Monat: März 2019

Der Fall Sarah und Saleem

Filmtipp von Black (Casa-Programmgruppe)

Mit „Der Fall Sarah & Saleem“ habe ich mit Sicherheit den ersten Film auf meiner persönlichen Top 10 Liste meiner Lieblingsfilme 2019.

Der palästinensische Filmemacher Muayad Alayan erzählt eine sehr menschliche Geschichte. Alle Beteiligten landen in einem moralischen Dilemma und sind gezwungen Entscheidungen zu treffen, mit extremen Auswirkungen auf das Eigene und das Leben anderer.

Die Israelin Sarah aus West-Jerusalem betreibt ein Cafe und hat ein Verhältnis mit ihrem Lieferanten Saleem, einem Palästinenser aus Ost-Jerusalem. Es ist eine reine sexuelle Beziehung, die regelmäßig im Lieferwagen vollzogen wird. Aber einmal begleitet Sarah, Saleem auf eine Ausfahrtour nach Bethlehem und das wird ihre „Normalität“ völlig verändern.

Ein harmloser Zwischenfall in einer Bar lässt die Situation eskalieren und ab da wird bewusst, dass Jerusalem keine normale Stadt ist. Ab jetzt wird alles politisch.

Alle vier Charakteren Sarah und ihr beim Militär arbeitender Ehemann und Saleem und seine schwangere Ehefrau werden nicht mehr in der Lage sein das Ganze zu regeln.

Die Rollen sind perfekt besetzt. Die Bilder und Szenarien wirken real. Es ist kein Hollywood-Kino, es ist eine intensiv erzählte Geschichte die einen mitnimmt und auch nach dem Kinobesuch noch beschäftigt.

„Der Fall Sarah & Saleem“ ist echtes, vielschichtiges Arthoueskino.

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Vom Lokführer, der die Liebe suchte

Filmtipp von Rainer (Casa-Programmgruppe)

Sie sind der Meinung, dass heutzutage in den Filmen viel zu viel gequatscht wird und sind der ewigen Beziehungsdialoge rauf und runter leid ? Sie meinen, dass sich ein wirklich guter Film sich lieber auf seine ästhetischen Qualitäten besinnen sollte, auf seine Bild- und Zeichensprache, auf Musik und Ton? Sie möchten mal wieder einen deutschen Film sehen, der sich darauf besinnt ?

Dann sind Sie bei Veit Helmer richtig. Der verdient mal wirklich den Namen Ausnahme-Regisseur, denn bei seinen Filmen steht nicht die eigentliche Geschichte im Vordergrund, sondern deren visuelle Umsetzung – und die geht auch völlig ohne Dialoge ! Das hat Veit Helmer bereits bei seinem hochgelobten Debutfilm „Tuvalu“ bewiesen, für den er vor einigen Jahren den bayerischen Filmpreis für Regie und den Publikumspreis beim Max-Ophüls-Festival bekam. Der Film war durchaus ein Wagnis, denn Kino-Zuschauer sind es nun mal  nicht gewöhnt, dass nur über Mimik und Körpersprache kommuniziert wird. Aber wer ihn gesehen hat, wird ihn in Erinnerung behalten.

Und freut sich nun auf den „Lokführer“, in dem gerade mal zwei Worte gesprochen werden. Mehr ist auch nicht nötig, um diese Geschichte zu verstehen. Sie spielt in einem Randbezirk von Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans. Ein alternder Lokführer, der tagein, tagaus auf einer Kleinspurbahn durch enge Wohnsiedlungen unterwegs ist, steht im Mittelpunkt. Der findet eines Tages einen auf seiner Wegstrecke liegenden BH, der offenbar von einer kurzfristig abgehängten Wäscheleine gefallen ist. Der Film erzählt davon, dass er den er seiner rechtmäßigen Besitzerin zurück geben will. Kein Wunder, dass bei dieser Geschichte ein paar Komplikationen vorprogrammiert sind.  Aber der Film wird nie schlüpfrig, hält sich auch in „pikanten“ Situationen diskret zurück.

