Monat: Dezember 2018

Roma – jetzt doch im Casa

Über keinen Film wurde in den letzten Wochen so viel diskutiert wie über „Roma“ von Alfonso Cuarón.

Der Film gewann den Goldenen Löwen in Venedig und danach viele weitere Preise. Er wird als Meisterwerk des Regisseurs beschrieben, der vorher schon mit herausragenden Filmen wie Children of Men, Pans Labyrinth oder Gravity auffiel.

SzenenfotoAber: Schon vor dem Löwen-Gewinn war klar, dass ein Streaming-Dienst die Rechte an Roma erworben hat und der Film nicht regulär ins Kino kommen würde. „Regulär ins Kino bringen“, das bedeutet unter anderem, dass die traditionelle Verwertungskette eingehalten wird, mit einem Auswertungsfenster, in dem die Kinos den Film exklusiv zeigen dürfen – ein Geschäftsmodell, das zunehmend unter Druck steht.

Lange sah es so aus, als würde Roma in Deutschland gar nicht im Kino zu sehen sein – und dann kam die Möglichkeit auf, den Film nur eine Woche vor dem Streaming-Start im Kino zeigen zu können. Würde das Schule machen, wäre das Kino, wie wir es kennen, irgendwann in seiner Existenz bedroht. Die AG Kino/Gilde (in dem auch das Casablanca organisiert ist) empfahl ihren Mitgliedern daher eine harte Linie – kein Eingehen auf diese Bedingungen und keine Vorführungen von Roma, um nicht zum Teil der Werbestrategie eines Streaming-Dienstes zu werden, der seinerseits nicht signalisiert, dass er Interesse an einer konstruktiven Zusammenarbeit mit den Kinos hat.

Nun kündigen wir an, dass wir Roma doch zeigen werden – zunächst an zwei Terminen, am 30. Dezember im Weihnachtsprogramm und am 24. Februar als Matinée, am Tag vor der Verleihung der Oscars, bei der sich der Film beste Chancen auf Trophäen machen dar. Warum das? Wir haben zwei Punkte abgewogen – die Gepflogenheiten unserer Branche einerseits – und andererseits der absolut verständliche Wunsch des Publikums, den Film eben nicht nur zu Hause auf dem Fernseher sehen zu können, sondern auch auf der Kinoleinwand.

Entscheidungen wie diese gab es schon häufiger – schon in der Vergangenheit gab es immer wieder Filme, die als „Event“ kurz vor einer Fernsehausstrahlung oder der Veröffentlichung auf DVD oder VOD ins Kino kamen. Die Regel, die wir hierbei stets befolgt haben ist, solche Filme nie wie einen normalen Kinostart täglich ins Programm zu nehmen, sondern nur als Sondervorstellung – und dabei wird es auch im Fall Roma nun bleiben!

Ist Roma der Beginn des Endes der Kinos? Sicherlich nicht. Kino wird es geben, so lange Menschen ins Kino gehen. Wir gehen nicht davon aus, dass das Kino am Ende ist – auch nach den Erfahrungen des Jahres 2018, der für viele Kinos ein Katastrophen-Jahr war, in dem das Casablanca aber stabile Zuschauerzahlen hatte.

Mehr zum Thema:

Leave No Trace

Filmtipp von Fiona, Casablanca-Programmgruppe

Szenenbild

Bei der Veröffentlichung in Deutschland im September 2018 ging Leave No Trace leider etwas unter.  Dabei haben mehrere Kritiker den Film inzwischen zu ihren Favoriten des Jahres gekürt, wie der Brite Mark Kermode: „…ein Werk von überwältigender, unauffälliger Stärke, das mir einfach den Atem beraubt hat…. Ein makelloser, zutiefst ergreifender Film“.

Winter’s Bone, der vorherige Film der Regisseurin Debra Granik, sorgte 2011 für viel Aufmerksamkeit, bekam Oscar-Nominierungen, und machte die Schauspielerin Jennifer Lawrence zum Star.  Angesichts des Milieus des Films, der zurückhaltenden Darstellung und die Thematisierung von Problemen der amerikanischen Unterschicht wäre dies vielleicht überraschend, wenn nicht die Qualität der schauspielerischen Leistung und des Filmemachers so überragend gewesen wären.

Ähnlich bei Leave No Trace.  Der neue Film erzählt die Geschichte eines Kriegsveterans und seiner Tochter, die sich eine Existenz am Rande der amerikanischen Gesellschaft erkämpft haben – und was passiert, wenn dieses Leben bedroht wird.  Wie Winter’s Bone macht auch dieser Film eine junge Frau zum Star: Thomasin Harcourt-McKenzie, die Tochter Tom spielt, wurde bereits mehrfach für ihre Rolle ausgezeichnet.  Der „starke, großartige“ Ben Foster verkörpert Vater Will.

Wir freuen uns, einen der besten Filme des Jahres 2018 noch kurz vor Schluss ins Casablanca zu holen.

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Sandstern

Filmtipp von Lisa Koch, Mit-Organisatorin von „Psychoanalyse und Film“

Im Film Sandstern von Yilmaz Arslan werden wir in die Erlebniswelt eines 12jährigen Jungen geführt, der von der türkischen Mittelmeerküste in eine deutsche Kleinstadt kommt. Er muss seine geliebte Großmutter und die Umgebung seiner Kindheit verlassen und wird hinein geworfen in eine fremde Welt mit ihm unvertrauten, wenig empathischen Eltern. Er kann sich in der fremden Sprache nicht verständigen und fühlt von anderen Kindern ausgeschlossen und isoliert. In berührenden Bildern, mit wenigen Worten bringt uns der Regisseur die vielfältigen Gefühle des jungen Helden nahe, ohne sich in melodramatischer Stimmung zu verlieren. Eingeleitet und immer wieder durchsetzt von märchenhaften Erzählelementen bekommen die schicksalshaft traurigen Momente wie auch überraschend fröhliche Begegnungen in Oktays Leben umso mehr Realität. Arslan zeigt uns mit seinem Film, dass Mut und Kraft auf Menschlichkeit und Verständnis treffen können und sich damit neue Wege eröffnen. Ein optimistischer Film, auch zum Thema coming of age. Sehr sehenswert.

Der Film ist aktuell in unserem Programm. Alle Spielzeiten und weitere Infos hier!