonen und Wunder

von Jacques Audiard, Frankreich 2015
Samstag, 13. März 2021, 23:00 Uhr, 3Sat – bis 20.3. in der 3Sat-Mediathek (jeweils von 22-6 Uhr)

Dieses intensive Flüchtlingsdrama gewann die Goldene Palme in Cannes.

„Ein tamilischer Widerstandkämpfer schließt sich mit einer Frau und einem verwaisten Mädchen zusammen, um dem Bürgerkrieg in Sri Lanka zu entkommen. Als vermeintliche Familie landen sie in einer Banlieue des Pariser Umlands, wo sich der Mann als Hausmeister, die Frau als Haushaltshilfe eines Gangsters, das Mädchen als Schülerin zu assimilieren versuchen. Der kraftvoll erzählte Film handelt von Menschen, die sich mit Zwangslagen arrangieren, und davon, wie Frustration in Angst und Gewalt umschlägt. Pendelnd zwischen poetischen Szenen, harten Realitätsbrüchen und intimen Familie“-Szenen ist er Märchen und Kommentar zur aktuellen Flüchtlingskrise zugleich, ein Drama über Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.“


Birnenkuchen mit Lavendel

von Éric Besnard, Frankreich 2015
Samstag, 13. März 2021, 0:40 Uhr (d.h. Sonntag), HR – bis 21.3. in der ARD-Mediathek

In Corona-Zeiten besonders wohltuendes französisches Gefühlskino.

„Eine verwitwete Französin führt mit wenig Erfolg den provençalischen Birnen- und Lavendelhof ihres verstorbenen Ehemanns weiter. Als sie einen eigenbrötlerischen Mann mit dem Auto anfährt, wendet sich ihr Schicksal, denn der am Asperger-Syndrom leidende Computerfreak entpuppt sich als Gegengewicht zu ihrer ungebändigten Emotionalität. Die sommerwarme Komödie plädiert mit unterhaltsamen Dialogen und französischem Landhaus-Flair für Toleranz und Verständnis gegenüber Menschen, die anders sind.“


Vom Lokführer, der die Liebe suchte…

von Veit Helmer, Deutschland/Aserbeidschan 2018
Sonntag, 14. März 2021, 0:00 Uhr (d.h. Montag), ARD – bis 12.6. in der ARD-Mediathek

Noch ein Novum: Ein skurriles deutsches Filmmärchen völlig ohne Dialoge.

„Ein verlorener Büstenhalter weckt in einem soeben pensionierten Lokführer ungeahnte Sehnsüchte. Wie der Prinz im Aschenputtel-Märchen sucht er fortan nach der Besitzerin des Wäschestücks in einem traumhaft überzeichneten, vormodernen Aserbaidschan. Der Verzicht auf Dialoge und ein außergewöhnliches Gespür für Raumwirkungen verleihen dem Film einen besonderen Flair und eine nostalgische Note.“


Die Verführten

von Sofia Coppola, USA 2017
Sonntag, 14. März 2021, 20:15 Uhr, Arte

Stilvolles Remake eines Clint-Eastwood-Films mit Nicole Kidman und Colin Farrell.

„Ein verwundeter Nordstaaten-Soldat wird während des US-amerikanischen Bürgerkriegs in einem abgelegenen Internat gepflegt, in dem nur noch zwei Pädagoginnen und fünf heranwachsende Mädchen leben. Ein vorzüglich ausgestattetes, stilistisch exquisit gefilmtes Drama, in dem es weniger um die Macht verdrängter Sexualität als um das im Puritanismus besonders ausgeprägte System repressiver Kontrolle geht. Dabei verschiebt die Romanverfilmung den Fokus der früheren Adaption von Don Siegel zugunsten der Frauen, die um die Gunst des Verletzten konkurrieren.“


Homs – ein zerstörter Traum

von Talal Derki, Syrien/Deutschland 2017
Dienstag, 16. März 2021, 23:45 Uhr, Arte – bis 14.4. in der Arte-Mediathek

Vorgängerfilm des oscarnominierten „Of Fathers and Sons“-Regisseurs, der bei uns per Skype im vollbesetzten Kinosaal zur Diskusssion zugeschaltet war.

„Dokumentarfilm über einen 19-jährigen Syrer, der seit Herbst 2011 gegen die Regierungsdespoten um Staatschef Assad protestiert und aktiv in den Widerstandskampf einsteigt. Drei Jahre lang wurde das Filmmaterial außer Landes geschmuggelt und in Berlin mit Unterstützung mehrerer internationaler Fernsehstationen endgeschnitten. So entstanden das eindrückliche Porträt eines charismatischen Jungen und zugleich die Chronologie eines menschenverachtenden Bürgerkriegs.“


Angels‘ Share – ein Schluck für die Engel

von Ken Loach, Großbritannien/Frankreich/Belgien/Italien 2012
Mittwoch 17. März 2021, 20:15 Uhr, Arte – bis 23.3. in der Arte-Mediathek

Ein Ken-Loach-Film. Mehr braucht man dazu nicht sagen. Außer: alle sind gut.