Helmers Filmkunst besteht darin, durch das Spiel seiner Darsteller, durch Geräusche und Musik dem Film so viel Leben einzuhauchen, dass der Zuschauer nach einiger Zeit gar nicht mehr merkt, dass ihm etwas fehlen könnte (nämlich die Dialoge). Und diese Leistung ist nicht hoch genug einzuschätzen, denn in einer Zeit, in der insbesondere amerikanische Mainstreamfilme mit hohen Schnittfrequenzen um die Aufmerksamkeit des Publikums buhlen, ist dieser Film ein „altmodisches“ Unikat. Er entfaltet seine Poesie quasi nebenbei, lässt den Zuschauer Zeit und Ruhe, das etwas verschroben wirkende  Figurenarsenal kennen zu lernen, bietet leisen Situations-Witz statt vordergründiger Schenkelklopfer.

Sie glauben, dass der deutsche Film nicht innovativ sein kann ? Lassen Sie sich eines besseren belehren…

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Hi, A.I.

Filmtipp von Rainer (Casa-Programmgruppe)

Künstliche Intelligenz ist derzeit eines der spannendsten Themen unserer Zeit. Wenn es nach der Industrie geht, sollen künftig  selbst fahrende Autos und digital vernetzte Haushalte so selbstverständlich sein wie heute smartphones. Aktuell schon verbreitet ist die technische Hilfskraft „Alexa“, die Sprachbefehle umsetzt und dabei menschliche Handgriffe bei entsprechend vernetzten Geräten ersetzt. Aber die technische Entwicklung geht viel weiter. Künftig sollen Roboter nicht mehr technische „Handlanger“ der menschlichen Spezies sein, sondern deren – Gesprächspartner.

Und was uns die Regisseurin Isa Willinger in ihrem Dokumentarfilm hier an Beispielen zeigt, lässt den Science-Fiction-Film „Her“, der eine Liebesbeziehung zwischen einem Menschen und einem künstlichen Wesen schildert, als gar nicht mehr so abwegig erscheinen. Dazu passt eine kürzliche Meldung aus Japan, wo ein Mann bei einer feierlichen Zeremonie tatsächlich ein digitales Wesen „geheiratet“ hat. Wie uns „Hi, A.I.“ zeigt, sind gerade in Japan kleine Roboter keineswegs exotisch. Sie werden in durchaus beachtlichen Mengen preiswert hergestellt und wie z.B. im Film dazu eingesetzt, älteren vereinsamten Menschen als Kommunikationsmedium zu dienen. Man sieht in ihnen tatsächlich „Familienmitglieder“ und behandelt sie wie ein zum Haushalt gehörendes Kind.

In USA geht man noch einige Schritte weiter und hat menschenähnlich aussehende Androiden entwickelt, mit denen man sich auf hohen kulturellen Niveau unterhalten und auf Reisen gehen kann. Eine ganze Woche ist im Film ein einzelgängerischer Amerikaner mit seiner sexy gestylten Roboterpuppe unterwegs – und keiner der Passanten, den er begegnet, scheint sich daran zu stören.

Im Gegenteil: „Harmony“ ist für ihn die perfekte Partnerin, mit der er auch schwierige biografische Erlebnisse „besprechen“ kann – und die ihn „versteht“. Sie ist nämlich so programmiert, dass sie „empathisch“ auf geäußerte Gefühle und verändertes Sprechverhalten des Gegenübers reagieren kann. Sie kann mit ihm darüber reflektieren, dass er ein Mensch ist und sie „nur“ ein künstlich geschaffenes Wesen. Betrachtet man die Empathie-“Fähigkeit“ mancher Mitmenschen, ist sie einigen von ihnen in manchen Dingen allerdings durchaus voraus…

„Hi, A. I.“ nimmt uns mit auf eine Reise in die Welt von morgen. Eine Welt, in der vielleicht nicht nur Pflege-Roboter zum Standard gehören, sondern auch Roboter-“Menschen“, mit denen wir kommunizieren, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. „Hi, A.I.“ erzählt davon sehr sensibel und ohne wertenden Kommentar. Er hat nicht nur den diesjährigen Dokumentarfilmpreis beim Max-Ophüls- Festival bekommen und wurde in dieser Sparte für den deutschen Filmpreis nominiert, er gehört für mich schon jetzt zu den herausragenden Doku-Filmen dieses Jahres.

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