„Ein junger, körperlich eher schmächtiger Glasgower Hitzkopf, der mit der Tochter seines Todfeinds ein Kind erwartet, wird mit drei weiteren Jugendlichen zu gemeinnütziger Sozialarbeit verurteilt. Dank eines engagierten Sozialarbeiters entdeckt er, dass er eine feine Nase für Whisky besitzt, und heckt einen verwegenen Plan aus, wie ein einziges Fass Single Malt die Tür zu einer besseren Welt aufstoßen könnte. Eine erfrischend zupackende Komödie, die dramaturgisch zwar in mehrere Teile zerfällt, aber ein so erdiges Loblied auf Solidarität und Mitmenschlichkeit anstimmt, dass man sich der beglückenden Katharsis einer späten Gerechtigkeit nicht entziehen kann.“

TV- und Mediatheken-Tipps vom 4. bis 10. März 2021

Zusammengestellt von Rainer Mesch (Casa-Akademie) und mit Zitaten aus den Kurzkritiken von filmdienst.de!


Gutland

von Govinda van Maele, Luxemburg/Belgien/Deutschland 2017
Donnerstag, 4. März 2021, 23:50 Uhr, Arte

Reizvoller Debutfilm aus Luxemburg mit Frederick Lau und Vicky Krieps.

„Ein wortkarger Deutscher flüchtet mit der Beute aus einem Überfall in ein abgelegenes Dorf in Luxemburg. Er verliebt sich in die Tochter des Bürgermeisters und scheint sich in den ländlichen Alltag zu integrieren. Doch dann holt ihn seine Vergangenheit ein, und auch hinter der dörflichen Idylle tun sich Abgründe auf. Der erfrischend mutige Genre-Mix verbindet Elemente des Horrorgenres mit inszenatorischen Elementen des Independent-Kinos.“


Babai

von Visar Morina, Deutschland/Kosovo/Mazedonien/Frankreich 2015
Samstag, 6. März 2021, 23:35 Uhr, 3Sat – bis 15.4. in der 3Sat-Mediathek

Gewinner des Förderpreises deutsches Kino (Filmfest München) für Regie und Drehbuch.

„Ein zehnjähriger Junge aus dem Kosovo folgt in den 1990er-Jahren den Spuren seines Vaters, der sich nach Deutschland absetzte, und macht sich, ganz auf sich allein gestellt, auf eine gefahrvolle Reise quer durch Europa. Das mit viel melancholischem Humor grundierte Drama dreht sich um einen Vater-Sohn-Konflikt, spart aber auch die Tristesse des historischen Zusammenhangs nicht aus. Der auf autobiografischen Erlebnissen beruhende Debütfilm handelt eindringlich von der Erfahrung, niemandem trauen zu können, hält aber zugleich tragikomisch-trotzig den Trost parat, sich nicht unterkriegen zu lassen.“


Nach der Hochzeit

von Susanne Bier, Dänemark 2006
Montag, 8. März 2021, 20:15 Uhr, Arte – bis 14.3. in der Arte-Mediathek

Oscarnominiertes authentisches dänisches Kino.

„Ein Mann, der einst die Heimat verließ und nun in Indien ein Waisenhaus führt, kehrt widerwillig nach Dänemark zurück,um von einem reichen Fabrikanten Geld für seine Schützlinge zu erwirken. Dessen Familie ist mit der Vergangenheit des Helden verbunden; die Begegnung zwingt ihn, sich mit seinem früheren Verhalten, daraus erwachsenen Verantwortungen sowie den Motiven für seine karitative Arbeit in Indien auseinander zu setzen. Überzeugendes soziologisches und emotionales Experiment, routiniert inszeniert und in den Hauptrollen hervorragend gespielt.“


Toni Erdmann

von Maren Ade, Deutschland/Österreich/Rumänien 2016
Montag, 8. März 2021, 22:10 Uhr, One – bis 15.3. in der ARD-Mediathek

Herausragendster deutscher Film des Jahres 2016 (bayerischer, deutscher und europäischer Filmpreis) – in unserem CasaAkademie-Seminar „Frauen auf dem Regiestuhl“ näher vorgestellt.

„Ein alternder Musiklehrer taucht unangemeldet bei seiner Tochter in Bukarest auf, wo diese für eine Unternehmensberatung an Rationalisierungskonzepten für die Ölindustrie arbeitet. Entsetzt von ihrem freudlosen Manager-Dasein, will er sie in der Gestalt eines kauzigen Alter Egos aus der Reserve locken. Eine souverän zwischen Komik, Tragik und surrealen Momenten wandelnde dramatische Komödie um einen Generationenkonflikt, bei dem sich beide Seiten umkreisen, befehden und schließlich doch annähern. Vorzüglich inszeniert und getragen von zwei überragenden Darstellern, entwirft der Film mit großer innerer Wahrhaftigkeit ein vielschichtiges Vater-Tochter-Verhältnis mit zeitkritischen Anklängen. Untergründig kreist er dabei stets auch um die Frage, wie man leben will.“


Grüße aus Fukushima

von Doris Dörrie, Deutschland 2016
Dienstag, 9. März 2021, 0:20 Uhr (d.h. Mittwoch), ZDF – bis 16.3. in der ZDF-Mediathek

Doris Dörrie gehört zu den bekanntesten deutschen „Frauen auf dem Regiestuhl“.

„Eine junge Deutsche will sich mit Auftritten als Clown in der zerstörten japanischen Provinz Fukushima von ihrem eigenen Unglück ablenken. Dabei lernt sie eine einstige Geisha kennen, zu der sie langsam eine Beziehung findet und der sie beim Aufbau ihres zerstörten Hauses in der radioaktiv kontaminierten Zone hilft. Die mit großer Sensibilität ebenso leicht wie poetisch inszenierte Geschichte fügt sich perfekt in die gespenstischen Originalschauplätze ein. Mit stimmigen Bildern und wunderbaren Hauptdarstellerinnen erzählt der liebevoll gestaltete Film eine universell gültige Geschichte vom Leben und vom Abschiednehmen.“


Gravity

von Alfonso Cuaron, USA 2013
Mittwoch, 10. März 2021, 20:15 Uhr, Kabel 1

Mit 7 Oscars (u .a. für beste Regie, Kamera und visuelle Effekte) ausgezeichnetes grandioses Weltraum-Drama mit Sandra Bullock und George Clooney.

„Zwei US-amerikanische Astronauten, ein Mann und eine Frau, die auf Forschungsmission im All unterwegs sind, geraten in einen Trümmer-Regen von Satellitenbruchstücken. Ihr Shuttle wird zerstört, der Rest der Mannschaft getötet. Allein hilflos im Weltraum treibend, müssen sie versuchen zu überleben. Das ins All verlegte Kammerspiel um zwei Figuren spielt zwar mit etwas trivialen Durchhalte- und Opfermythen, bleibt dabei aber nicht stehen, sondern weitet sich dank einer furiosen, höchst eindrucksvoll raumwirksamen Inszenierung zum melancholischen Drama, das dem Motiv der Eroberung des Weltalls jedes Pathos austreibt zugunsten des Szenarios einer fundamentalen Krise.“

Im Anschluss (um 22:05 Uhr) läuft die Reportage „Die besten ScFi-Filme aller Zeiten“, in der Filmexperten zusammen mit einem Ex-Astronauten Science-Fiction-Klassiker analysieren.


Frantz

von Francois Ozon, Frankreich/Deutschland 2016
Mittwoch, 10. März 2021, 20:15 Uhr, Arte

Stilvolles Schwarz-Weiß-Melodram des französischen Multi-Talents Francois Ozon mit einer Paraderolle für Paula Beer,die in Venedig als beste Nachwuchsschauspielerin prämiert wurde.

„Als eine junge Deutsche 1919 am Grab ihres im Krieg gefallenen Verlobten einen trauernden Franzosen entdeckt, führt sie ihn bei den Eltern des Toten ein. Auf ihr Drängen hin malt er ihre aus der Vorkriegszeit resultierende Freundschaft und eine gemeinsam in Paris verbrachte Zeit aus. Die feinen Schilderungen des vor Ort angefeindeten Franzosen wecken bei der Verlobten Gefühle, bis er ein die Verhältnisse umwälzendes Geständnis macht. Mit großer Ruhe und Leichtigkeit entwickelt die Inszenierung eine ebenso schöne wie tieftraurige Geschichte um Schuld, Einsamkeit und heilsame Fiktionen, aber auch um Vergebung und das Vermögen, die Lebensfreude zu entdecken. Fokussiert auf den Schmerz und die Entwicklung einer jungen Frau, der nach einem großen Verlust ein zweiter droht, bricht immer dann Farbe in den Schwarz-Weiß-Film ein, wenn Momente des Glücks und der Kunst auf eine hoffnungsvollere Zukunft deuten.“